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Flughafen-Debakel Guck mal, Tegel lebt!

Das Chaos um den neuen Hauptstadtflughafen verursacht massive Schäden. Doch es gibt auch einen großen Gewinner: Tegel. Die Wirtschaft vor Ort profitiert vom Ausweichflughafen und beschert der ganzen Stadt Millionen.

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Ein Flugzeug von Air Berlin startet in Berlin vor dem Tower des Flughafens Tegel. Quelle: dapd

Berlin Nach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) profitiert die Berliner Wirtschaft von den Verzögerungen beim Bau des neuen Hauptstadtflughafens in Schönefeld. Zur Begründung sagte der IW-Experte Klaus-Heiner Röhl Handelsblatt Online, dass erst die Verlagerung des Flugbetriebs von Tegel zum neuen Grußflughafen „statistisch die Wertschöpfung und Arbeitsplätze des Standortes Tegel ins brandenburgische Schönefeld verschiebt“. IW-Angaben zufolge macht der Betrieb am Flughafen Tegel derzeit etwa 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Berlins aus. „Man muss sich darüber im Klaren sein, dass das Berliner BIP im Jahr der BER-Eröffnung wohl schrumpfen wird, was nun weiter hinausgeschoben wird“, sagte Röhl.

Tegel ist seit Jahrzehnten der wichtigste Airport Berlins. Mit rund 18 Millionen Passagieren im Jahr 2012 platzt er mittlerweile aus allen Nähten. Vor 20 Jahren wurden hier erst sieben Millionen Reisende abgefertigt, geplant war der Flughafen einst für gut sechs Millionen im Jahr. Eigentlich sollte er längst geschlossen sein. Doch wegen der BER-Pannen wird in Tegel mit täglich mehr als 500 Starts und Landungen am Rande der Belastungsgrenze weitergeflogen.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte am Montag bestätigt, dass der 27. Oktober 2013 als Eröffnungstermin des Berliner Großflughafens nicht eingehalten werden kann. Zuvor wurde die Eröffnung bereits drei Mal verschoben.

Der Ausweichflughafen muss nun auch Umsteigeverkehr der Gesellschaften AirBerlin und Lufthansa bewältigen, der eigentlich für den neuen Großflughafen gedacht war. Am Spitzentag 28. September 2012 wurden 75.000 Fluggäste bei 630 Starts und Landungen gezählt – zum Leidwesen der Anwohner. Hunderttausende Berliner in den Bezirken Pankow, Reinickendorf und Spandau müssen nun weiter Fluglärm ertragen – nicht nur am Tag, sondern auch abends und sogar nachts. Eine Lösung dafür gibt es nicht. Abwarten heißt die Devise. Und zwar bis Sommer nächsten Jahres. Erst dann soll es Gewissheit über einen neuen Eröffnungstermin für Schönefeld geben.

Bis dahin ist Tegel gefragter denn je. Die Berliner verbindet mit dem Terminal ein spannendes Stück deutsch-deutscher Geschichte. Der nach dem Luftfahrtpionier Otto Lilienthal benannte Flughafen Tegel wurde 1948 im Westteil der Stadt angelegt. Während der Berlin-Blockade im Kalten Krieg in den Jahren 1948/49 entstand mit fast 2500 Metern die damals längste Lande- und Startbahn Europas. Erst von Januar 1960 an startete in Tegel auch ziviler Flugverkehr, betrieben von den alliierten Gesellschaften Air France und später auch British Airways und Pan American. Die Deutsche Lufthansa konnte Tegel erst nach der Wiedervereinigung im Oktober 1990 anfliegen. Heute hat die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft AirBerlin hier ihre Heimatbasis.


Tegel steckt die Mehrbelastungen bisher mühelos weg

Das Hauptterminalgebäude in seiner heutigen, sechseckigen Form wurde 1974 eröffnet. Wegen seiner kurzen Wege erfreut sich der Abfertigungskomplex immer noch großer Beliebtheit bei den Berlinern. Inzwischen gibt es mehrere Anbauten, etwa das Terminal C, das Air Berlin nutzt. Mit einem militärischen Teil ist Tegel auch Regierungsflughafen.

