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Flugverbot Wie verletzlich ist Deutschland?

Der Ausfall des Flugverkehrs zeigt: Die moderne Welt ist völlig abhängig von immer komplizierteren Netzen – Verkehr, Kommunikation und Elektrizität. Die Bedrohung ist vielfältig, der Schutz oft einfältig.

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Gefährliche Wirtschaft

Die bedrohliche Wolke verzieht sich, der Name des Vulkans Eyjafjallajökull verschwindet aus unseren Nachrichten. Schon in einigen Tagen herrscht bei Fluglinien und Flughäfen in Europa wieder ganz normaler Betrieb.

Der Vulkanausbruch auf Island ist Asche von gestern, aber das mulmige Gefühl bleibt. Deutschland, die moderne Industriegesellschaft generell, ist verwundbar. Ob Naturkatastrophe, Seuche, technisches Versagen oder Terroranschlag: Alle Räder stehen still, wenn der Rechner nicht mehr will.

In einer Kettenreaktion löste der Zusammenbruch des Luftverkehrs über Europa bis Mitte vergangener Woche auch in anderen Bereichen zahlreiche Störungen und persönliches Ungemach aus. Urlauber kamen nicht zurück an ihren Arbeitsplatz, Geschäftsreisende erreichten ihre Kunden nicht, Luftfracht blieb liegen, und wegen fehlender Ersatzteile und Vorprodukte standen mancherorts – wie bei BMW in Dingolfing – die Bänder still.

An solche Chaos-Kaskaden müssen wir uns gewöhnen. Ein Unglück, vielleicht nur eine kleine Panne, löst eine ganze Flut weiterer Notlagen aus. Der Grund dafür heißt Vernetzung. Globalisierung und technischer Fortschritt haben dazu geführt, dass Störfälle in unserer hochtechnisierten und vermeintlich perfekten Welt viele Regionen und weite Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft erfassen. Früher war das undenkbar: Der vom lateinischen Autor Plinius verewigte Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 nach Christus tötete mit seinem Ascheregen die Einwohner von Pompeji – in der Weltstadt Rom, ungefähr 200 Kilometer nördlich, ging das Leben weiter, als wäre nichts geschehen.

Ausfälle erschüttern ungeahnte Bereiche des Lebens

Heute erschüttert der Ausfall eines Systems – ganz gleich ob Verkehr, Kommunikation oder Energieversorgung – sogar ungeahnte Lebens- und Produktionsbereiche. Ob die Gaspipelines aus Russland geborsten oder die Schiffsrouten für Flüssiggastanker blockiert sind, ob Trinkwasser vergiftet oder Leitzentralen zerstört: „Bei der Komplexität, die wir erreicht haben“, sagt der Sicherheitsexperte Arne Schönbohm, „können Sie Dominoeffekte kaum noch abschätzen“.

Wirtschaftslenker, Politiker und vor allem die großen internationalen Versicherungen wollen deshalb wissen, welche Gefahren drohen und wie teuer diese schlimmstenfalls kommen. Das World Economic Forum (WEF) lässt deshalb eine Expertengruppe den Globus regelmäßig nach Risiken abgrasen. Der aktuelle Lagebericht hält fest: Die Öffentlichkeit fürchtet zwar vor allem Terror und Naturkatastrophen, doch noch größeren Schaden können schleichende Gefahren anrichten, die kaum ins Auge fallen. Und es sind nicht die sattsam bekannten Risiken wie Bevölkerungsexplosion, Alterung der Gesellschaft, zur Neige gehende Rohstoffe oder Wetterkapriolen, denen die Katastrophenforscher die größte Zerstörungsgewalt zutrauen. Besonders bedeutend sind die aus der globalen Ökonomie erwachsenden Risiken, die nach Ansicht des Weltwirtschaftsforums auch mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit eintreffen (siehe Grafik).

Wirtschaft und Gesellschaft sind heute undenkbar ohne digitale Steuerung und weitreichende Transportsysteme. Und kaum ein Verkehrsmittel und kein Computer kommt ohne Elektrizität aus. Das macht die Überlandleitungen zum Netz aller Netze: Fällt der Strom aus, geht im 21. Jahrhundert nicht nur das Licht aus – es geht gar nichts mehr. Eine Sicherheits-Studie der Allianz identifiziert das Stromnetz daher als „Achillesferse der Industriegesellschaft“. Umso erstaunlicher, wie gelassen wir die sich häufenden Stromausfälle hinnehmen.

Banale Ursache, schlimme Wirkung: Im November 2006 schaltete E.On eine Hochspannungsleitung über die Ems ab, damit ein auf der Meyer Werft in Papenburg gebautes Kreuzfahrtschiff sicher die Nordsee erreichen konnte. Schlagartig fehlten fast 10 000 Megawatt Leistung. Hektische Rettungsversuche der Leitungsbetreiber verschlimmerten die Lage, und so blieben von Deutschland über Frankreich und Italien bis nach Marokko zehn Millionen Menschen zeitweise ohne Strom.

