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Freiheitsindex Die Deutschen schätzen Freiheit höher als Gleichheit

Die Wertschätzung der Deutschen von Freiheit steigt ebenso wie das Empfinden, dass man seine Meinung nicht öffentlich äußern kann. Das sind Erkenntnisse einer Erhebung des John Stuart Mill Instituts.

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Freiheit hat für die deutsche Bevölkerung immer noch einen hohen Stellenwert. Quelle: dpa

Die Deutschen schätzen den Wert der Freiheit wieder höher ein. Das ist das Ergebnis des "Freiheitsindex 2016", den das John Stuart Mill Institut für Freiheitsforschung in Heidelberg ermittelt.

Im Zentrum der Befragung stand in diesem Jahr der "westliche Lebensstil".  64 Prozent der Befragten gehen davon aus, dass es einen solchen Lebensstil gibt. An erster Stelle steht bei der Charakterisierung dieses Lebensstils die "Gleichberechtigung der Geschlechter", gefolgt von der "Meinungs-, Presse- und Redefreiheit", den "Freiheitsrechten allgemein" und der "Freiheit der individuellen Lebensgestaltung".

Im Langzeittrend sei eine Rückkehr zu klassischen bürgerlichen Tugenden zu beobachten. Die repräsentative Umfrage wird seit sechs Jahren in Kooperation mit dem Institut für Demoskopie Allensbach erhoben. Dazu kommt eine quantitative Medieninhaltsanalyse überregionaler Printmedien durch die Dortmunder Medienagentur mct.

Was den Deutschen wirklich wichtig ist
Freiheit, Familie oder Gesundheit? Was den Deutschen besonders wichtig ist, soll der sogenannte Werte-Index 2016 offenlegen. Ein Expertenteam hat dafür 5,7 Millionen Beiträge von Nutzern auf deutschen Internetseiten von März 2014 bis Ende Februar 2015 ausgewertet. Untersucht wurde, welche Rolle verschiedene vorab ausgewählte Werte im Netz spielen. Erhoben wird der Index seit 2009 alle zwei Jahre vom Hamburger Trendforscher Peter Wippermann und von Jens Krüger, dem Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts TNS Infratest. Zuletzt stand Gesundheit auf Platz eins - gefolgt von Freiheit und Erfolg. Quelle: dpa
Die Nachhaltigkeit liegt auf Platz zehn – im Vorjahr war es noch der neunte Rang. In der Definition der Experten heißt es zur Nachhaltigkeit: „Die moderne Gesellschaft muss eine äußere Balance in ihrem Verhältnis zur Umwelt, zur Natur finden, die ausgebeutet und verschmutzt wird. Die ökologische Beschreibung der Welt hat in den letzten Jahrzehnten aus der Menschheit wieder eine Schicksalsgemeinschaft gemacht.“ Die Definitionen wurden von Norbert Bolz verfasst, der am Institut für Sprache und Kommunikation der technischen Universität Berlin lehrt. Von 1992 bis 2002 war er Professor für Kommunikationstheorie an der Universität Duisburg/Essen. Er beschäftigt sich mit der Frage wie technologische und ökonomische Veränderungen kulturell antizipiert werden. Quelle: AP
Auf dem neunten Platz liegt die Gerechtigkeit. Das meint: „Die meisten Menschen können nicht sagen, was Gerechtigkeit ist, aber sie haben ein sehr genaues Empfinden für Ungerechtigkeiten. Das ethische Bedürfnis nach Rechtfertigung ist heute stärker als jedes materielle Bedürfnis.“ Quelle: dpa
Auf Platz acht kommt die Anerkennung. Davon erhielt Sängerin Ariana Grande zuletzt reichlich. Wer nur sein Eigeninteresse befriedigt, steigert damit nicht auch sein Selbstwertgefühl. Das Bedürfnis ist das Thema der Ökonomie, der Wunsch ist das Thema der Psychologie und das Begehren nach Anerkennung ist das Thema der Soziologie. Dass Wünsche unerfüllbar sind, liegt daran, dass sie nur Stellvertreter eines Begehrens sind, das unser ganzes Leben beherrscht: das Begehren nach Anerkennung. Quelle: REUTERS
Zur Sicherheit heißt es in dem Index : Sicherheit gibt es heute nicht mehr. Um so dringender brauchen wir einen Ersatz. Die moderne Welt findet ihr Sicherheitsäquivalent in zirkulierender Unsicherheit. Man könnte auch sagen: Sicherheit gibt es heute nicht mehr durch Gewissheit, sondern nur noch durch Vertrauen. Gerade das hat die Bankenkrise wieder deutlich gemacht. Quelle: dpa
Familien produzieren Gefühle. Genauer, nämlich mit dem Ökonomen Gary Becker gesagt, sie produzieren die family commodity. Kinder sind dauerhafte Konsumgüter, die psychische Befriedigung verschaffen. Es gibt eine Menge Güter, die in den Berechnungen des Bruttosozialprodukts nicht auftauchen, z. B. Zahl und Qualität der Kinder, aber auch die sexuelle Befriedigung, Liebe und Gespräche. Das Faszinierende dieser Familiengüter besteht darin, dass man sie konsumieren kann, ohne damit anderen Haushaltsmitgliedern etwas wegzunehmen. Im Bild eine besondere TV-Familie aus den USA: Kim Kardashian, Kendall Jenner, Kylie Jenner, Lamar Odom, Khloe Kardashian, Kourtney Kardashian Quelle: AP
Die Gemeinschaft landet auf Platz fünf. Empirische Untersuchungen zum sogenannten Well-being zeigen immer wieder, dass nichts für Glück und Wohlbefinden wichtiger ist, als mit anderen in enger Verbindung zu stehen. Soziale Bindungen schränken aber Freiheit und Autonomie ein. Daraus folgt aber, dass Glück nicht mit Unabhängigkeit korreliert ist. Eher gilt umgekehrt: Was uns glücklich macht, bindet uns. Quelle: dpa

