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Frankreich Mord an Holocaust-Überlebender in Paris löst gefährliche Polemik aus

Ein Schweigemarsch heizt die Antisemitismus-Debatte in Frankreich an. Dabei sind die vermeintlichen Täter häufig selbst Opfer.

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Die Polizei untersucht, ob die 85-jährige Holocaust-Überlebende Mireille Knoll aufgrund ihrer Religion ermordet wurde. Quelle: dpa

Mittwochabend werden Bürger in Paris mit einem Schweigemarsch zweier Frauen gedenken, die Opfer offenbar antisemitisch motivierter Gewalttaten wurden. Eine von ihnen ist die 85-jährige Mireille Knoll. Sie wurde vergangenen Freitag in ihrer Sozialwohnung im 19. Arrondissement von Paris ermordet. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei ist der Täter ein 25-jähriger Muslim und sein Komplize. Zwar geht die Polizei davon aus, dass es den beiden darum ging, die Überlebende des Holocaust auszurauben.

Doch wegen der besonderen Brutalität der Tat, wird auch wegen eines judenfeindlichen Hintergrunds ermittelt. Besonders verstörend ist, dass der 25-Jährige die alte Dame seit 16 Jahren kannte und wohl bei ihr ein- und ausging: „Meine Mutter hielt ihn für einen Freund, sie kannte ihn seit seiner Kindheit“, sagte Daniel Knoll, einer der Söhne, Mittwochmorgen im Radio. Als Kind war sie 1942 der Razzia der französischen Polizei gegen Juden entkommen.

Die Tatsache, dass der Mörder ein Bekannter war, ist eine gewisse Parallele zu einem anderen Mordfall. Vor knapp einem Jahr, am 4. April 2017, wurde die 65-Jährige Sarah Halimi von einem 27-jährigen Nachbarn verprügelt und vom Balkon ihrer Wohnung in den Tod gestürzt. Auch hier lebte der Täter im selben Haus und kannte sein Opfer seit langem. Allerdings handelt es sich in diesem Fall um einen gewalttätigen Drogenabhängigen, der in seiner eigenen Familie gefürchtet war. „Ich habe den Teufel getötet“, soll er gerufen haben, als er Halimi vom Balkon stürzte.

Ob die Täter gezielt Juden ermorden wollten oder sich nur leicht zu überwältigende Opfer aussuchten, das müssen die Ermittlungen der Polizei ergeben. Doch die politischen Schlussfolgerungen und der Aufruf zum Schweigemarsch haben mittlerweile Polemik in Frankreich ausgelöst.

Staatspräsident Emmanuel Macron warnt vor einem Klima, in dem Menschen umgebracht werden, nur weil sie Juden sind. Auch der Rat jüdischer Organisationen (CRIF) warnt, dass in manchen Stadtvierteln jüdische Familien fast täglich zum Ziel von Mobbing würden – auch wenn die Zahl antisemitischer Akte in Frankreich rückläufig ist.

Der Rat der jüdischen Organisationen hatte mitgeteilt, weder der rechtsextreme Front National noch der Chef der Linksfront Jean-Luc Mélenchon seien bei dem Schweigemarsch willkommen. Daraufhin sagte Daniel Knoll, „der CRIF macht Politik, jeder ist bei der Demonstration willkommen.“

Auch „Salon-Antisemitismus“ ist gefährlich

Die rechtsextremen Partei Front National nimmt für sich in Anspruch, „bereits seit Jahren vor dem muslimischen Antisemitismus“ zu warnen. Wohlgemerkt: vor dem muslimischen.

Ganz so einfach ist die Lage nach Ansicht des CRIF nicht. Auch wenn er das Augenmerk auf judenfeindliche junge Muslime richtet: „Wir stehen vor einer de facto-Allianz junger Muslime, der extremen Rechten und von Teilen der extremen Linken“, sagt Francis Kalifat, Vorsitzender des Rates der jüdischen Organisationen in Frankreich, im Gespräch mit ausländischen Journalisten.

