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Freytags-Frage
Gibt es bald in Deutschland wieder Wehrpflichtige? Quelle: dpa

Braucht Deutschland die Wehrpflicht wieder?

Wäre die Wehrpflicht ein Gewinn für Deutschland? Zumindest die Diskussion über die Frage darüber nützt der Debattenkultur – denn sie ist keineswegs leicht zu beantworten.

Vor wenigen Tagen hat Annegret Kramp-Karrenbauer, die Generalsekretärin der Christdemokraten (CDU) die Debatte um die Wehrpflicht wieder angestoßen und dabei auch eine allgemeine Dienstpflicht in die Diskussion geworfen. Sie reagiert damit nach eigener Aussage auf die Stimmung in der eigenen Parteibasis.

Die Reaktionen der Öffentlichkeit sind genauso kritisch, wie zu erwarten war. Wehrexperten halten die Bundeswehr für nicht in der Lage, den prognostizierbaren Strom an Wehrpflichtigen zu beherrschen. Einige Kommentatoren halten die Idee für Freiheitsberaubung und argumentieren, dass man ja schon hohe Steuern zahle und dadurch seinen Beitrag für die Gesellschaft leiste. Andere Politiker sind entsetzt, vor allem beim Gedanken an die Wehrpflicht. Viele Beobachter argumentieren, der Staat solle sich selber darum kümmern, die Probleme in der Pflege, bei der Feuerwehr oder der Bundeswehr zu lösen und nicht die jungen Leute dazu heranziehen. Dennoch können sich auch viele dazu in den vergangenen Tagen Befragte für die Pflichtdienste erwärmen.

Viele Teilnehmer des politischen Betriebs würden die Diskussion – nicht zuletzt angesichts des Beifalls aus der falschen Ecke – am liebsten sofort wieder einstampfen. Das wäre aber falsch. Denn erstens machen zahlreiche Begebenheiten deutlich, dass die Gesellschaft an Zusammenhalt verliert. Ein obligatorischer Dienst an der Gesellschaft kann da möglicherweise gegensteuern. Zumindest muss diese Möglichkeit ausführlich erörtert werden. Zweitens war die Sicherheitslage in Europa seit dem Ende des kalten Krieges nie so kritisch wie heute – die Verteidigungsbereitschaft der Bundeswehr wird wieder sehr wichtig. Die etablierte Politik sollte nicht schon wieder den Fehler machen, ein unbequemes Thema totschweigen zu wollen. Insofern ist Frau Kramp-Karrenbauer zu danken, dass sie die allgemeine Schweigekultur hier ignoriert.

Nehmen wir einmal an, die deutsche Gesellschaft überwindet sich und macht einen einjährigen Dienst für jede junge Frau und jeden jungen Mann nach der Schule oder der Ausbildung verpflichtend; dazu wäre eine Verfassungsänderung nötig. Neben der Wehrpflicht könnte man sich dann unter anderem den Dienst in der Gesundheit, der Pflege, bei kirchlichen oder sozialen Trägern, bei Sportvereinen, Feuerwehren, dem Technischen Hilfswerk oder anderen Einrichtungen des Katastrophenschutzes sowie in Bildungseinrichtungen vorstellen.

Damit hätte man vermutlich einen kleinen Teil des Problems fehlenden Personals in vielen dieser Einrichtungen kompensiert; man muss aber die geringe Qualifikation von Schulabgängern für die benötigten Tätigkeiten berücksichtigen. Allerdings wären die Dienstverpflichteten relativ preiswert zu haben, weil sie vermutlich bei der Bundeswehr nur einen Grundsold und anderswo ein ähnlich niedriges Gehalt beziehen würden. Außerdem lernten junge Leute, Verantwortung für andere zu übernehmen. In vielen Fällen werden sie um Gemeinschaftserlebnisse reicher. Hinzu kommt, dass eine solche Dienstpflicht Menschen aus allen Einkommens- und sonstigen Schichten zusammenbringen und zu einer gemeinsamen Erfahrung beitragen könnte.

Wichtig – und in der Debatte am Rande auch diskutiert – ist dabei besonders der Aspekt des gesellschaftlichen Zusammenhangs. In der offenen Gesellschaft findet eine starke und offenbar immer weitergehende Individualisierung statt. Es ist natürlich grundsätzlich zu begrüßen, dass jeder Mensch sein Schicksal selbst bestimmt. Gleichzeitig merkt man eine starke und oft sehr unangenehme Ich-Bezogenheit bei vielen, was sich meistens darin ausdrückt, dass eben nichts (außer zugegebenermaßen extrem hohen Steuern) zur Gesellschaft beigetragen wird; dies wird zum Teil explizit abgelehnt (und sicherlich auch dadurch gefördert, dass viele Politiker den Menschen vor allem ihre Ansprüche nahebringen). In einigen Fällen dürfte diese Selbstfixierung sogar zu Rücksichtslosigkeit und Aggressivität führen; immer wieder wird zum Beispiel von Angriffen auf Rettungspersonal oder Flüchtlingshelfer berichtet. Es ist nicht völlig abwegig, hier einen Zusammenhang mit der Individualisierung zu sehen.

Natürlich wäre die Einführung einer Dienstpflicht eine starke Veränderung der Gesellschaft. Sowohl die Bundeswehr als auch viele Organisationen müssten erst einmal lernen, die jungen Menschen aufzunehmen. Man muss auch fragen, was junge Menschen wirklich verlieren würden, wenn sie ein Jahr für die Gemeinschaft tätig würden. Sie fingen auf jeden Fall später mit einer tertiären Ausbildung oder dem Berufseinstieg an und verdienten konsequenterweise weniger Lebenseinkommen als ohne Dienstpflicht. Allerdings muss dagegen gerechnet werden, dass es die Generation der heute Jungen ist, die die Mehrkosten für Pflege oder Verteidigung in der Zukunft aus Abgaben und Steuern zu tragen hat; die Dienstpflicht kann als ein Ersatz dazu angesehen werden. Anders gewendet: Mit einem Jahr Dienst an der Gemeinschaft verringern sich zukünftige Steuern.

Am schwersten wiegt allerdings das Argument, dass die jungen Menschen die Freiheit verlieren, über ihr gesamtes Leben selbst zu entscheiden. Dies ist nicht trivial und bedarf einer guten Begründung. Die oben genannten Argumente reichen dafür noch nicht aus; die Diskussion steht im Grunde erst am Anfang.

Eine Gesellschaft ist in der Tat mehr als nur eine Gruppe von gut ausgebildeten und um sich besorgter Einzelkämpfer. Sie lebt von Empathie, Hilfsbereitschaft und Solidarität. Ein solches Paket kann man nicht erzwingen, aber man kann sicherlich dazu beitragen, dass junge Menschen sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stärker bewusst werden. Vor diesem Hintergrund sollte man die Debatte um die Dienstpflicht ernsthaft führen. Sie abzuwürgen, hilft der Gesellschaft nicht.

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