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Freiwilliges Homeoffice Der Staat bekommt es selbst nicht hin

Kein Homeoffice für Beamte. Quelle: Noun Project/Icons Bazaar

Bund und Länder haben beschlossen, eine Homeoffice-Pflicht wo immer möglich durchzusetzen. Dabei schickt gerade der Staat Mitarbeiter bislang selten ins Homeoffice: In vielen Ämtern und Behörden herrscht Präsenzkultur.

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Das Gesundheitsamt des Landkreises Saalekreis arbeitet am Limit. Um all den Aufgaben nachzukommen, werden Mitarbeiter aus anderen Abteilungen hinzugezogen. Nur gibt es nicht genügend Platz für die zusätzlichen Mitarbeiter, die Büros sind doppelt besetzt. Und so sitzen in manchen Besprechungsräumen acht Mitarbeiter ohne Masken.

So schildert ein Belegschaftsmitglied des Landkreises die Zustände der Grünen-Politikerin Laura Sophie Dornheim geschickt. Die sammelt unter dem Hashtag #MachtBürosZu im Internet Horrorgeschichten aus dem Pandemie-Büroalltag. „Katastrophal“ seien die Zustände im Gesundheitsamt, schreibt das Belegschaftsmitglied. Und in der Verwaltung des Kreises sähe es nicht besser aus: „Flächendeckendes Homeoffice wurde noch immer nicht angeordnet, obwohl technische Voraussetzungen vorliegen. Man muss sich regelrecht rechtfertigen, warum man nicht ins Büro kommt.“

Der Landkreis Saalekreis kann sich das nicht erklären. Dem Gesundheitsamt komme in der Pandemie „eine besondere Verantwortung zu“, schreibt die Presseabteilung auf Anfrage der WirtschaftsWoche. „Die Belegungen der Räume und die Arbeitsabläufe wurden an die aktuellen Empfehlungen zum Arbeitsschutz laufend angepasst.“ In der Pandemie werde auch in der Kreisverwaltung „verstärkt mobiles Arbeiten eingesetzt.“

Wer kann, der soll im Homeoffice arbeiten. Seit Beginn der Pandemie will die Regierung mit dieser Forderung die Ansteckung am Arbeitsplatz so gut wie möglich zu reduzieren – ohne die Wirtschaft zu gefährden, versteht sich. Doch es ist unklar, wie viele Unternehmen dieser Aufforderung tatsächlich nachkommen.

Tatsächlich deuten Umfragen und Bewegungsdaten eher daraufhin, dass aktuell weniger Menschen im Homeoffice arbeiten als noch im Frühjahr, obwohl damals die Infektionszahlen deutlich niedriger waren.

Der Druck auf die Regierung wächst. Die Ministerpräsidenten haben über härtere Maßnahmen gegen das Coronavirus beraten, und nun soll es eine Homeoffice-Pflicht geben. Gewerkschaften und Ärztevertreter fordern längst eine Pflicht – und empfindliche Strafen für Unternehmen, die dagegen verstoßen.

Dabei ist der Staat als Arbeitgeber bisher selbst kaum ein Vorbild in dieser Frage. Etwa 4,8 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten im Dienst des Staates, in Ministerien, in Ämtern, Schulen, an Gerichten, bei der Bundeswehr oder im Bürgerbüro. Nicht alle der Tätigkeiten können aus dem Homeoffice ausgeübt werden. Gerichtsakten etwa dürfen das Gebäude nicht verlassen, Staatsanwälte und Richter müssen deshalb ins Büro kommen, um daran zu arbeiten. Auch beim Gesundheitsamt gibt es datenschutzrechtliche Beschränkungen. Im Bürgerbüro müssen Beamte am Schalter stehen und auch die Straßenreinigung lässt sich nicht digitalisieren. Doch viele Tätigkeiten lassen sich sehr wohl von zu Hause ausüben. Geschieht es deshalb auch?

Eine Studie des Beamtenbundes dbb und der Hertie School of Governance zeigt: nur bedingt. Bei den Bundesbehörden arbeiteten in der ersten Coronaphase zwar 67 Prozent mehrheitlich im Homeoffice. Bei den Beschäftigten auf Landesebene waren es jedoch nur noch 55 Prozent – und bei den Kommunen sogar nur 37 Prozent.

