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Frauen in Führungspositionen Blamieren mit der Frauenquote

Dax-Konzerne unterlaufen ein neues Gesetz zur Frauenförderung. Die Politik ist selber schuld: Sie hat die Vorschriften schwammig formuliert.

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) Quelle: dpa

Thomas Nöcker ist Personalvorstand des Dax-Konzerns K+S. Sein Geschäft kreist um Bergbau, Dünger und Rohstoffe. Ein rustikales Gewerbe, Frauen gab’s nie viele. Nöcker sieht sich dennoch als Vorbild: „Der Anteil der Frauen in Führungspositionen ist bei uns bereits höher als ihr Anteil an der Belegschaft in Deutschland“, sagt der Vorstand. Neun Prozent Frauen arbeiten deutschlandweit bei K+S, aber unter den Führungskräften stellen sie 11,5 Prozent.

Das reicht Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig (SPD) nicht. Konzerne wie K+S müssen sich laut Schwesigs Quotengesetz bis zum 30. September 2015 Ziele setzen und veröffentlichen, wie viele Frauen sie bis spätestens Mitte 2017 zusätzlich befördern wollen. Das gilt für den Vorstand und die nächsten zwei Führungsebenen. Erklärtes politisches Ziel ist ein Frauenanteil von 30 Prozent unter den Tob-Jobs.

So hoch ist der Frauenanteil in den Dax-Konzernen

Dieser Teil von Schwesigs Gesetz ist weniger bekannt als die viel diskutierte Quote für Aufsichtsräte. Die erzwingt 30 Prozent Frauen in Kontrollgremien, was aber offenbar leichter zu schaffen ist. In den 30 Dax-Unternehmen fehlen nur noch 20 Aufseherinnen.

In deutschen Vorständen sitzen aber nach wie vor sehr wenige Frauen; in den zwei Führungsebenen darunter tut sich nur langsam etwas. Der K+S-Vorstand etwa besteht bislang aus fünf Männern. Unter den Führungsjobs der nächsten Ebene fällt der Mitarbeiterinnen-Anteil auf zehn Prozent, auf der Ebene danach sind es gar nur schlanke fünf Prozent.

Doch werden Schwesigs neue Regeln daran viel ändern? Wohl zumindest kurzfristig kaum. Denn anders als bei der Regelung zur Quote in Aufsichtsräten sind Sanktionen nicht vorgesehen. Finden Konzerne für ihre Führungsjobs keine Kandidatinnen – oder geben dies vor –, bleibt die Strafe durch den Gesetzgeber aus.

Zudem haben Vorstände und Wirtschaftsprüfer entscheidende Lücken im Gesetz gefunden. Unternehmen könnten sich etwa das „Ziel Null“ setzen, also anstreben, den Frauenanteil lediglich nicht abrutschen zu lassen. Auch K+S-Vorstand Nöcker hat seine Vorgaben denkbar bescheiden formuliert: „Ich nehme an, dass wir in einem ersten Schritt zunächst den Status quo als Ziel abbilden“, sagt er. Das heißt: Gut ist, wenn es so bleibt, wie es ist. Ähnlich unambitioniert planen verschiedene andere Dax-Unternehmen, auch wenn sie dies noch nicht öffentlich erklären möchten.

