WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Flüchtlingsdebatte Deutschland braucht Zuwanderer

Das Land macht es den Flüchtlingen schwer: Kommunen klagen vor hohen Kosten, zudem dürften Asylbewerber nicht arbeiten. Dabei braucht Deutschland frische Ideen.

Vor diesen Problemen stehen die Zuwanderer
Teilnehmer eines Kurses "Deutsch als Fremdsprache" Quelle: dpa
Eine Asylbewerberin wartet in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung in Berlin Quelle: dpa
Eine Frau sitzt in einem Flüchtlingsheim in einem Zimmer Quelle: dpa
Ein Flüchtling sitzt vor einer Gemeinschaftsunterkunft der Asylbewerber Quelle: dpa
Verschiedene Lebensmittel liegen in der Asylunterkunft in Böbrach (Bayern) in Körben Quelle: dpa

Wenn in Düsseldorfer Straßenbahnen zur Hauptverkehrszeit ein Sitzplatz frei ist, sitzt auf dem Platz daneben schon mal ein schwarzer Mann, den viele Leute offenbar nicht zum Nachbarn haben wollen. Zum Beispiel Herr Ahmad Ibrahim, graues, streng gescheiteltes Haar, gekleidet wie aus dem Ein-Euro-Shop, vor sich zwei Plastiktüten vom Discounter, ein Gesicht, das nur noch aus Falten zu bestehen scheint. Wer sich dann doch neben ihn setzt und ihn anspricht, erfährt schnell, dass Ibrahim seit 23 Jahren in Deutschland lebt. 20 Jahre davon hat er in großen Hotels gearbeitet, „Mädchen für alles“, er lacht selber über den seltsamen Ausdruck, „nie Sozialhilfe“.

Aus Somalia waren seine Frau und er damals gekommen, als Asyl noch nicht so ein Problem war. „Jetzt Rente, aber meine Frau noch arbeitet: Putzstelle.“ Das schwierige Wort kommt nur mit Mühe über die Lippen des Migranten, und noch viel schwerer fällt es ihm, von seinen Gefühlen angesichts der Fernsehbilder seiner unglücklichen Landsleute auf Lampedusa zu sprechen. Warum sein Nachbar in der Straßenbahn so neugierig fragt, versteht er nicht genau, das Wort „Journalist“ ist ihm fremd.

Trotzdem sind Herr Ibrahim und seine Frau Beispiele für eine Integration, die durchaus auch bei Zuwanderern gelingen kann, die keiner gerufen hat, die keine besonderen Qualifikationen haben und kulturell erst einmal sehr fremd sind. Ibrahim ist der schwierige Sprung vom Asylbewerber zum Arbeitnehmer gelungen. Die meisten der Flüchtlinge, die heute nach Deutschland kommen, stürzen beim Versuch, diese Hürde zu nehmen. 100.000 Menschen werden in diesem Jahr in Deutschland einen Asylantrag stellen, schätzt das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, so hoch waren die Zahlen zuletzt vor zwölf Jahren.

Die Kommunen warnen vor der finanziellen Belastung, sie wissen kaum, wo sie die Flüchtlinge unterbringen sollen. Weil für Asylbewerber hohe Hürden bei der Arbeitssuche gelten, haben sie kaum Chancen auf einen eigenen Verdienst. Also sitzen sie gelangweilt und nur mit eingeschränkten Rechten oft jahrelang in von Steuerzahlern bezahlten Asylheimen fest.

Die Stadt Schwäbisch Gmünd kam da auf die Idee, Asylbewerber während des Bahnhof-Umbaus als Kofferträger zu beschäftigen, für 1,05 Euro pro Stunde. Bis die Bahn das Projekt stoppte und eigene, nach Tarif bezahlte Mitarbeiter schickte.

Auch eine Wissensgesellschaft und High-Tech-Ökonomie braucht Putzkräfte und Kofferträger wie Herrn Ibrahim. Der Widerspruch von humanitärer Flüchtlingspolitik und wirtschaftlicher Rationalität lässt sich auflösen, weil auch weniger Gebildete als Arbeitskräfte gebraucht werden. Aber nur, solange kein 8,50-Euro-Mindestlohn die Unqualifizierten in die Arbeitslosigkeit treibt. Und solange der Sozialstaat nicht ins Absurde abdreht.