Auch unter #MachtBüroszu finden sich weitere Berichte, die diese Zahlen untermauern. „Unsere Kreisverwaltung schafft es seit März nicht, ausreichend Homeofficeplätze zu schaffen“, heißt es dort. „Sorgen von den Vorgesetzten nicht ernst genommen, einer ist ganz offensichtlich ein „Impfgegner“ und verharmlost COVID von Beginn an.“

Ein Angestellter des Hochbauamts in Stuttgart schreibt: Obwohl bei vielen Mitarbeitern Homeoffice zumindest zeitweise möglich sei, „wird dies von der Verwaltungsleitung und Amtsleitung strikt abgelehnt.“

Die Stadt Stuttgart kann das nicht nachvollziehen. „Es kann sich dabei nur um einen Einzelfall handeln“, erklärt ein Sprecher. Bei einer Onlinebefragung des Hochbauamts hätten 77 Prozent der Mitarbeiter angegeben, coronabedingt mobil zu arbeiten. In der gesamten Stuttgarter Verwaltung seien es 51 Prozent. „Die jeweiligen Vorgesetzten entscheiden, ob die Arbeit im Homeoffice möglich ist.“

Das könnte eine Erklärung sein. Die Führungskräfte im öffentlichen Dienst sind um einiges älter als in der Privatwirtschaft. Über 27 Prozent der Beschäftigten in der Verwaltung sind älter als 55 Jahre – unter den Führungskräften ist der Schnitt häufig noch höher. Viele von ihnen sind ohne Digitalisierung aufgewachsen – und haben mobile Arbeitsmodelle in der Praxis nie kennengelernt.

Ein noch größeres Hindernis dürfte die benötigte Infrastruktur sein. Die Verwaltungsangestellten brauchen Laptops und Möglichkeiten, sich in das Verwaltungsnetz einzuwählen. „Um mobiles Arbeiten nicht nur in Pandemiezeiten, sondern generell in der gesamten Stadtverwaltung zu ermöglichen, ist die Ausstattung mit entsprechender Hard‐ und Software unabdingbar“, sagt auch Stuttgarts erster Bürgermeister Fabian Mayer. Die Stadt habe entsprechend aufgestockt: Während zu Beginn des Jahres lediglich 250 Beschäftigte mobil arbeiten konnten, seien es heute schon rund 4200 Beschäftigte. Das wären immerhin rund ein Drittel der Beschäftigten.



Andere Ämter und Behörden scheinen noch hinterher zu hängen, was die digitale Infrastruktur angeht. So gibt es bei Berliner Behörden erst für 12 Prozent der Angestellten die Möglichkeit, theoretisch im Homeoffice zu arbeiten, berichtet der Rundfunk Berlin-Brandenburg. Immerhin: Die Verwaltung hat gerade 5000 Laptops bestellt. Dadurch könne sich die Homeoffice-Quote auf 17 Prozent erhöhen.

Ein anonymer Mitarbeiter eines Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts berichtete unter #MachtBürosZu derweil, wie er ohne Arbeitsmittel ins Homeoffice geschickt wurde. Bloß: Private Computer dürfen die Beschäftigten aus Datenschutzgründen nicht nutzen. „Drucken Sie sich aus, was immer sie daheim lesen können“, habe es stattdessen geheißen. Erst im zweiten Lockdown sei dann ein Notebook zur Verfügung gestellt worden – ein zwölf Jahre altes Modell.

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Der Deutsche Beamtenbund dbb kritisiert die schlechte Ausstattung schon lange. „Was die Digitalisierung angeht, steckt der öffentliche Dienst – vor allem im bürgernahen kommunalen Bereich – immer noch in der Kreidezeit fest“, sagt der dbb-Vorsitzende Ulrich Silberbach. „Das ist die Konsequenz jahrzehntelanger Sparpolitik. So lange die IT-Ausstattung, die Leitungskapazitäten, die Digitalisierung von Abläufen, Sicherheits- und Identifizierungsstandards in der Verwaltung nicht mit der Privatwirtschaft mithalten kann, wird es auch weniger Möglichkeiten zum mobilen Arbeiten geben.“

Der Forderung nach einer Homeoffice-Pflicht anderer Gewerkschaften will sich Silberbach deshalb nicht anschließen: „Eine generelle Pflicht zum Homeoffice macht für viele Bereiche des öffentlichen Dienstes schon deshalb keinen Sinn, weil die Aufgaben und die technische Ausstattung es nicht zulassen.“

Mehr zum Thema: Bis Ende Januar bleibt Deutschland im Lockdown. Das öffentliche Leben steht still – nur Büros sind nicht geschlossen. Ein Unding, findet die Grünen-Politikerin Laura Sophie Dornheim. Sie fordert: Macht Büros zu!

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