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Frank-Jürgen Weise "Wirtschaftssanktionen könnten Jobs bedrohen"

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit Frank-Jürgen Weise sagt dem deutschen Arbeitsmarkt ein hervorragendes Jahr voraus – sofern es keine externen Schocks gibt, etwa durch die Krim-Krise.

Frank-Jürgen Weise Quelle: Max Lautenschläger für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Weise, die Zahl der Arbeitslosen hat sich bei knapp über drei Millionen stabilisiert, saisonbereinigt gehen die Zahlen seit drei Monaten zurück. Wird 2014 ein gutes Jahr für den Arbeitsmarkt?

Weise: 2014 könnte sogar das beste Jahr seit Langem werden! Bis auf den Banken- und Versicherungsbereich suchen fast alle Branchen nach neuen Mitarbeitern. Besonders hoch ist die Nachfrage in technischen Berufen und im Gesundheitsbereich. Insgesamt rechnen wir 2014 mit einer durchschnittlichen Arbeitslosenzahl unter drei Millionen Menschen. Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte auf 42,1 Millionen steigen.

Woran liegt das?

Der Export läuft stark, die Investitionen ziehen langsam an. Auch die Binnenkonjunktur ist in Schwung, weil Lohnsteigerungen und Produktivität in einer guten Balance sind. Ein Selbstläufer ist die gute Lage am Arbeitsmarkt gleichwohl nicht. Es dürfen keine externen Schocks eintreten, etwa durch die Krim-Krise. Wirtschaftssanktionen könnten in Deutschland Jobs bedrohen.

Zur Person

Eine Gruppe profitiert vom Aufschwung am Arbeitsmarkt so gut wie gar nicht – die Langzeitarbeitslosen.

Das stimmt so nicht. Seit 2006 ist deren Zahl um 40 Prozent gesunken. Sie haben insofern recht, als dass sich die positive Entwicklung zuletzt nicht mehr fortgesetzt hat. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist wieder leicht gestiegen und pendelt nun um die Millionengrenze.

Wie lässt sich dieser Sockel abschmelzen?

Nur durch Aus- und Weiterbildung. Für zwei Drittel dieser Menschen gilt mindestens eines der folgenden drei Kriterien: Sie haben keinen Schulabschluss, keinen Berufsabschluss oder sind älter als 50 Jahre. 400 000 von ihnen sind sogar besonders hartnäckige Fälle, die seit 2005 nicht mehr gearbeitet haben. Diese Gruppe lässt sich nur über ein langfristig angelegtes Programm aktivieren. Die Menschen müssen qualifiziert werden und einen Arbeitgeber finden, der die Einstellung wagt – gern auch mit Lohnkostenzuschuss durch die Arbeitsagentur.