Das droht, nachdem das Landgericht Essen einer seit Jahren im Ruhrgebiet lebenden rumänischen Familie Hartz-IV-Leistungen zubilligte, gerade weil der Familienvater in Deutschland nie gearbeitet hat. Arbeitssuchende Ausländer haben zwar keinerlei Anspruch auf Leistungen zum Lebensunterhalt. Was aber ist nach diesem Urteil mit Leuten, die unter Ausnutzung der Freizügigkeit im EU-Raum jetzt nach Deutschland kommen, ohne an Arbeitsaufnahme überhaupt nur zu denken? Dazu gehören schon jetzt 35.000 der insgesamt 324.000 Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien, klagt Hans-Werner Sinn, der Präsident des Münchner ifo Instituts.

Migration als Gegenmittel zur Krise

Diese Nationen wollen nach Deutschland
Die Krise in Südeuropa und die EU-Osterweiterung haben Deutschland die stärkste Zuwanderung seit 1995 gebracht. Rund 1,08 Millionen Menschen zogen im vergangenen Jahr zu und damit so viele wie zuletzt vor 17 Jahren. Im Vergleich zum Vorjahr betrug das Plus noch einmal 13 Prozent, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Etwa 966.000 Zuwanderer waren den vorläufigen Ergebnissen zufolge Ausländer (plus 15 Prozent). Die Zahl der Zuzüge von Spätaussiedlern und deutschen Rückkehrern aus dem Ausland blieb mit rund 115.000 nahezu konstant. Quelle: dpa
Einen großen Zuwachs verbuchten die deutschen Einwohnermeldeämter aus Italien: 2012 kehrten 40 Prozent mehr Italiener ihrer Heimat den Rücken um nach Deutschland zu kommen, als noch 2011. Die Zuwanderungszahlen sagen allerdings nichts darüber aus, wie lange die Menschen bleiben. So kehrten im vergangenen Jahr auch rund 712.000 Menschen Deutschland den Rücken, das waren fünf Prozent mehr als im Vorjahr. 579.000 von ihnen hatten keinen deutschen Pass. Aus den Zu- und Fortzügen ergibt sich für das Jahr 2012 ein Einwohnergewinn von 369.000 Menschen, dies ist der höchste Wert seit 1995. Quelle: dpa
Auch aus den krisengebeutelten Ländern Portugal und Griechenland kommen immer mehr Menschen ins vergleichsweise wohlsituierte Deutschland. Aus beiden Ländern sind die Einwandererzahlen im vergangenen Jahr um 43 Prozent gestiegen. Quelle: dpa
Auch die Zahl der Spanier, die nach Deutschland auswanderten, ist 2012 um 45 Prozent angestiegen. Somit gab es im vergangenen Jahr besonders starke Zuwächse aus den südeuropäischen EU-Krisenstaaten. Drei Viertel der Ausländer, die nach Deutschland kamen, zog es in fünf Bundesländer: Das Gros ging nach Bayern (192.000), gefolgt von Nordrhein-Westfalen (186.000), Baden-Württemberg (171.000), Hessen (90.000) und Niedersachsen (89.000). Quelle: dpa
Aus den osteuropäischen Ländern, die erst seit 2004 oder 2007 zur EU gehören, kamen ebenfalls mehr Menschen nach Deutschland als im Vorjahr. Besonders stark war der prozentuale Zuwachs aus Slowenien (62 Prozent). Quelle: dapd
Allerdings kamen die meisten Zuwanderer weder aus Slowenien noch aus Südeuropa. Mit 59.000 Einwanderern stellte Bulgarien die drittgrößte Gruppe. Quelle: dpa
Seit dem 1. Januar 2007 ist Rumänien ein Mitglied der EU. Die Einwohner des Landes nutzen die europaweite Freizügigkeit: 2012 kamen 116.000 Rumänen nach Deutschland. Damit machen sie die zweitgrößte Einwanderungsgruppe aus. Quelle: dpa

Gerade weil Deutschland Zuwanderung in seinen Arbeitsmarkt dringend braucht, muss Zuwanderung in das Sozialsystem streng reguliert werden. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Belastung von Sozialversicherungen und Stadtkassen. Zuwanderungsfeindliche Populisten sind in fast allen Nachbarländern Deutschlands – von Österreich bis in die Niederlande – inzwischen zum wichtigen politischen Faktor geworden, in Frankreich droht der Front National gar zur stärksten Oppositionspartei zu werden.