Die Anzeigetafel im Flughafen Quelle: AP

Ein Jahr zuvor war schon einmal das Münsterland ins Dunkle abgetaucht. Nach heftigen Schneefällen und bei starkem Wind knickten Strommasten reihenweise um, Hochspannungsleitungen rissen unter der Eislast. An die 250 000 Menschen saßen ohne Elektrizität in ihren Wohnungen; in Einzelfällen brauchten die Versorger fünf Tage, um Dörfer und Bauernhöfe mit Notstromaggregaten zu versorgen. Mit ganz praktischen Folgen, wie ein Ehepaar erfahren musste: Als Strom, Heizung und Fernsehen ausfielen, wollten die beiden nach Münster ins Kino fahren. Doch das elektrische Garagentor ließ sich nicht öffnen. Hilfe ließ sich nicht rufen: das Festnetztelefon war tot, das Handy streikte, weil auch der örtliche Sendemast vom Stromausfall betroffen war.

Der Blackout in New York vom 14. August 2003 zeigte, wozu Ausfälle bei Verkehrsleitsystemen und Transportnetzen führen. Um 16.11 Uhr legte ein Stromausfall den gesamten Nordosten der USA lahm. Industrieunternehmen mussten ihre Produktion einstellen, Supermärkte sorgten sich um verderbliche Lebensmittel. Der Verkehr kollabierte. Die drei New Yorker Flughäfen stoppten den Betrieb, weil die Notstromaggregate nicht ausreichten. Steckengebliebene U-Bahn-Waggons mussten evakuiert werden. Pendler verstopften die Tunnel, weil sie sich zu Fuß auf den Heimweg machten. Beherzte New Yorker versuchten, selbst den Verkehr zu regeln, weil die Ampeln tot waren. Mehr als 10 000 Polizisten patrouillierten in der finsteren Sommernacht, um Plünderungen zu verhindern.

Neben technischen Pannen und Naturkatastrophen gelten Anschläge als reale Gefahr: 231 000 Kilometer Straßennetz sowie rund 120 000 Brücken und Tunnel sind nicht umfassend zu schützen. Detaillierte Informationen über exakte Lage oder gar Konstruktion der Brücken gibt das Bundes-verkehrsministerium seit Jahren nicht heraus – mit Verweis auf „die innere Sicherheit und eine potenzielle Terrorismusgefahr“. Eine Attacke auf die Rechner der Deutschen Flugsicherung oder von Eurocontrol – sei es durch Hacker- oder Bombenangriff legte den Luftverkehr lahm. Selbst bei nur wenige Stunden langen Unterbrechungen würden auch hierzulande die 27 Millionen Menschen stranden, die täglich öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Die „absolute Sicherheit ist insbesondere im öffentlichen Personennahverkehr nicht erreichbar“, heißt es in einer Bewertung der Konzernsicherheit der Deutschen Bahn.

Der Verkehr kollabiert

Als hochsensibel gelten auch die Informations- und Kommunikationskanäle. Nur durch sie funktioniert die globalisierte und arbeitsteilige Marktwirtschaft – täglich, minütlich, sekündlich. Spaziergänger auf der Hanauer Landstraße in Frankfurt merken nicht, dass sich unter ihnen eine der größten Internet-Kreuzungen der Welt verbirgt. Sie leitet E-Mails, Bilder oder Konstruktionspläne per Klick über Glasfaserkabel um den Globus.

Hier, im Frankfurter Ostend neben Outlet-Shops und Diskos, liegt unter der Erde der German Commercial Internet Exchange, kurz DE-Cix. Auf der ganzen Welt gibt es nur etwas mehr als 100 von diesen Knotenpunkten, 60 davon in Europa. Aufgrund der ständig wachsenden Datenpakete und steigender Sicherheitsanforderungen hat Frankfurt mittlerweile drei dieser Knoten.

Brechen die sogenannten Backbones weg, die Hauptleitungen zwischen diesen Knoten, fängt das engmaschige Netz den Verlust auf. Die Knoten selbst aber sind sensibler. Alleine in Frankfurt fließen mittlerweile 2000 Gigabit pro Sekunde hindurch – etwa so viel wie sechs Millionen Din-A4-Seiten Text.

Fällt ein solcher Knoten alleine aufgrund von Softwareproblemen aus, müssen die mehr als 300 angeschlossenen Kunden – Internet-Unternehmen und E-Mail-Dienstleister – ihre Arbeit einstellen. Bislang waren das nur temporäre Probleme, ein paar Stunden. Bei lang anhaltendem Stromausfall, einem Anschlag oder kompletten Softwarezusammenbrüchen wäre jedoch die Online-Kommunikation tagelang lahmgelegt. In einer Studie des Forschungszentrums Jülich wurden 2007 gravierende Folgen für Datentransport und Verbindungsqualität festgestellt, sollten Knoten kollabieren. Schon vor zehn Jahren warnten Forscher von der US-Universität von Notre Dame, bei einem Ausfall von fünf Prozent aller Knoten könnte das Internet sogar weltweit zusammenbrechen.