Die Internet-Riesen suchen Mitarbeiter
Der Pharmahersteller Sanofi-Aventis will einem Bericht zufolge in Frankfurt rund 1000 neue Stellen schaffen. Noch in diesem Jahr wolle der Konzern 500 zusätzliche Mitarbeiter an seinem Standort in Frankfurt-Höchst einstellen, berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Samstag) unter Berufung auf „informierte Kreise“. Bis 2017 sei ein weiterer Personalaufbau um 500 Arbeitsplätze geplant. Für die Produktion von Medikamenten für Zuckerkranke werde mehr Personal benötigt, schreibt die Zeitung. Eine Sprecherin des Unternehmens wollte den Bericht am Samstag nicht kommentieren. Das Frankfurter Werk ist laut Sanofi der weltweit größte Produktionsstandort für Insulin. Quelle: dpa
Der Gabelstapler-Hersteller Kion will kräftig in seine Forschung und Entwicklung investieren. In China sollen in den nächsten eineinhalb Jahren bis zu 150 neue Entwickler eingestellt werden, sagte Vorstandschef Gordon Riske in einem dpa-Interview in Wiesbaden. Der weltweit zweitgrößte Gabelstapler-Hersteller hat insgesamt elf Entwicklungszentren mit rund 950 Beschäftigten, davon vier in den Wachstumsmärkten China, Indien und Brasilien. Alleine etwa 300 Entwickler arbeiten in China. Mit den neuen Jobs will Kion vor allem Fahrzeuge für den asiatischen Raum entwickeln, aber auch Produktplattformen für andere Wachstumsmärkte entwerfen. Quelle: dpa
Der Autobauer Daimler übernimmt an seinem größten Produktionsstandort Sindelfingen 200 Leiharbeiter in eine Festanstellung. Dies teilte der Betriebsrat mit. Hundert von ihnen bekommen zunächst allerdings auf ein Jahr befristete Verträge. „Daimler wächst weltweit“, erklärte ein Sprecher. „Deshalb schaffen wir im Konzern neue Stellen.“ Der Autobauer steht derzeit wegen seiner Werkverträge in der Kritik und bemüht sich nun um eine Besserstellung der nicht fest angestellten Arbeitskräfte. Zuletzt hatte der Dax-Konzern bereits zahlreiche Werkverträge in bessergestellte Leiharbeitsverhältnisse geändert. Für diese gelten Tarifrechte wie der Anspruch auf eine feste Stelle nach 24 Monaten. Quelle: REUTERS
Dank guter Auslastung in seinen deutschen Werken übernimmt der Volkswagen-Konzern zum Jahreswechsel rund 1500 Leiharbeiter. 912 Zeitarbeitskräfte im Wolfsburger Stammwerk und 572 Zeitarbeitskollegen aus den anderen deutschen VW-Fabriken werden fest angestellt. Die Regelung gelte für alle VW-Leiharbeiter, die im Dezember, Januar oder Februar seit drei Jahren durchgehend in den deutschen VW-Werken gearbeitet haben werden. Eine neue Befristung wäre für die rund 1500 auf Zeit Angestellten gesetzlich verboten gewesen - VW hätte sie also entlassen oder, wie nun geplant, fest übernehmen müssen. Quelle: AP
Bosch stellt in Deutschland, Italien, Portugal und Spanien zusätzlich 100 Ausbildungsplätze für Jugendliche aus Südeuropa zur Verfügung. Hintergrund der Maßnahme ist die dort hohe Jugendarbeitslosigkeit. Das Projekt soll mit Ausbildungsjahr 2014 starten. Zusätzliche 50 Ausbildungsplätze in Deutschland werden mit Bewerbern aus Spanien besetzt. Für die Initiative werden rund 7,5 Millionen Euro über die nächsten vier Jahre zur Verfügung. Quelle: dpa
Der Sportwagenbauer Porsche hat im vergangenen Jahr seinen Mitarbeiterstamm deutlich ausgebaut. Ende September beschäftigte die VW-Tochter 18.882 Mitarbeiter nach 17.066 im Vorjahr, wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte. Rund 700 Stellen seien im neuen Macan-Werk in Leipzig geschaffen worden, sagte ein Sprecher, der Rest am Porsche-Stammsitz in Zuffenhausen und im Entwicklungszentrum in Weissach nahe Stuttgart. Bis 2018 will Porsche seine Belegschaft auf gut 20.000 ausbauen. Der operative Gewinn der Sportwagenschmiede stagnierte allerdings in den ersten neun Monaten bei 1,89 Milliarden Euro. Grund seien die hohen Investitionen, sagte Porsche-Chef Matthias Müller. Porsche investiert in diesem Jahr rund 1,3 Milliarden Euro - unter anderem in die neue Macan-Produktion in Leipzig und rechnet deshalb 2013 mit einem Gewinn auf Vorjahresniveau. Bei Umsatz und Absatz ist der Sportwagenbauer dagegen auf dem Weg zu neuen Rekordwerten. Die Erlöse steigerte Porsche in den ersten neun Monaten um drei Prozent auf 10,4 Milliarden Euro. Dabei lieferte der Sportwagenbauer von Januar bis September fast 120.000 Fahrzeuge an Kunden aus - ein Plus von 15 Prozent. Quelle: dpa
BNP Paribas wird ihr Geschäft in Deutschland ausbauen und rund 500 Menschen einstellen. Es ist eine der führenden Geschäftsbanken in Frankreich - und eine der größten Banken Europas. Sie wird damit zum Konkurrenten der Deutschen Bank. Mit der Aufstockung der Mitarbeiter hat BNP Paribas dann rund 4000 Mitarbeiter in Deutschland. Quelle: REUTERS

Mit Verlaub: Welcher Betrieb stellt jemanden ein, der seit zehn Jahren nicht mehr gearbeitet hat?

Natürlich ist das schwierig. Manche der Betroffenen haben aber keine schweren Defizite, sondern hatten schlicht keine Kinderbetreuung gefunden oder mussten Angehörige pflegen. Wenn wir das organisiert bekommen, können diese Leute arbeiten. Mit großer Motivation sogar. Und was ganz wichtig ist: Wir wollen die Integration in den ersten Arbeitsmarkt. Einen sozialen Arbeitsmarkt, der Beschäftigung nur simuliert, werde ich nicht herbeireden. Wir müssen die Arbeitgeber von unseren Kandidaten überzeugen: Schau dir den Menschen an und nicht die Zeugnisse. Und dann müssen wir beide Seiten begleiten, weil es ein anspruchsvoller Weg ist.

Halten Sie mit Blick auf die Problemfälle im Arbeitslosenbestand den gesetzlichen Mindestlohn für eine gute Idee?

Der Mindestlohn ist eine politische Entscheidung und wird von einer Mehrheit in der Bevölkerung gewünscht. Er führt dazu, dass gerade viele Ungelernte in Zukunft mehr leisten und eine Aus- oder Weiterbildung absolvieren müssen – damit sie die 8,50 Euro pro Stunde erwirtschaften können. Dazu gehört auch, selbst die Initiative zu ergreifen.

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