Dabei braucht kaum ein Land in der EU derzeit Zuwanderung so dringend wie Deutschland. Das liegt vor allem an der Überalterung der Bevölkerung und den niedrigen Geburtenzahlen. Migranten sind aber nicht nur eine Notlösung angesichts der demografischen Entwicklung. Mit der Zuwanderung kann auch ein neues Deutschland entstehen, das vielseitiger ist und anpassungsfähiger für die Herausforderungen einer globalisierten Welt. Klassische Einwanderungsländer wie Australien, Kanada und die USA haben es im 21. Jahrhundert leichter als abgeschottete Nationen – wie Japan.

In Deutschland ist die Zahl der Ausländer im vergangenen Jahr von 6,9 auf mehr als 7,2 Millionen Menschen gestiegen, obwohl gleichzeitig knapp 113.000 eingebürgerte Zuwanderer aus dieser Statistik verschwanden. 2013 ging diese Entwicklung weiter. Spanier, Griechen, Portugiesen und Italiener strömen aus ihren krisengeschüttelten Heimatländern – es sind überwiegend genau die Zuwanderer, nach denen sich die Wirtschaft in Deutschland sehnt: gut ausgebildete, ehrgeizige junge Leute ohne allzu große kulturelle Distanz zur neuen Umgebung. Also alles auf gutem Wege?

Differenz aus den altersbedingten Zu- und Abgängen auf den Arbeitsmärkten zwischen 2010 und 2020 Quelle: OECD

Fachleute warnen vor zu viel Selbstzufriedenheit. „Es ist nur eine Minderheit der hoch qualifizierten Migranten, die den Weg zu uns findet“, klagt Klaus Zimmermann, Direktor des Instituts für die Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Mit einer großen Gruppe von Mitarbeitern aus vielen Herkunftsländern hat der Arbeitsmarktforscher jetzt ein voluminöses Handbuch zur Migrationsökonomie herausgegeben. Was an seinem Institut problemlos funktioniert – die Anwerbung und Anbindung von produktiven Zuwanderern aus Griechenland und den USA, aus Israel und Indien –, fällt vielen deutschen Unternehmen noch schwer. Wie Zimmermann bei Vorträgen rund um den Globus erfahren hat, denken viele fähige Leute in der weiten Welt bei ihrer persönlichen Karriereplanung erst einmal überhaupt nicht an Deutschland. „Man braucht ein Signal, dass Deutschland offen ist für Zuwanderung“ – um die gleichsam natürlichen Hindernisse zu überwinden: die Sprachbarriere, kulturelle Vorbehalte, Ängste gegenüber einem Land, das nur langsam den Ruf der Ausländerfeindlichkeit loswird.

In Sachen Zuwanderung in die Sozialsysteme geben die IZA-Forscher Entwarnung. In Europa haben Irland, Großbritannien und Schweden seit 2004 Erfahrungen mit dem ungeregelten Zustrom von Osteuropäern aus den neuen EU-Mitgliedsländern gemacht. In Deutschland galten bis vor Kurzem noch Einschränkungen. Bei allen Unterschieden der Sozialsysteme gab es bisher keinen sichtbaren Missbrauch im großen Stil, schreiben die IZA-Autoren Corrado Giulietti und Jackline Wahba: Die meisten Leute „kamen, um zu arbeiten, und nicht, um Leistungen zu beanspruchen“. Und ihr Kollege Martin Kahanec, neben seiner IZA-Tätigkeit Professor an der Central European University in Budapest, weist drauf hin, dass die erhöhte Migration in Europa nicht nur ein Ergebnis der aktuellen Krise ist, sondern auch ein Gegenmittel: Die Migration sorge für eine bessere Verteilung von Arbeitskräften auf die Arbeitsplätze innerhalb Europas und so für „ein höheres Innovationspotenzial, bessere Nutzung von Ressourcen und damit für höhere Produktivität“. Europa insgesamt verliert seinen klassischen Standortnachteil gegenüber den USA, wo hohe Mobilität der Arbeitskräfte selbstverständlich ist.