Die zusätzlichen Belastungen, die dem Flughafen durch das BER-Hickhack entstehen, scheint der Airport mühelos wegzustecken. Nach Einschätzung von IW-Forscher Röhl hat Tegel bislang auch den Mehrverkehr, der mit dem Sommerflugplan 2012 über den BER abgewickelt werden sollte, „ganz gut gemeistert“. Die Zahl der Berlin-Besucher habe 2012 weiter deutlich zugenommen, die Hotelauslastung sei sogar trotz Ausweitung des Angebots gestiegen. Auch deshalb dürfte, wie Röhl sagte, der Berliner Wirtschaft bislang keine Wertschöpfung verlorengegangen sein.  Gleichwohl seien in Tegel vor allem in den Ferien und zu Messeterminen das Gebäude und die Zufahrtswege „sichtbar überlastet“, fügte der Ökonom hinzu. Das führe letztlich dazu, dass die  Fluglinien weitere Expansionspläne bis nach der BER-Eröffnung zurückstellten.

Lufthansa und AirBerlin fordern vielmehr nach der erneuten Verschiebung des Eröffnungstermins für den Hauptstadtflughafen Investitionen in den Ausweichflughafen. "In Tegel muss investiert werden, um einen vernünftigen Service für Fluggäste zu gewährleisten", sagte ein Lufthansa-Sprecher. Aufgrund der verschobenen Eröffnung des Großflughafens müsse Tegel nun "für mehrere Flugplanperioden den Löwenanteil des Flugverkehrs in der Hauptstadt tragen". Deswegen müsse "einiges getan werden, um Tegel hierfür zu ertüchtigen".

Auch AirBerlin forderte von der Berliner Flughafengesellschaft Nachbesserungen in Tegel. Es bedürfe Anstrengungen seitens des Flughafenbetreibers, "um dort einen noch besseren Standard zu erreichen", erklärte AirBerlin. Ziel sei es, am "alten Flughafen" die Auswirkungen für Fluggäste "so gering wie möglich zu halten". Hinter der Berliner Flughafengesellschaft stehen die Stadt Berlin, das Land Brandenburg und der Bund.

Mögliche Nachbesserungen in Tegel sieht IW-Forscher Röhl skeptisch. Ob Investitionen sinnvoll seien, hänge vom neuen Eröffnungstermin ab. Bei einer Eröffnung im Frühjahr 2014 lohne sich das sicher nicht. „Sollte es dagegen erst Ende 2014 oder 2015 soweit sein, muss wohl noch in Tegel investiert werden“, sagte der IW-Experte. Da die Investition mit Schließung aber „nutzlos“ werde, wären die Kosten den Mehrkosten von BER zuzuschlagen.


Die Leidtragenden des BER-Debakels

Die Lage für AirBerlin, die strategisch auf den neuen Großflughafen angewiesen ist, sieht Röhl gelassen. Aufgrund des aktuellen Schrumpfkurses zur Sanierung der Fluggesellschaft seien die Folgen „nicht ganz so dramatisch“, sagte er. AirBerlin baue aber in Berlin ein Drehkreuz auf, daher brauche sie trotz Gesamtschrumpfung hier zusätzliche Kapazitäten, fügte der Ökonom hinzu. „Da der BER ohne AirBerlin nicht ausgelastet wäre, sollte die Flughafengesellschaft noch einmal darüber nachdenken, ob sie der Gesellschaft wirklich keinen Schadenersatz leisten will.“

Mit Blick auf die Kostenentwicklung für den neuen Großflughafen schloss Röhl einen weiteren Anstieg nicht aus. Durch die erneute Verzögerung dürften die Kosten schon auf etwa 4,5 Milliarden Euro ansteigen. „Der weitere Kostenanstieg hängt natürlich maßgeblich davon ab, in welchem Umfang falsch geplante Einrichtungen etwa bei der Verkabelung oder den Treibstoffleitungen zurückgebaut werden müssen.“ Insofern sei auch eine Überschreitung der 4,5 Milliarden möglich.