Der mittels einer "In"- und "Out"-Befragung erforschte Zeitgeist offenbart vor allem die Bio- und Fitnesswelle. Er ist tendenziell grün und gesundheitsbewusst, geprägt von der Wertschätzung bürgerlicher Tugenden und der Ablehnung der Rollen der alten Geschlechterordnung traditioneller Familienmodelle. Genuss und Hedonismus vertragen sich damit, solange der ökologisch gesteckte Rahmen eingehalten wird.

Auf einer Skala, die sich von -50 bis +50 erstreckt, befindet sich der für 2016 aus den Ergebnissen von Repräsentativbefragung (1437 Personen) und Medieninhaltsanalyse (1773 Presseartikel) errechnete "Freiheitsindex Deutschland" bei +0,33. Das heißt: Erstmals seit Beginn der Forschungsarbeiten im Jahr 2011 ist Freiheit leicht im Übergewicht gegenüber konkurrierenden Werten wie Gleichheit, Gerechtigkeit oder Sicherheit.

Wovor die Deutschen große Angst haben
TerrorismusDie Attentate der Terror-Miliz IS in Europa schüren die Angst vor terroristischen Anschlägen massiv. Rangierten Befürchtungen vor neuen Anschlägen in Europa im Sommer 2015 noch auf Platz drei, sind sie nun sprunghaft angewachsen - um ein gutes Fünftel auf 73 Prozent. Verwunderlich ist das für Psychologen nicht. Denn die Anzahl der Attentate in Europa ist real gestiegen. War das Meinungsbild im Sommer 2015 noch vom Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ geprägt, kamen im November die Attentatsserie von Paris und im März 2016 die Bomben von Brüssel dazu. Bei Anschlägen in der Türkei wurden 2016 auch deutsche Touristen getötet. Quelle: obs
Politischer ExtremismusExtrem angewachsen im Vergleich zum Vorjahr sind auch die Ängste vor politischem Extremismus (68 Prozent, plus 19 Prozentpunkte). Diese Angst hat zumindest indirekt auch mit der dritten Angst zu tun. Quelle: dpa
EinwanderungDie Aussicht auf weiteren Zuzug von Ausländern macht den Deutschen angesichts der Flüchtlingskrise wachsende Angst. Kurz vor der Zuspitzung der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 befürchtete jeder zweite Befragte (49 Prozent), dass das Zusammenleben zwischen Deutschen und Ausländern durch einen weiteren Zuzug von Flüchtlingen beeinträchtigt wird. Nun teilen bereits zwei Drittel der Befragten (67 Prozent, plus 18 Prozentpunkte) diese Sorge. Quelle: dpa
Überforderung der Deutschen und staatlicher Behörden durch FlüchtlingeZwei Drittel der Interviewten (66 Prozent) sind inzwischen der Meinung, dass die Deutschen generell und besonders die Behörden durch Flüchtlinge überfordert sind - das sind 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Dazu könnten die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln und anderen Städten und häufige Meldungen über gewaltsame Konflikte in Flüchtlingsheimen beitragen. Quelle: dpa
Kosten für Steuerzahler durch Schuldenkrise von EU-StaatenAuch die Befürchtung, dass die Kosten der Schuldenkrise der EU an ihnen hängen bleiben werden, macht 65 Prozent der Deutschen Angst. Diese Sorge war allerdings auch schon im Vorjahr ähnlich hoch (plus 1 Prozentpunkt). Quelle: dpa
Überforderung der PolitikerZu diesen konkreten Ursachen kommt als neue Kategorie bei der überwiegenden Mehrheit der Deutschen noch der Eindruck, dass die Politiker generell mit ihren Aufgaben überfordert sind (65 Prozent, plus 17 Prozentpunkte). Für die politische Klasse dürfte dieses Ergebnis ein Alarmsignal sein. Quelle: AP
Persönliche SorgenAngesichts der politischen Sorgen treten die persönlichen deutlich in den Hintergrund, obwohl auch die gestiegen sind: 57 Prozent der Deutschen haben Angst davor, im Alter ein Pflegefall zu werden (plus 8 Prozentpunkte) und 55 Prozent fürchten sich vor einer schweren Erkrankung (plus 8 Prozent). Quelle: AP

Im Vergleich zu 2015 wurde eine erneute Verschiebung zu Gunsten der Freiheit festgestellt. Der Anstieg des Wertes ist vorrangig auf die Ergebnisse der Medieninhaltsanalyse zurückzuführen. Unter anderem als ein Effekt der Attentate in Paris und Brüssel war die analysierte Medienberichterstattung freiheitsaffiner als im Vorjahr.

Die Bevölkerung bekunde zwar, so die Autoren der Studie, ein hohes subjektives Freiheitsgefühl. Allerdings sagen immer mehr Befragte auch, dass man bei öffentlichen Gesprächen vorsichtig sein müsse, seine Meinung zu äußern. "Dieser sich seit Jahren fortsetzende Negativtrend ist überaus beunruhigend", schreibt die Direktorin des Mill Instituts, Ulrike Ackermann.

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