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Folgen der Energiewende Deutschlands verzweifelter Kampf ums Windrad

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Riesige Türme in der Landschaft

Markus Schäfer Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

Mit dem technischen Fortschritt nehmen diese Schäden sogar zu, anstatt zu sinken. Waren Windräder vor wenigen Jahren kaum 100 Meter hoch, erreichen die Standardmodelle dieser Tage inklusive Rotor knapp 200 Meter, allein der Turm misst 140 Meter. Das verändert nicht nur die Wahrnehmung, sondern hat auch massive Folgen für die Platzierung der Windmeiler. Denn in größeren Höhen steigen auch die Windgeschwindigkeiten signifikant an. Während sich die Anlagen noch vor einer Dekade nur in Küstennähe und auf exponierten Gipfellagen effizient betrieben ließen, gibt es heute in jedem deutschen Landkreis geeignete Flächen. Zudem wird der Ausbau politisch forciert. In den vergangenen Monaten haben Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern neue Gesetze verabschiedet, die den Bau erleichtern. In Hessen ist ein entsprechendes Gesetz in der Pipeline.

"Stück vom Kuchen"

Markus Schäfer ist einer von denen, die den Ausbau vorantreiben. Ihm geht es bei der Windkraft darum, „ein Stück vom Kuchen abzubekommen“. Es ist eine Formulierung, die man zurzeit in vielen Orten hört. Schäfer ist Bürgermeister der Gemeinde Bad Endbach und der Gegenspieler von Aktivist Leinweber. Das mit dem Kuchen klingt nach Profitinteresse, nicht nach Idealismus, und so schiebt er hinterher: „Ich war schon immer für die Energiewende.“ Bei seinem Amtsantritt 2006 sei er mit dem Ziel angetreten, den Ort energieautark zu machen. Zu Gesprächen lädt er gern ins städtische Thermalbad ein, ein Passivhaus, das seine Energie selbst produziert. Vor dem Bad steht Schäfers Auto, auf der Heckscheibe prangt ein Aufkleber im Stile der „Atomkraft, nein danke“-Statements: „Windkraft, ja bitte“. Schäfer macht sich eine Zigarette an, steigt in den Wagen, einen Mercedes. Ein Mann der Widersprüche?

Windleistung und Windstromertrag in Deutschland Quelle: Frauenhofer IWES

Schäfer sagt, er habe jahrelang Anträge von Projektbüros bekommen, die auf den Flächen der Gemeinde Windkraftanlagen errichten wollten. Die Energiebilanz des Ortes hätten die Projekte verbessert und sogar ein paar Gewerbesteuereinnahmen gebracht. Aber: „Die großen Gewinne schöpfen andere ab“, stellt Schäfer fest. Dessen Therme ist energiepolitisch zwar ein Vorzeigeprojekt, finanziell aber eine ziemliche Bürde. 700.000 Euro muss das Städtchen im Jahr für das Ökobad zuschießen. Um nicht nur die Energiebilanz, sondern auch die Bücher in den grünen Bereich zu führen, kam Schäfer auf eine einfache Idee: Wenn die Kommune selbst Windkraftanlagen baut, könnte das die Verluste der Therme ausgleichen. „Energiewende und Schuldenabbau in einem Projekt, das nenne ich eine Win-win-Situation.“ 2011 rechnete er das Konzept durch und ging damit an die Öffentlichkeit.

Akteure der Stunde

Gemeinden wie Bad Endbach sind in der Windkraft die Akteure der Stunde. In der ersten Phase des Ausbaus erneuerbarer Energien waren es vor allem Fonds und Genossenschaften, die bei Anlegern oder Mitgliedern Kapital einsammelten und dann Projektentwickler ihre Windmühlen realisieren ließen. Die Gemeinden mussten zuschauen, wie andere das Geld verdienten, während sie sich mit den Gegnern der Projekte herumärgerten. Inzwischen ist das vielen Bürgermeistern zu bunt geworden, sie steigen selbst in den Betrieb von Windparks ein. Ihr Argument: Nur wenn die Kommunen das Geschäft übernehmen, haben alle Bürger etwas von den Erträgen. Einige Projektentwickler sprechen gar bevorzugt Gemeinden an – weil die offenbar besonders leicht von Windkraftinvestments zu überzeugen sind.

Beschleunigt wird diese Dynamik durch die Politik der südlichen Bundesländer, die ihren Rückstand beim Ausbau der Windenergie aufholen wollen. Im vergangenen Jahr erhöhte kein Bundesland seine Kapazität schneller als Bayern, wo sie um 22 Prozent wuchs. Dafür haben sie ihre Kommunen auf konkrete Ausbauziele verpflichtet. So sollen etwa in Rheinland-Pfalz bis 2020 zwei Prozent der Landesfläche für Windenergie parat stehen.

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