Diese Fehler verbauen Frauen die Karriere
1.  Frauen lassen sich von Stellenanzeigen einschüchternKeine Frage, Bewerber sollten Stellenanzeigen sorgfältig durchlesen. Aber zu viel Sorgfalt schadet eher. Ein Problem, das vor allem Frauen betrifft. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Online-Stellenbörse Jobware. 151 Männer und 79 Frauen lasen darin 150 Stellenanzeigen. Währenddessen wurden ihre Augenbewegungen aufgezeichnet, hinterher bewerteten die Studienleiter ihre Aussagen. Das Ergebnis: Frauen klickten im Schnitt nicht nur auf mehr Jobprofile, die sie auch länger durchlasen. Mehr noch: Sie ließen sich wesentlich stärker von vermeintlich männlichen Stellentiteln und Qualifikationen beeindrucken – und wollten sich gar nicht erst bewerben. Ein Indiz dafür, dass sich Frauen von manchen Anforderungen immer noch zu stark beeindrucken lassen. Ein Problem, das schon früh beginnt... Quelle: Fotolia
2. Schon Mädchen scheuen WettbewerbMatthias Sutter und Daniela Rützler von der Universität Innsbruck untersuchten in einer Studie das Verhalten von mehr als 1000 Kindern im Alter zwischen 3 und 18 Jahren. Sie sollten verschiedene Tests lösen, etwa Wettläufe oder Matheaufgaben. Als Belohnung erhielten sie kleine Geldbeträge. Im Verlauf des Spiels konnten die Kinder dann gegen Gleichaltrige antreten und dabei mehr verdienen. Bei den Jungen entschieden sich 40 Prozent für den Wettkampf unter Gleichaltrigen. Von den Mädchen wollten das nur 19 Prozent wagen. Quelle: Fotolia
3. Frauen unterschätzen ihre LeistungErnesto Reuben von der Columbia Business School gewann für sein Experiment ( .pdf) 134 Studenten. Alle hatten zwei Jahre zuvor verschiedene Aufgaben absolviert, jetzt sollten sie ihre damalige Leistung bewerten. Das Ergebnis: Die Männer überschätzen ihre tatsächliche Leistung um rund 30 Prozent überschätzt, die Frauen hingegen um weniger als 15 Prozent. Im zweiten Schritt teilte Reuben die Teilnehmer in Gruppen. Sie sollten einen Vertreter wählen, der für die Gruppe Geld gewinnen konnte. Das Ergebnis: Weil sie zu ehrlich waren, schafften es weibliche Teilnehmer drei Mal seltener als Männer, die Rolle des Anführers zu übernehmen. Quelle: Fotolia
4. Frauen lassen sich von Klischees beeinflussenMarina Pavlova vom Universitätsklinikum Tübingen reichte für ihre Studie im Jahr 2010 83 Medizinstudenten den Abschnitt eines Intelligenztests. Dabei sollten sie eine Reihe von Bildern in die richtige Reihenfolge zu bringen. Doch vorab gaukelte Pavlova der einen Hälfte der Teilnehmer vor, dass Frauen bei dieser Aufgabe generell besser abschneiden. Die andere Hälfte erfuhr, dass Männer darin bessere Ergebnisse erzielen. Ergebnis: Die Frauen ließen sich von negativen Aussagen viel stärker beeinflussen als Männer. Deren Leistung litt kaum unter der Vorab-Information. Quelle: Fotolia
5. Frauen sind schneller zufriedenDer Soziologe Stefan Liebig von der Universität Bielefeld analysierte für seine Studie ( .pdf) Daten des Sozio-oekonomischen Panels. In dieser Langzeitstudie machen 10.000 Deutsche regelmäßig Angaben zu Ihrem Beruf und Privatleben. Liebig wollte wissen, ob sie ihr aktuelles Einkommen als gerecht empfanden - und falls nein, welches Nettogehalt angemessen wäre. Wenig überraschend: Etwa jeder dritte Befragte fand sein Einkommen ungerecht. Doch das Einkommen, das Frauen als gerecht empfanden, lag noch unter dem tatsächlichen Gehalt von Männern. Egal ob Akademikerin oder Reinigungskräfte: Frauen hatten finanzielle geringere Ansprüche. Quelle: Fotolia
6. Frauen scheuen Jobs mit WettbewerbAndreas Leibbrandt und John List schalten für ihre Untersuchung Stellenanzeigen in neun US-Städten – in zwei verschiedenen Versionen. Die eine Ausschreibung suggerierte, dass das Gehalt nicht verhandelbar sei. Die andere behauptete, dass das Gehalt Verhandlungssache sei. Fazit: Bei letzterer Stelle bewarben sich wesentlich mehr Männer. Offenbar meiden viele Frauen Jobs mit starkem Konkurrenzdenken. Quelle: Fotolia
Ein Mann hält einen Zettel mit der Aufschrift "Job gefällig?" in der Hand Quelle: dpa

Ein weiterer Kniff, den das Gesetz nicht ausschließt: Konzerne wollen ihre Förderziele Ende September nicht melden, sondern im hinteren Teil ihres Geschäftsberichtes verstecken. Der erscheint dann erst 2016.

Die Commerzbank, die seit der Finanzkrise teils im Bundesbesitz ist, macht aus ihrem Mangel an Ehrgeiz hingegen keinen Hehl. Frank Annuscheit, im siebenköpfigen (rein männlichen) Vorstand für Personalfragen zuständig, kündigte an, ebenfalls nur den Status quo halten zu wollen.

Das heißt: mickrige 8,6 Prozent Frauen in der ersten Ebene unterm Vorstand und 14,6 Prozent in der zweiten. „Wir haben uns bewusst für diese konservativen Quoten entschieden, um die gesetzlichen Regelungen zu erfüllen und gleichzeitig unsere unternehmerische Freiheit zu wahren“, erläutert Vorstand Annuscheit im Intranet der Bank.

Schwammige Regeln

Ministerin Schwesig ist über so wenig Ehrgeiz der Unternehmenslenker überhaupt nicht glücklich: „Wir sind der Wirtschaft sehr entgegengekommen. Ein erster Schritt für den notwendigen Kulturwandel ist die Festlegung der Zielgrößen zur Erhöhung des Frauenanteils in Führungspositionen.“ Auf dem Status quo zu beharren sei nicht genug: „Ich erwarte von den Unternehmen, dass sie ihre Spielräume nutzen und mehr Frauen in die Führungsetagen holen. An qualifizierten Frauen mangelt es nicht.“

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Mit den schwammigen Regeln, die so leicht auszuhebeln sind, hat sich der Gesetzgeber aber selber blamiert. Konzerne sollten dennoch nicht zu früh frohlocken, sagen Unternehmensberater. Bleibe ihr Frauenanteil weiter mickrig, drohe ihnen ein Imageschaden, glaubt Angelika Huber-Straßer, Bereichsvorstand beim Wirtschaftsprüfungsunternehmen KPMG. „Wie ein Unternehmen mit Frauen auf der Führungsebene umgeht, hat Einfluss auf sein Bild in der Öffentlichkeit“, sagt sie. „Und es ist ein Signal an den Markt.“ Bei der Vergabe öffentlicher Aufträge könnten bald auch Erfolge bei der Förderung von Vielfalt entscheidend sein.

Die KPMG-Wirtschaftsprüferin erwartet mehr Ehrgeiz – schon im Eigeninteresse der Unternehmen: „Qualifizierte Bewerberinnen werden sich genau fragen, ob es eine Kultur der Vielfalt in einem Unternehmen gibt.“

Da stünde die Commerzbank weniger gut da. Schaut man genau hin, will sie bei ihren bescheidenen Zielformulierungen nur den Frauenanteil aus dem Jahr 2014 halten. Dieses Jahr ist ihr Anteil auf der zweiten Führungsebene schon von 14,6 auf 16 Prozent geklettert. Das als Ziel festzuschreiben traute sich die Bank aber nicht.

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