Zu den Leidtragenden des BER-Debakels zählte Röhl insbesondere die Steuerzahler – einerseits in Berlin und Brandenburg, andererseits in ganz Deutschland. Denn die beiden Länder und der Bund seien die Eigentümer der Flughafengesellschaft. Betroffen sind zudem die Fluglinien, bei denen der verschobene Umzug und der Weiterbetrieb am überlasteten Standort Tegel mit mindestens 50 Millionen Euro pro Jahr zu Buche schlagen dürfte. Weitere Geschädigte des Flughafen-Desasters seien die Deutsche Bahn, die Berliner Verkehrsbetriebe und der Einzelhandel, der sich auf die Eröffnung der Läden bereits zum Sommer 2012 eingestellt hatte.

Die Ungewissheiten sorgen auch in der Berliner Wirtschaft für Unmut. Eric Schweitzer, Präsident der der örtlichen Industrie- und Handelskammer (IHK) stellt denn auch heraus, dass das Ansehen Berlins durch die bisherige BER-Entwicklung national schon genug gelitten habe. Mit der erneuten Verschiebung werde auch Berlins internationaler Ruf weiter geschädigt: „Die Unklarheit beim Flughafen läuft konträr zur zunehmenden Internationalisierung der Berliner Wirtschaft“, sagte Schweitzer. Damit seien der Tourismus und auch fast alle anderen Bereiche der Berliner Wirtschaft gemeint. „Nicht nur Investoren sondern auch viele neue und innovative Unternehmen kommen nach Berlin gerade wegen der Internationalität der Stadt“, betonte der IHK-Chef. „Um dies auch in Zukunft gewährleisten zu können, brauchen wir einen angemessenen Flughafen.“


"Reißt den Pannen-Airport einfach ab!"

Schweitzer verlangte daher klare Aussagen über die weiteren nötigen Schritte. „Dabei geht es in erster Linie darum, dass die Berliner Unternehmerinnen und Unternehmer, sowie die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt Planungssicherheit bekommen.“ Zudem nimmt Schweitzer die Politik in die Pflicht: „Die IHK Berlin fordert den Senat auf, den von der abermaligen Verschiebung direkt oder indirekt betroffenen Unternehmen schnell und unbürokratisch Hilfe zu leisten.“

Unklar ist bisher, wer für den Schaden der Fluggesellschaften grade stehen muss. Durch die Verzögerungen ist womöglich schon ein Schaden von mehr als hundert Millionen Euro entstanden. Der Präsident des Verbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, Klaus-Peter Siegloch, sagte im Deutschlandfunk, dass sich die Mehraufwendungen der Unternehmen bis zum Betriebsstart auf einen dreistelligen Millionenbetrag summieren könnten. AirBerlin habe bereits eine Feststellungsklage eingereicht und auch die Lufthansa gehe davon aus, dass es eine Schadenersatzmöglichkeit gebe, betonte Siegloch. Der Bau des Flughafens sei inzwischen "ein Trauerspiel", für das einem die Worte fehlten.

Und vielleicht kommt es sogar noch schlimmer? Die „Bild“-Zeitung spöttelte bereits: „Ach, reißt den Pannen-Airport einfach ab! …und lasst die Chinesen schnell einen neuen bauen.“ Dieses Szenario hält IW-Experte Röhl jedoch für abwegig. „Auch wenn der Umfang der Nachbesserungen immer noch nicht absehbar ist, macht ein Abriss und Neubau weder finanziell noch zeitlich Sinn“, sagte er. Die Gebäude an sich seien ja nicht das Problem, auch wenn es tatsächlich zu wenig Gepäckbandkapazität geben sollte. „Aber man wird wohl einige der entlassenen Planer wieder einstellen müssen, um sich schneller einen Überblick über die Fehler zu verschaffen – auch wenn das angesichts der Planungsfehler schmerzt“, sagte Röhl.

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