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Flüchtlinge in Deutschland In drei Schritten zur gelungenen Integration

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Höhere Chancen in Kleinstädten

Das bestätigt einer, der es selbst erlebt hat. Parwiz Torgull, heute 29 Jahre alt, kam 1992 mit seinen Eltern aus Afghanistan nach Deutschland. Erst wurden sie in Fulda untergebracht, später in Offenbach, einer Stadt mit besonders hohem Ausländeranteil. Torgull sagt: „Wäre ich gleich nach Offenbach gekommen, ich hätte bis heute keine ordentliche Ausbildung gemacht.“ So arbeitet Torgull in der Automobilindustrie, gerade ist er für die Motorsportabteilung von Volkswagen in China. „In dem Freundeskreis meiner Jugend sehe ich, wie sich die Biografien auseinanderentwickelt haben“, sagt Torgull, „wer in Offenbach aufgewachsen war, der ist bis heute aus dieser migrantischen Subkultur nicht herausgekommen.“ Ein geregeltes Leben hätten vor allem diejenigen, die das Zufallskarussell der Asylpolitik in behüteten deutschen Kleinstädten abgesetzt hat. Innerhalb der Städte könnte diese Zufallsverteilung eine Ghettoisierung verhindern. „Dezentralisierung ist der Schlüssel zu gelungener Einwanderung“, sagt Stadtentwickler Kniess.

Ob dezentral oder nicht, teuer wird die Unterbringung der Flüchtlinge in jedem Fall. Subventioniert der Staat etwa den Bau von Sozialwohnungen, könnte die Kaltmiete pro Quadratmeter dort auf sechs bis sieben Euro festgeschrieben werden. Ohne Zuschüsse rechnen Wohnungsunternehmen mit einem Baupreis pro Quadratmeter von mindestens rund 3000 Euro und einer Kaltmiete von rund zehn Euro. Indirekt senken könnte der Staat diese Kosten, indem er die Bauträger an anderer Stelle subventioniert. So fordern Baugewerkschaft wie Bauträger weniger Steuern aufs Bauen und bessere Abschreibungsmöglichkeiten. Nach der Einheit führte jedoch genau das dazu, dass viele Wohnungen gebaut wurden, wo sie später nicht gebraucht wurden.

1000-faches Engagement

Eines, immerhin, ist sicher: Am Engagement der Deutschen wird die Integration der Flüchtlinge nicht scheitern. Das Technische Hilfswerk hat mehr als 11.000 Kräfte im Einsatz gemeldet, die Malteser mehr als 4000 Ehrenamtler, auch der Johanniter Hilfsdienst rechnet mit mehr als 1000 ehrenamtlichen Helfern und die Feuerwehren „bundesweit mit einigen Tausend“. Gar nicht gezählt all die Studenten, Rentner und Freiwilligen, die in Nachbarschaftsinitiativen helfen, in Messehallen Kleiderspenden sortieren oder Behördengänge begleiten.

Wie in Meerbusch. Beim jährlichen Fußballturnier für Hobby- und Firmenmannschaften, wo es sonst um nette PR für Autohäuser und Bankfilialen geht, die hier ihre Mitarbeiter auflaufen lassen, nehmen in diesem Jahr auch die Super Kickers teil, ein Team von Flüchtlingen aus dem umfunktionierten Kindergarten. Auch Alaa, der junge Syrer aus Damaskus, ist dabei. Und Amanuel: 19 Jahre ist er, auch wenn er deutlich älter aussieht.

Deutschland



Im Sommer floh er aus dem von einer brutalen Diktatur heruntergewirtschafteten Eritrea. Seit drei Monaten ist er hier, einen Deutschkurs hat er begonnen, aber allenfalls auf Englisch ist ein Gespräch mit dem einstigen Oberschüler möglich. Arbeiten will er, am liebsten als Friseur.

Noch einer, der auf dieses Land hofft. Alaa hatte in seiner Heimat ein Ingenieurstudium begonnen, jetzt will er so schnell wie möglich einen Studienplatz in Deutschland. Wofür? „Egal, was – und ich wäre auch bereit, sofort irgendwo zu arbeiten.“ Und will er in Deutschland bleiben? „Ich möchte hier leben wie jeder Deutsche auch, ohne Hilfe von Fremden.“ Selbst dann, wenn es in Syrien einmal Frieden gibt?

Alaas Blick sagt nur: Frieden? In Syrien? Vergiss es.

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