Die beiden Mordtaten seien von jungen Muslimen begangen worden, und in armen Stadtvierteln mit hohem muslimischem Bevölkerungsanteil und einer hohen Kriminalitätsrate. Hier lebten viele jüdische Familien täglich in Angst. Die staatlichen Behörden haben nach Ansicht des CRIF-Vorsitzenden zu lange gebraucht, um diese Bedrohung zu erkennen. Inzwischen habe sich ihre Sensibilität aber geschärft.

Wie kompliziert die Lage ist, macht die Aussage des CRIF-Chefs deutlich: „Man kann sich nicht alleine auf die jungen antisemitischen Muslime konzentrieren, die übrigens eindeutig eine Minderheit aller französischen Muslime darstellen“, stellt er fest.

Diese Jugendlichen würden oft selber Opfer von Diskriminierung und richteten ihre Wut, ihren Zorn wegen des eigenen Scheiterns in der Gesellschaft, dann auf die Juden.

Der Antisemitismus aber ist in Frankreich ein viel breiteres Phänomen. Seit der Wahlniederlage der rechtsnationalen Kandidatin Marine Le Pen im vergangenen Mai träten militante Rechtsextremen jetzt wieder offener und aggressiver auf. „Solange sie auf den Wahlsieg hofften, waren sie sozusagen auf standby geschaltet. Nachdem ihre Träume geplatzt sind, werden sie nun wieder offensiver “, analysiert Kalifat.

Hinzu komme ein „Salon-Antisemitismus“ der besseren Kreise, der seit dem 19. Jahrhundert weit verbreitet gewesen sei. Heute äußert der sich in Forderungen wie: Man dürfe bekannte antijüdische Hetzer, die im vergangenen Jahrhundert öffentlich zu Mord und Totschlag aufriefen, doch nicht nur auf ihren Antisemitismus reduzieren.

So will sogar der Chef des kulturellen Leuchtturm-Verlags Gallimard unbedingt die antisemitischen Pamphlete des Schriftstellers Louis-Ferdinand Céline veröffentlichen, deren Neuauflage der selber verboten hatte.

Antoine Gallimard nimmt für sich in Anspruch, damit der Aufklärung der Leser zu dienen.

CRIF-Chef Kalifat sieht in diesem Vorstoß aber keinen antisemitischen Hintergrund: „Dem geht es nur ums Geld, er weiß, dass sich mit diesen Hetzschriften viel verdienen lässt“, sagt er mit bitterem Unterton.

Der CRIF arbeitet heute in einem schwierigen Umfeld. Einerseits will er die Sensibilität der Öffentlichkeit für die Gefährdung der jüdischen Franzosen stärken. Andererseits will er nicht denjenigen in Israel eine Vorlage liefern, die möglichst viele Franzosen zur Auswanderung in den jüdischen Staat auffordern.

Deshalb hebt Kalifat auch hervor, dass die Zahl der Franzosen, die ihre Heimat in Richtung Israel verlassen, wieder deutlich abgenommen habe. Vor den Terroranschlägen von 2015, die sich auch gegen einen jüdischen Supermarkt richteten, habe die Zahl der Auswanderer bei 2000 pro Jahr gelegen. Sie sei dann 2016 auf 3500 in die Höhe geschnellt. Als Benjamin Netanjahu nach den Anschlägen 2015 Frankreich besuchte, forderte er die jüdischen Franzosen unverhohlen zur Auswanderung auf.

Noch heute gibt es öfters Berichte im Fernsehen, Juden seien in Frankreich nicht mehr sicher und müssten deshalb nach Israel ziehen. Dieser Propaganda will der CRIF keinen Vorschub leisten. Kalifat hebt hervor, es habe 2015 Prognosen gegeben wonach es 10.000 Auswanderer gebe, doch in Wirklichkeit sei deren Zahl mittlerweile auf 3000 gesunken.

Ein guter Teil davon käme auch wieder zurück, „doch wir haben keine exakten Zahlen, denn darüber kommuniziert die zuständige israelische Behörde nicht“, sagt der CRIF-Vorsitzende mit ironischem Lächeln.

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