Arbeitskräfte bleiben nicht dauerhaft

Wer arbeitet am härtesten in Europa?
Hier fasst sogar die Kanzlerin mit an. Dieses Bild vermittelt Angela Merkel zumindest bei der Versammlung der Schornsteiger-Innung in Mecklenburg-Vorpommern. Dass Merkel in den vergangenen Jahren zu Hause oder im Kanzleramt den Besen geschwungen hat, darf bezweifelt werden. Aber sie steht einer arbeitsamten Nation vor. Das jedenfalls glauben die Bürger in Europa, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov unter insgesamt 7.573 Personen in sieben europäischen Ländern zeigt. Quelle: dpa
Für viele Deutsche ein Schreckensort, den man nicht gern aufsucht: die Arbeitsagentur. Doch vielleicht trägt auch die seit den Hartz-Reformen von 2003 geltende Politik des Förderns und Forderns, für welche die Arbeitsagentur Sinnbild geworden ist, dazu bei, dass die Deutschen immer bemüht und beschäftigt wirken. In allen einbezogenen Ländern sahen die Befragten die Deutschen als fleißigste der 27 EU-Nationen an, in Deutschland selbst sehen das 46 Prozent der 1.033 Befragten so. Quelle: dpa
Die Deutschen sind für ihr Handwerk weltbekannt, das als ordentlich, vertrauenswürdig und pünktlich gilt. Das ist sicher ein ideales Zerrbild, hier im Kreis Biberach mit der niedrigsten Arbeitslosenquote in Baden-Württemberg symbolisch in Stein gefasst. Doch offenbar prägt die robuste Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt, die mit Sicherheit auch auf das Konto des produzierenden und baulichen Gewerbes mit seinen relativ stabilen 10,3 Millionen Arbeitsplätzen geht, das deutsche Image im europäischen Ausland. Quelle: dpa
Ebenfalls europäische Musterschüler sind – aus der Sicht der Deutschen – die Schweden. Zwölf Prozent der Befragten nennen die Wahlheimat von Fußball-Arbeitstier Zlatan Ibrahimovic die „am härtesten arbeitende Nation“. Vielleicht liegt der Anschein aber auch in dem Glamour und der Ordnung begründet... Quelle: dpa
...die man einer konstitutionellen Monarchie instinktiv zuordnet. Die Hochzeit von Prinzessin Madeleine und Christopher O'Neill am 8.Juni hat sicher auch eine Menge Arbeit bereitet, in die sich schwedische Angestellte stürzen durften. Quelle: dpa
Kritiker monieren, der Eindruck täusche. Angesichts von mehr und mehr Stellen im Niedriglohnsektor – 2012 nach offiziellen Zahlen 7,5 Millionen Menschen oder knapp 23 Prozent der Erwerbstätigen und damit – herrsche auf dem deutschen Arbeitsmarkt alles andere als eine gute Situation. Laut Statistischem Bundesamt waren 2010 rund 52 Prozent der ausschließlich in einem Minijob Beschäftigten damit unzufrieden, wollten eine volle Stelle. Nicht für alle arbeitswilligen Bürger gibt es die passende Arbeit, doch das trübt offenbar das Bild der Deutschen im Ausland nicht, von Hartz-IV-Schmarotzern spricht dort keiner. Quelle: dpa
Das Bild ist sogar so positiv, dass etliche Personen aus anderen Ländern nach Deutschland zum arbeiten kommen. Etwa diese rumänischen und polnischen Erntehelfer, die Spreewaldgurken sortieren. Die Deutschen bewerten ihre Nachbarn hingegen zurückhaltend. Während Polen in der YouGov-Umfrage noch ziemlich gut abschneidet und gemeinsam mit Großbritannien und den Niederlanden zumindest von zehn Prozent der deutschen Bürger als arbeitsamste Nation angesehen wird, landet Rumänien abgeschlagen auf Platz 13 von 27 bewerteten Ländern. Quelle: dpa

