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Flugverbot Wie verletzlich ist Deutschland?

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Die Anzeigetafel im Flughafen Quelle: AP

Ein Jahr zuvor war schon einmal das Münsterland ins Dunkle abgetaucht. Nach heftigen Schneefällen und bei starkem Wind knickten Strommasten reihenweise um, Hochspannungsleitungen rissen unter der Eislast. An die 250 000 Menschen saßen ohne Elektrizität in ihren Wohnungen; in Einzelfällen brauchten die Versorger fünf Tage, um Dörfer und Bauernhöfe mit Notstromaggregaten zu versorgen. Mit ganz praktischen Folgen, wie ein Ehepaar erfahren musste: Als Strom, Heizung und Fernsehen ausfielen, wollten die beiden nach Münster ins Kino fahren. Doch das elektrische Garagentor ließ sich nicht öffnen. Hilfe ließ sich nicht rufen: das Festnetztelefon war tot, das Handy streikte, weil auch der örtliche Sendemast vom Stromausfall betroffen war.

Der Blackout in New York vom 14. August 2003 zeigte, wozu Ausfälle bei Verkehrsleitsystemen und Transportnetzen führen. Um 16.11 Uhr legte ein Stromausfall den gesamten Nordosten der USA lahm. Industrieunternehmen mussten ihre Produktion einstellen, Supermärkte sorgten sich um verderbliche Lebensmittel. Der Verkehr kollabierte. Die drei New Yorker Flughäfen stoppten den Betrieb, weil die Notstromaggregate nicht ausreichten. Steckengebliebene U-Bahn-Waggons mussten evakuiert werden. Pendler verstopften die Tunnel, weil sie sich zu Fuß auf den Heimweg machten. Beherzte New Yorker versuchten, selbst den Verkehr zu regeln, weil die Ampeln tot waren. Mehr als 10 000 Polizisten patrouillierten in der finsteren Sommernacht, um Plünderungen zu verhindern.

Neben technischen Pannen und Naturkatastrophen gelten Anschläge als reale Gefahr: 231 000 Kilometer Straßennetz sowie rund 120 000 Brücken und Tunnel sind nicht umfassend zu schützen. Detaillierte Informationen über exakte Lage oder gar Konstruktion der Brücken gibt das Bundes-verkehrsministerium seit Jahren nicht heraus – mit Verweis auf „die innere Sicherheit und eine potenzielle Terrorismusgefahr“. Eine Attacke auf die Rechner der Deutschen Flugsicherung oder von Eurocontrol – sei es durch Hacker- oder Bombenangriff legte den Luftverkehr lahm. Selbst bei nur wenige Stunden langen Unterbrechungen würden auch hierzulande die 27 Millionen Menschen stranden, die täglich öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Die „absolute Sicherheit ist insbesondere im öffentlichen Personennahverkehr nicht erreichbar“, heißt es in einer Bewertung der Konzernsicherheit der Deutschen Bahn.

Der Verkehr kollabiert

Als hochsensibel gelten auch die Informations- und Kommunikationskanäle. Nur durch sie funktioniert die globalisierte und arbeitsteilige Marktwirtschaft – täglich, minütlich, sekündlich. Spaziergänger auf der Hanauer Landstraße in Frankfurt merken nicht, dass sich unter ihnen eine der größten Internet-Kreuzungen der Welt verbirgt. Sie leitet E-Mails, Bilder oder Konstruktionspläne per Klick über Glasfaserkabel um den Globus.

Hier, im Frankfurter Ostend neben Outlet-Shops und Diskos, liegt unter der Erde der German Commercial Internet Exchange, kurz DE-Cix. Auf der ganzen Welt gibt es nur etwas mehr als 100 von diesen Knotenpunkten, 60 davon in Europa. Aufgrund der ständig wachsenden Datenpakete und steigender Sicherheitsanforderungen hat Frankfurt mittlerweile drei dieser Knoten.

Brechen die sogenannten Backbones weg, die Hauptleitungen zwischen diesen Knoten, fängt das engmaschige Netz den Verlust auf. Die Knoten selbst aber sind sensibler. Alleine in Frankfurt fließen mittlerweile 2000 Gigabit pro Sekunde hindurch – etwa so viel wie sechs Millionen Din-A4-Seiten Text.

Fällt ein solcher Knoten alleine aufgrund von Softwareproblemen aus, müssen die mehr als 300 angeschlossenen Kunden – Internet-Unternehmen und E-Mail-Dienstleister – ihre Arbeit einstellen. Bislang waren das nur temporäre Probleme, ein paar Stunden. Bei lang anhaltendem Stromausfall, einem Anschlag oder kompletten Softwarezusammenbrüchen wäre jedoch die Online-Kommunikation tagelang lahmgelegt. In einer Studie des Forschungszentrums Jülich wurden 2007 gravierende Folgen für Datentransport und Verbindungsqualität festgestellt, sollten Knoten kollabieren. Schon vor zehn Jahren warnten Forscher von der US-Universität von Notre Dame, bei einem Ausfall von fünf Prozent aller Knoten könnte das Internet sogar weltweit zusammenbrechen.

Das macht die Datenautobahnen attraktiv für Terroristen und kriminelle Angreifer. In seinem jüngsten Bericht zur Lage des IT-Schutzes dokumentierte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik bereits ein erhöhtes Gefährdungspotenzial: „Mit der zunehmenden Verlagerung von geschäftlichen und privaten Aktivitäten in die virtuelle Welt geht auch eine Professionalisierung und Kommerzialisierung der IT-Bedrohungen einher.“

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