Flüchtlingsprognose 800.000 Chancen!

Deutschland wird 2015 einen Asylrekord erleben. Das ist keine Zeit für Fremdenhass und Angstparolen. Sondern für all die Helden des Alltags, die anpacken und helfen.

Wo Flüchtlinge in Deutschland wohnen
Autobahnmeisterei Quelle: dpa
Deutschlands höchstgelegene Flüchtlingsunterkunft befindet sich im Alpenvorland Quelle: dpa
Container Quelle: dpa
Bischofswohnung und Priesterseminar Quelle: dpa
Eissporthalle Quelle: Screenshot
Ehemaliger Nachtclub als Flüchtlingsunterkunft Quelle: dpa
Jugendherberge Quelle: dpa
Bundeswehrkaserne in Doberlug-Kirchhain Quelle: dpa
Konzerthalle Quelle: dpa
Sporthalle für Flüchtlinge umfunktioniert Quelle: dpa
Traglufthalle für Flüchtlinge in Berlin Quelle: dpa
Zeltstadt Quelle: dpa

Ich war immer ein Freund der "Tagesthemen", und ich war eher kein Fan von Til Schweiger. Seit ein paar Tagen frage ich mich allerdings, ob ich diese Haltung nicht überdenken sollte. Aber der Reihe nach.

Vor kurzem sprach die NDR-Journalistin Anja Reschke in den Spätnachrichten einen Kommentar zur Flüchtlingsdebatte. Reschke attackierte darin den in Deutschland (wieder?) grassierenden Hass auf Ausländer. Sie forderte, dass es Zeit sei für einen Aufstand der Anständigen, Zeit, endlich "Gesicht zu zeigen" für Flüchtlinge, für Menschlichkeit und gegen Fremdenfeindlichkeit. Muss ich das eigens betonen: Natürlich hat sie recht.

Aber zwei Dinge störten mich. Erstens: Der Beitrag begann mit einer Frage "Wenn ich hier jetzt öffentlich sage, Deutschland solle auch Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen - was glauben Sie, was dann passiert?". Der Zuschauer bekam darauf keine rechte Antwort.

Doch genau um die geht es, gerade in diesen Tagen: Der Innenminister wird heute eine neue, aktualisierte Flüchtlingsprognose veröffentlichen. Mit 450.000 Flüchtlingen hatten die Behörden bislang gerechnet. Aber stattdessen könnten bis zu 800.000 Menschen in diesem Jahr in Deutschland Anträge stellen. Der bisherige Höchststand aus dem Jahr 1992 mit rund 440.000 Asylbewerbern wird nicht einfach eingestellt, sondern weggefegt.

Diese Länder beherbergen die meisten Flüchtlinge
Platz 10: IrakFlüchtlinge: 246.300 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,85  Prozent*   *Der Flüchtlingsanteil an der Gesamtbevölkerung in diesem und den folgenden Bildern entstammt eigenen Berechnungen. Quelle: AP
Platz 9: USAFlüchtlinge: 263.600 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,0008  Prozent Quelle: dpa
Platz 8: ChinaFlüchtlinge: 301.000 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,0002  Prozent Quelle: dpa
Platz 7: ÄthiopienFlüchtlinge: 433.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,45  Prozent Quelle: obs
Platz 6: TschadFlüchtlinge: 434.500 Teil der Gesamtbevölkerung: 4 Prozent Quelle: dpa/dpaweb
Platz 5: KeniaFlüchtlinge: 534.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 1,4 Prozent Quelle: REUTERS
Platz 4: TürkeiFlüchtlinge: 609.900 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,8 Prozent Quelle: REUTERS
Platz 3: LibanonFlüchtlinge: 856.500 Teil der Gesamtbevölkerung: 14,6 Prozent Quelle: dpa
Platz 2: IranFlüchtlinge: 857.400 Teil der Gesamtbevölkerung: 1,15  Prozent Quelle: AP
Platz 1: PakistanFlüchtlinge: 1,6 Millionen Teil der Gesamtbevölkerung: 0,9 Prozent Quelle: AP
Platz 18: DeutschlandFlüchtlinge: 187.600 Teil der Gesamtbevölkerung: 0,2 Prozent Quelle: dpa

Was bedeutet das für die Bundesrepublik? Den Menschen Asyl zu gewähren, die mit kaum mehr als dem, was sie am Leib tragen, vor Krieg, Terror und Gewalt flüchten, ist unsere humanitäre Verpflichtung. Auch andere, motivierte Zuwanderer willkommen zu heißen, die etwas können und leisten wollen, eine ökonomische. Aber: Wer fordert, die Bundesrepublik solle alle, wirklich alle Einwanderer aufnehmen, hat vielleicht die Moral auf seiner Seite, aber nicht die Vernunft.

Es gibt Grenzen der Aufnahmefähigkeit und, ja, wohl auch der Solidarität. Aber man muss dieser Tage nur auf die Zustände in griechischen Flüchtlingslagern schauen, um festzustellen: Diese Grenzen sind in unserem reichen Land wahrlich nicht erreicht. Noch lange nicht.

Länder mit der höchsten Zahl der Asylbewerber (2014)

Womit wir schon fast bei Til Schweiger wären. Denn, zweitens: Der "Tagesthemen"-Aufforderung, Gesicht zu zeigen, folgten viele Menschen so: Sie posteten das Video auf Facebook oder teilten es dort. Massenhaft. So billig, so folgenlos war sogenannte Solidarität noch nie zu haben.

Schweiger hingegen hat angekündigt, ein Flüchtlingsheim zu bauen. Schenken wir uns die Einwände, dass das auch Profilierung und Eigen-PR eines Schauspielers und Filmemachers ist, der das Rampenlicht so liebt, und bislang reichlich Fragen offen bleiben. Sein Engagement ist großartig. Wenn es wahr wird.

In Arbeit
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Die noch viel größeren Helden aber sind all die namenlosen Til Schweigers da draußen. Projektinitiatoren zum Beispiel, die geltendes Recht so lange kreativ bearbeiten, bis sie Flüchtlingen endlich Praktika und Beschäftigung anbieten konnten. Ärzte, die umsonst behandeln. Lehrer, die Unterricht improvisieren. Soldaten und Freiwillige, die im Mittelmeer Menschen vor dem Ersaufen retten. Engagierte Bürger, die selbst gekauftes Essen und Wasser verteilen oder ihre Wohnungstüren öffnen und ihr Schlafsofa, ihre freien WG- und Gästezimmer und ihre Küchentische anbieten.

Gerade was Letzteres bedeutet, kann man nur ermessen, wenn man sich ganz ehrlich selber befragt: Wäre ich auch bereit dazu? Meine eigene Antwort lautet beschämt: Nein. Umso mehr gehört allen, die diese Frage mit Ja beantworten und danach handeln, meine und unser aller Hochachtung.

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