Was für Europa insgesamt nützlich ist, wird für Deutschland überlebenswichtig. Ohne Zu-und Abwanderung würde die deutsche Erwerbsbevölkerung in diesem Jahrzehnt um vier Prozent schrumpfen. Schon 2010 meldete jedes vierte deutsche Unternehmen einen Mangel an geeignetem Nachwuchs: Es fehlte an Elektrikern und Maschinenbauern, Kaufleuten und Köchinnen, Kellnern und Friseuren. Deutschland fehlt es an Ingenieuren, aber noch mehr an gut ausgebildeten Handwerkern. 60 Prozent der offenen Stellen in Deutschland setzten 2010 eine qualifizierte Berufsausbildung voraus, nicht unbedingt ein Studium. Immerhin 20 Prozent aller Betriebe teilten 2010 in einer Umfrage des Bundesarbeitsministeriums mit, es mangele ihnen auch an Unqualifizierten.

Die Bundesagentur für Arbeit rechnet bis 2025 mit einem Fachkräftebedarf von 5,4 Millionen Menschen. Selbst wenn Arbeitszeiten verlängert werden, selbst wenn mehr Frauen und mehr ältere Menschen einen Job annehmen als heute, bleibt eine Lücke: Gesucht werden annähernd 800.000 ausländische Fachkräfte.

Noch dramatischer sieht die Berechnung aus, die Axel Plünnecke, Leiter des Kompetenzfelds Humankapital und Innovationen am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln soeben angestellt hat. Danach wird es ohne Zuwanderung schon 2030 in deutschen Unternehmen etwa 1,8 Millionen weniger Facharbeiter aus dem Mint-Bereich geben. Mint – die Abkürzung hat Konjunktur, seit der Mangel sichtbar geworden ist – meint die studierten Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler sowie die außerhalb der Hochschulen ausgebildeten Techniker. Plünnecke sieht die Ursache auch in einer falschen Orientierung in der Bildung und Berufsausbildung: Der Anteil der Mint-Kräfte unter den 40- bis 44-Jährigen beträgt derzeit 24 Prozent, und bei den 30- bis 34-Jährigen sind es nur noch 19 Prozent.

Das Problem durch Zuwanderung zu lösen wird schwierig. Denn Deutschland gehört immer noch zu den Industrieländern mit der niedrigsten dauerhaften Immigration von Arbeitskräften. „Nur ein kleiner Teil der in jüngster Zeit zugezogenen Migranten ist in Deutschland geblieben“, klagt die OECD in einer neuen Studie über die Zuwanderung von Arbeitnehmern nach Deutschland.

Die Fluktuation ist gewaltig: Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hatten mehr als 60 Prozent der 2004 nach Deutschland eingereisten Arbeitsmigranten 2011 das Land wieder verlassen. Es gab Rückkehrer in die alte Heimat und Menschen, die in dritte Länder weiterwanderten. So etwas gibt es fast so lange, wie es Auswandererströme gibt: Von den europäischen Auswanderern in die USA war im 19. Jahrhundert fast ein Viertel wieder ins Herkunftsland zurückgekehrt. Und von den vielen Polen, die um 1900 als Bergleute ins damals aufstrebende Ruhrgebiet strömten, zog mindestens ein Drittel in den wirtschaftlich schwierigen Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts wieder weg.

Im 21. Jahrhundert ist solche Zirkularmigration von der häufigen Ausnahme beinahe zur Regel geworden, sagt der Migrationsforscher Zimmermann. Weil Fernreisen erschwinglich geworden sind, ist Migration sehr oft keine Entscheidung fürs Leben mehr – und gerade gut ausgebildete Berufstätige wandern mit Leichtigkeit von einem Land ins andere und wieder zurück.