Das macht die Datenautobahnen attraktiv für Terroristen und kriminelle Angreifer. In seinem jüngsten Bericht zur Lage des IT-Schutzes dokumentierte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik bereits ein erhöhtes Gefährdungspotenzial: „Mit der zunehmenden Verlagerung von geschäftlichen und privaten Aktivitäten in die virtuelle Welt geht auch eine Professionalisierung und Kommerzialisierung der IT-Bedrohungen einher.“

Risiko Blackout

Gegen Szenarien wie diese lässt sich ein Stück weit vorsorgen. Behörden, Banken und Betriebe tun alles, um ihre sensiblen Daten – von geheimen Einsatzplänen über Bankkonten, Sozialversicherungsdokumente bis hin zu Krankenhausakten – vor kriminellen Hackern zu schützen. Die hierzu benötigten Speicherplätze müssen auch jenseits der Softwareroutinen sicher sein. Dafür kommen Banker und Sicherheitsexperten, Manager und Beamte ins hessische Herborn.

Die Firma Rittal stellt hier Schaltschränke für Servertechnik her, Billyregale für den industriellen Computerraum. Die Hochsicherheitsvariante heißt Modulsafe. Mehrere Zentimeter dicke Stahlwände und Tresortüren schützen die Technik vor Feuer und Wasser. Strom- und Kühlwasserstränge gibt’s sicherheitshalber doppelt. Einige verfügen gar über eine Brennstoffzelle, die effizienter ist als herkömmliche Ersatz-Dieselaggregate. Rittal-Tresore finden sich deshalb in Banken und Krankenhäusern, bei der Feuerwehr oder in Verkehrsleitzentralen. Orte, die reibungslosen Datenverkehr und größtmögliche Sicherheit brauchen.

Die Politik tut sich mit den heutigen Bedrohungen schwer. „Der Schutz der kritischen Infrastruktur hat in der gesamten Politik zu wenig Beachtung gefunden“, sagt Stephan Mayer, innen- und rechtspolitischer Sprecher der CSU-Landesgruppe. Das Thema sei nun einmal „nicht charmant“ und könne „die Bevölkerung verunsichern“. Denn für Mayer ist klar: „Wir sind weitaus verwundbarer, als viele denken.“ Die Aschewolke aus Island ermuntere nun vielleicht zu mehr Elan.

„Sicherheit gegen potenzielle Störfälle hat in Berlin keine Lobby“, klagt auch SPD-Mann Gerold Reichenbach. Er hat in der vergangenen Legislaturperiode zusammen mit Kollegen von Union, Grünen und FDP das „Grünbuch öffentliche Sicherheit“ geschrieben. Doch viel bewegen konnten die fleißigen Autoren nicht.

Panzerschränke für Daten

Hinzu kommt, dass die meisten Gefährdungen nicht an nationalen Grenzen haltmachen. Das gilt für Aschewolken wie für Krankheitserreger, aber eben auch für Verkehrskollaps und Stromausfall. „Es hilft wenig, wenn ich allein meine nationale Entscheidung treffe“, sagt Hartfried Wolff, Mitherausgeber des Grünbuchs. Es gebe genug Experten, „es muss nur klar sein, wo die Zuständigkeiten liegen“. Allerdings ist in Europa auch umstritten, was überhaupt zur „kritischen Infrastruktur“ zählt. Manches Land zählt Regierungsgebäude dazu, andere die Trinkwasserversorgung, dritte gar Ackerflächen.

Als ein Heilmittel stets angepriesen ist die Redundanz, also das Vorhalten doppelter oder gar dreifacher Ersatzsysteme. Sie schafft ein Stück Unabhängigkeit – aber sie kostet auch viel Geld.

Die deutschen Häfen beispielsweise hätten nichts gegen besseren Schutz und schärfere Kontrollen – aber nur, wenn dies auch für die europäische Konkurrenz gilt. Sonst nämlich verlängern sich hierzulande die Verlade- und Liegezeiten und die Kosten steigen, während die Konkurrenz in Holland günstig bliebe. Bei den Stromnetzen wären wahrscheinlich Milliardenausgaben fällig, die den Betreibern die Bilanz verhageln würden.

Das Problem: Der Staat ist klamm, und vier Fünftel aller sensiblen Einrichtungen gehören ohnehin privaten Unternehmen. Doch bei denen passt die Vorsicht nur schwer in die Kalkulation. Der Bund ist also beim Schutz kritischer Infrastruktur auf die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft angewiesen. Im Dezember warb Innenminister Thomas de Maizière (CDU) deshalb bereits um bessere Kooperation.

In seinem Haus brütet das Referat KM (Krisenmanagement) 4 über den „Schutz kritischer Infrastruktur“. Doch über die Arbeit mag niemand reden.Anders als Vorgänger Wolfgang Schäuble setzt Innenminister Thomas de Maizière nicht auf Alarm, sondern auf Ruhe. Auch die Sicherheitsindustrie hält sich öffentlich lieber bedeckt: „Soll man Terroristen erklären, wo am Flughafen die Lücken sind?“

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