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Folgen der Energiewende Deutschlands verzweifelter Kampf ums Windrad

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Angst ums identitätsstiftende Idyll

Erich Sänger Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

So kommen weniger Standorte überhaupt für Windkraftanlagen infrage. Wo die äußeren Voraussetzungen passen, gibt es reihenweise andere Probleme. Geschützte Baumarten, bedrohte Vögel, Trinkwasserreservoire und vor allem: Menschen. In den Weiten des Nordens hatten sich die Anwohner lange vor der Energiewende daran gewöhnt, dass irgendwo am Horizont auch ein Strommast, ein Handyturm oder eben ein Windkraftwerk zu sehen war. Wo aber ein Dorf nur von bewaldeten Hügeln umgeben ist, bedeutet ein Windmast von der Höhe der ganzen Hügelkette einen Eingriff anderer Qualität.

Diese Angst um das identitätsstiftende Idyll ist es, die bei Menschen wie Reinhold Leinweber einen so tief sitzenden Groll erzeugt, dass der Konflikt mit der Nachbargemeinde erst rohe und dann tragische Züge angenommen hat. Als Bad Endbachs Bürgermeister Schäfer Anfang 2012 auf einer Informationsveranstaltung versucht, bei den Bürgern im Nachbarort Verständnis für seine Lage zu finden, ist es längst zu spät. Im örtlichen Bürgerhaus wird er mit Beleidigungen empfangen. „Der Weg zum Podium glich einem Spießrutenlauf“, erinnert sich Schäfer. Wenn er an diesen Tag zurückdenkt, tritt noch ein Jahr später Bestürzung in sein Gesicht. „Dass ein paar Windräder solchen Hass stiften können, kann ich bis heute nicht glauben.“ In Andeutungen erzählt er, wie es danach weiterging. Er berichtet von Drohungen, einer schwierigen Zeit in der Schule für seine Kinder, er bleibt bewusst im Ungenauen.

Nicht nur bei Bürgermeister Schäfer sind solche Wunden zurückgeblieben. Wenn sein Kontrahent Reinhold Leinweber von der hitzigsten Phase des Kampfes um die Windmühlen berichtet, mischt sich Ärger mit Bitterkeit. Auch seine Seite sei persönlich bedroht worden, etwa als die Windkraftgegner Flugblätter gegen den Windpark in Bad Endbach verteilten. Eine Mitstreiterin sei mit dem Schraubenzieher bedroht worden. Aber das ist es nicht, was seine Gefühlslage erklärt. „Man versucht, uns als Querulanten darzustellen“, sagt er. In einer Stellungnahme distanzierte sich die Gemeinde Dautphetal, zu der Holzhausen gehört, von der Bürgerinitiative. Man verurteile die „teilweise massiven Versuche“ , auf die „politisch Verantwortlichen in der Nachbargemeinde einzuwirken“. Die „diffamierenden Äußerungen“ seien „in hohem Maße geeignet“, den „sozialen Frieden zu beeinträchtigen“.

Erfolgsfaktor kontra Erfinder

Solche Beispiele zeigen, wie die als Erfolgsfaktor gepriesene Dezentralität der neuen Energieversorgung sich gegen ihre Erfinder wendet. Statt alle Bürger zu beteiligen, bringt die Windkraft immer mehr Menschen gegen sie auf. Statt einer unspezifischen Wut auf große Konzerne verspüren die Menschen ganz konkreten Ärger auf Nachbarn oder lokale Politiker. Auch für die Naturschutzverbände wird das zunehmend zum Problem. Sie können ihr Ja-Wort für die Energiewende immer seltener mit dem Schutz der lokalen Natur vereinbaren. Im vergangenen Jahr verkündete einer der Urväter der deutschen Naturschützer, Enoch zu Guttenberg, seinen Austritt aus dem BUND. „Ich kann mich des fatalen Eindrucks nicht erwehren: Es geht nicht um Natur und ihren Schutz. Hier geht es möglicherweise schlicht um Geld“, schrieb er den alten Weggefährten ins Stammbuch.

So denken immer mehr Naturfreunde; im Hinterland hat sie die Frage endgültig gespalten. Früh hatte der Nabu der Bürgerinitiative seine Unterstützung zugesagt. Für Bürgerinitiativen kann so etwas der entscheidende Baustein sein, um ein Projekt aufzuhalten. Während die lokalen Gruppen keine Klageerlaubnis in naturschutzrechtlichen Fragen haben, wird diese den bundesweit tätigen Organisationen wie BUND oder Nabu fast immer gewährt. So auch am Hilsberg.

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