Ohne Verständnis für dieses Phänomen, so Zimmermann, kommt die Politik zu Fehlentscheidungen. Ein krasses Beispiel war die Behandlung der türkischen Zuwanderer im Westdeutschland der Siebziger- und Achtzigerjahre. Denen machten Politiker und Ausländerämter klar, dass man sie eigentlich loswerden wollte; Anwerbestopp bedeutete, dass ein Umzug in die alte Heimat ausnahmslos den Abschied aus Deutschland für immer bedeutete – und das wollte in der Regel auch der arbeitslose Deutschtürke nicht. Im Ergebnis „sind die Türken hier geblieben, weil sie nicht zurück konnten, wenn sie einmal ausgereist waren“. Das Gleiche ist mit den mexikanischen Zuwanderern in den USA passiert: Das Verbot der Zirkularwanderung, mit der das Land den Zustrom über seine Südgrenze stoppen wollte, trieb vor allem die Arbeitslosenquote nach oben.

Der Fachkräftemangel wird nicht enden

Die beliebtesten Länder bei Einwanderern
Platz 10: Spanien6,5 Millionen Einwanderer leben im Jahr 2013 in Spanien. Im Jahr 2000 waren es erst zwei Millionen. Quelle: AP
Platz 9: AustralienNach Down Under verschlug es genauso viele Menschen. Auch hier leben aktuell 6,5 Millionen Einwanderer. Aufgrund der geringeren Einwohnerzahl ist ihr Anteil an der Bevölkerung mit 27,7 Prozent aber wesentlich höher als in Spanien (13,8 Prozent). 30.000 sind Flüchtlinge. Quelle: dpa
Platz 8: KanadaIn Kanada leben 7,3 Millionen Migranten, dazu zählen rund 163.700 Flüchtlinge. Insgesamt machen Einwanderer 20,7 Prozent der Bevölkerung aus. Quelle: AP
Platz 7: Frankreich7,4 Millionen Menschen aus dem Ausland leben 2013 in Frankreich, davon rund 218.000 Flüchtlinge. Einwanderer machen 11,6 Prozent der Bevölkerung aus. Innerhalb der Top Ten sind sie am ältesten, das Durchschnittsalter beträgt rund 48 Jahre. Quelle: REUTERS
Platz 6: GroßbritannienIn Großbritannien machen Migranten 12,4 Prozent der Bevölkerung aus. Insgesamt kommen sie auf 7,8 Millionen Menschen, davon rund 150.000 Flüchtlinge. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 5: Vereinigte Arabische EmirateEbenfalls 7,8 Millionen Einwanderer leben in den Vereinigten Arabischen Emiraten - doch hier machen sie sage und schreibe 83,7 Prozent der Bevölkerung aus. Flüchtlinge sind mit rund 600 Personen hier jedoch genauso selten anzutreffen... Quelle: REUTERS
Platz 4: Saudi Arabien...wie in Saudi Arabien. Hier leben 9 Millionen Migranten, die 31 Prozent an der Bevölkerung ausmachen. Mit durchschnittlich 31 Jahren in Saudi Arabien und 30 Jahren in den Emiraten leben in der Region auch die jüngsten Einwanderer innerhalb der Top Ten. Quelle: AP

Zirkularwanderung ist heute dagegen fast weltweit ein für alle Beteiligten positives Phänomen. In die ärmeren Länder des Globus von Ecuador über Ägypten bis Indien fließt nach einer Berechnung der Weltbank durch Gastarbeiterüberweisungen insgesamt vier Mal so viel Geld wie durch Leistungen der Entwicklungshilfe. Von der Zirkularmigration gut ausgebildeter Arbeitskräfte profitieren die Zielländer auch nach der Rück- oder Weiterwanderung der Menschen. Das ist heute leicht in der Türkei zu besichtigen, wo viele remigrierte junge Deutschtürken (oder Türkeideutsche?) als Manager und Ingenieure zum Erfolg deutscher Auslandsinvestitionen beitragen. In diesem Zusammenhang ist nebenbei bezeichnend, dass die Zahl der Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit in Deutschland 2012 gesunken ist, ganz im Gegensatz zu anderen Ausländergruppen. Das liegt neben den vielen Einbürgerungen von Gastarbeiterenkeln an der für die Wirtschaft beider Länder oft nutzbringenden Rückwanderung an den Bosporus.

