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Flüchtlinge "Deutschland wird einen hohen Preis zahlen"

Kann das Integrationswunder der USA wiederholt werden? Der Migrationsforscher George Borjas von der Uni Harvard warnt im Interview vor den Folgen der ungebremsten Einwanderung nach Europa und Amerika.

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George Borjas Quelle: Martina Stewart/Harvard Kennedy School

Professor Borjas, Befürworter freier Einwanderung verweisen gern auf das Vorbild Amerika. Wie stark haben die USA von der Zuwanderung profitiert?

In den USA hat es Phasen mit hoher und geringer Zuwanderung gegeben. Der Mythos des Einwanderungslandes USA, in dem man es vom Tellerwäscher zum Millionär schafft, entstand Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals wanderten handwerklich begabte Menschen in großer Zahl nach Amerika ein. Es war die Zeit der Industrialisierung, als die USA dringend qualifizierte Arbeitskräfte benötigten. 1917 waren drei Viertel der Arbeitskräfte beim Autohersteller Ford Einwanderer. Unternehmen und Immigranten profitierten gleichermaßen.

Zur Person

War die Integration der Einwanderer ein Selbstläufer?

Die Tatsache, dass die Einwanderer auf eine hohe Arbeitskräftenachfrage der Unternehmen trafen, erleichterte die Integration. Einige Bundesstaaten setzten die Einwanderer zudem unter Druck, sich zu assimilieren. So verboten sie etwa den Einwanderern aus Deutschland, in der Öffentlichkeit Deutsch zu sprechen. Das damalige Integrationswunder beruhte auf einer historisch einmalig günstigen Konstellation. Es lässt sich kaum wiederholen.

Wie ist es danach in Amerika weitergegangen?

Weil die Zuwanderung stark anschwoll, legten die USA 1924 den Hebel um und beschränkten die Einwanderung. Einreiseerlaubnisse erhielten in dieser Zeit vorwiegend Immigranten aus Europa. Die Atempause bei der Zuwanderung förderte die Integration der bereits Eingewanderten. 1965 lockerte die Regierung das Einwanderungsregime wieder. Seither kommen die Menschen vornehmlich über den Familiennachzug nach Amerika. Eine Selektion nach Qualifikationen findet nicht statt. Viele Einwanderer sind gering qualifiziert und übernehmen einfache Jobs im Dienstleistungssektor, wo sie mit gering qualifizierten Einheimischen konkurrieren.

Was Flüchtlinge dürfen

Welchen Einfluss hat die Einwanderung auf die Demografie?

Auch Einwanderer altern. Wenn sie aus dem Erwerbsleben ausscheiden, beanspruchen sie Leistungen der Rentenkasse. Das Problem ist, dass sich ihre Geburtenrate in den USA rasch derjenigen der heimischen Bevölkerung anpasst. Daher ist es fraglich, ob die Einwanderung die demografischen Probleme langfristig lösen kann.

Unternehmer sind die Gewinner der Immigration

Die meisten Zuwanderer nach Europa sind ebenfalls nur gering qualifiziert.

Die Wohlfahrtsstaaten in Europa verteilen in hohem Maße Einkommen und Vermögen von Qualifizierten zu Unqualifizierten um. Auf diese Weise ziehen sie Migranten an, die im Schnitt weniger leistungsbereit und -fähig sind. Für die heimische Bevölkerung ist die Einwanderung eine finanzielle Belastung.

Während die Unternehmen in den USA und Europa die Einwanderung befürworten, wächst der Widerstand in der Bevölkerung.

In Arbeit
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Die Unternehmer profitieren von der Einwanderung, weil sie aus einem größeren Pool an Arbeitskräfte auswählen können. Sie sind Gewinner der Immigration. Daher kann es nicht verwundern, dass sie mehr Einwanderer wollen. Anders dagegen die Bevölkerung. Umfragen in den USA zeigen, dass die Menschen schon seit Jahren weniger Einwanderer wollen. Doch die Politiker machen das Gegenteil. Sie lassen immer mehr Menschen ins Land. In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der illegalen Einwanderer in den USA von zwei auf elf Millionen erhöht. Wir haben die Kontrolle über unsere Grenzen verloren. In den USA haben sich Parallelgesellschaften gebildet, die für enorme gesellschaftliche Spannungen sorgen. Die politische Elite erzählt den Menschen, Einwanderung sei für alle von Vorteil. Doch das ist ein Lüge. Einwanderung ist mit der Umverteilung von Wohlstand verbunden.

Was empfehlen Sie Europa und Deutschland?

Ich bin selbst als Flüchtling aus Kuba nach Amerika gekommen. Daher habe ich große Sympathie für die Menschen, die aus Syrien fliehen. Aber Deutschland überfordert sich, wenn es versucht, die Welt zu retten. Einwanderer bringen nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern auch ihre Kultur mit. Das politische, ethnische und kulturelle Gleichgewicht der deutschen Gesellschaft verschiebt sich unweigerlich. Deutschland wird einen hohen Preis für die Politik der offenen Tür zahlen – einen Preis, der vermutlich höher ist als der für das Schließen der Grenzen.


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