Daneben, betont Zimmermann, bringt die Zirkularmigration aber auch ein großes Problem mit sich: Kein Land kann sich darauf verlassen, dass Zuwanderer, die man dringend braucht, im Land bleiben. Mancher indische Ingenieur in Deutschland wird sich immer wieder fragen, ob er nicht doch besser in einem Industrieland aufgehoben ist, dessen Sprache er schon in der Grundschule gelernt hat – und da kann Deutschland mit den USA oder Großbritannien nicht mithalten.

Zahl der zugewanderten Einwohner und ihre Herkunftsländer Quelle: International Organization for Migration

Das Problem löst sich nicht einfach dadurch, dass qualifizierte junge Griechen, Spanier und Italiener der heimischen Wirtschaftsmisere Richtung Deutschland zu entkommen suchen. Das ist ein zeitlich begrenztes Phänomen, warnt Rainer Münz, früher Professor für Demografie an der Berliner Humboldt-Universität und heute Leiter der Forschungsabteilung der Ersten Bank in Wien. Die Krise in Südeuropa wird irgendwann vorbeigehen, der Fachkräftemangel in Deutschland nicht: Der wird wegen der technologischen Entwicklung nur noch steigen. „Das Bildungssystem verändert sich viel langsamer als das Wirtschaftssystem“, sagt Münz und plädiert darum leidenschaftlich für staatliche Maßnahmen zur Förderung der Migration: „Die philippinischen Krankenschwestern in Deutschland sind nur ein Anfang.“ Tatsächlich fördert die Bundesagentur für Arbeit seit ein paar Monaten die Anwerbung von Pflegekräften auf den Philippinen und anderswo in Südostasien.

In den nächsten drei Jahren fehlen in Deutschland allein in der Pflegebranche 40.000 Fachkräfte, prognostiziert die Agentur für Arbeit. Natürlich heißt das aber nicht, dass nur der Staat die drohende Katastrophe für deutsche Kranke und Pflegebedürftige abwenden kann. Es geht auch privat, und dafür ist Myra Mani ein gutes Beispiel.

Die 29-jährige Betriebswirtin führt zusammen mit ihren Eltern einen privaten Pflegedienst in der westfälischen Kreisstadt Lüdenscheid. Vor knapp 40 Jahren ist Familie Mani von Indien nach Deutschland eingewandert – und heute suchen die Manis selbst im Ausland nach Fachkräften. In Portugal hat Mani damit vor zwei Jahren angefangen, musste schwierige Hürden nehmen bei den Botschaften und bei Hochschulen, die in Portugal für die Pflegerausbildung zuständig sind. Dann kamen sieben junge Portugiesen zu den Manis nach Lüdenscheid, für die meisten war es der erste Job. Myra Mani organisierte ihnen Wohnungen, bezahlte Fahrtkosten, die Einrichtung und den Deutschkurs. Knapp 7000 Euro pro Person waren das, rechnet sie aus. „Ich glaube, mit dem Auswandern ging ihnen das Erwachsenwerden dann etwas zu schnell“, sagt sie heute: Nach knapp einem Jahr kehrten fünf der sieben Portugiesen Deutschland wieder den Rücken – so wird die Zirkularmigration auch zu einem betriebswirtschaftlichen Problem.

Deutschen Industrie greift selten auf internationales Personal zurück

So viel kostet eine Stunde Arbeit in Europa
Supporters of the ultranationalist Bulgarian party Ataka (attack) wave national flags during a anti-government rally in central Sofia, Bulgaria Quelle: dpa/dpaweb
A woman peers through a Romanian flag during a protest against President Traian Basescu in Bucharest, Romania, Quelle: dapd
Die Flagge der Europäischen Union weht neben den Nationalfahnen der EU-Mitglieder Spanien Niederlande, Irland und Griechenland sowie Rumaenien (hinten v. l.), Portugal, Tschechien und Schweden Quelle: dapd
Die deutsche Flagge weht am 09.08.2012 an einem Schiff der Reederei Hiddensee vor der Silhouette der historischen Altstadt von Stralsund Quelle: dpa
Eiffelturm Quelle: gms
Der Dannebrog, die dänische Flagge, weht am 27.06.2012 an einem Ferienhaus in Henne Strand Quelle: dpa
Boddenhafen von Barth Quelle: ZB

Jetzt arbeitet Snezha R. für die Manis. Die zierliche, blonde Frau ist gelernte Krankenschwester. Sie stammt aus Bulgarien, hat lange in Serbien gearbeitet, doch dort gibt es kaum noch Jobs. Also packte sie die Koffer, ließ ihren Mann und ihr Haus zurück und zog vor ein paar Wochen zu Verwandten nach Lüdenscheid, in der Hoffnung auf Chancen in Deutschland. Genau wie Zehntausende andere aus dem armen Osten Europas. Mit dem Unterschied zu vielen Landsleuten, dass ihre berufliche Qualifikation hier gesucht ist – und vielleicht auch mit mehr Glück, weil sich ausgerechnet in Lüdenscheid der Betrieb der Manis fand: Arbeitgeber, die schon wegen ihres eigenen Hintergrunds ohne Scheuklappen auf Fähigkeiten ausländischer Mitarbeiter setzen. Und weil Mitarbeiter eines ambulanten Pflegedienstes natürlich Auto fahren müssen, finanziert das Unternehmen seiner bulgarischen Mitarbeiterin jetzt Fahrstunden. Einziges Problem: Die Sprache. „Das Wort Stoppschild versteht sie noch nicht so richtig“, sagt Snezhas Fahrlehrer.

So wie besonders viele kleine Unternehmen und viele potenzielle ausländische Arbeitnehmer das komplizierte deutsche Ausländerrecht nur schwer verstehen, wie auch die OECD in ihrem Bericht über die wirtschaftliche Migration nach Deutschland betont. So gebe es in Deutschland für die Beschäftigung von hoch qualifizierten Zuwanderern aus aller Welt seit den entsprechenden Gesetzesänderungen der vergangenen Jahre kaum noch Hindernisse. „Doch selbst Arbeitgeber, die Engpässe melden, greifen bislang selten auf internationale Personalbeschaffung zurück“, sagt OECD-Forscher Jonathan Chaloff. Das mag mit der mittelständischen Struktur der deutschen Industrie zu tun haben: Gerade kleine und mittlere Unternehmen bestehen oft auf gute Deutschkenntnisse von Anfang an und manchmal auf einem sehr exakten Qualifikationsprofil, das niemand mitbringen kann, der außerhalb Deutschlands seinen Beruf gelernt hat. Gravierender ist aus Sicht der OECD, dass das deutsche System immer noch „auf einer Reihe von Ausnahmen von einem generellen Anwerbestopp beruht“ – auch wenn die Ausnahmen inzwischen sehr weitgehend sind.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Es gibt eben Länder, in denen alles erlaubt ist, was nicht grundsätzlich verboten ist. In Deutschland dagegen gilt in Sachen Arbeitsmigration immer noch der alte satirische Spruch, dass alles verboten ist, was nicht grundsätzlich erlaubt ist. Für den ausländischen Zuwanderer eine gute Einführung in die Sitten des alten Deutschlands, das in der Gegenwart langsam verschwindet.

Natürlich hat die Politik das Problem erkannt – und in den jetzt laufenden Koalitionsgesprächen von CDU/CSU und SPD gibt es eine Untergruppe „Integration und Migration“ in der Verhandlungsgruppe zur Innenpolitik. Für die Union steigt Maria Böhmer in den Ring, seit 2005 ausgesprochen unauffällig agierende Migrationsbeauftragte der Bundesregierung. Sie passt insofern gut zu Aydan Özoguz aus Hamburg, die es seit 2011 als stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD schafft, weithin unbekannt zu bleiben.

Wirkliche Integration in der Politik wäre wohl erst erreicht, wenn jemand namens Özoguz nicht über Integration verhandeln würde, sondern zum Beispiel über Verteidigungspolitik. Aber das kann noch dauern: Die Familie des zuständigen CDU-Unterhändlers Thomas de Maizière ist immerhin schon vor mehr als drei Jahrhunderten nach Deutschland ausgewandert.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%