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Freytags-Frage
Quelle: dpa

Can Blue Men Sing the Whites?

Viele Menschen verspüren den Wunsch, möglichst viel von der Welt kennenzulernen und zu verstehen. Zu Recht! Ein Plädoyer für mehr Offenheit – auch bei der Identitätspolitik.

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Als ich begann, mich für den Blues zu begeistern, folgte ich zunächst der weitverbreiteten These, dass nur schwarze Musiker den Blues spielen dürften. Ich meinte, nur dann sei der Blues authentisch interpretiert. Wie unsinnig diese Aussage war, wurde mir erst langsam bewusst. Endgültig nahm ich Abstand davon, nachdem ich die Bonzo Dog Doo-Dah Band, eine Satire-Kombo im Dunstkreis von Monty Python, mit ihrem Titel „Can Blue Men Sing the Whites“ gehört hatte.

Diese Anekdote fiel mir jüngst wieder ein, als zunehmend Nachrichten über Proteste gegen Vorträge weißer Männer über die Kolonialzeit, gegen die Übersetzung der Werke schwarzer Dichterinnen durch weiße Frauen oder gegen asiatische Küche in amerikanischen Mensen bekannt wurden.

Dahinter steht offenbar eine ganz spezifische identitätspolitische Vorstellung, die weit über das unstrittige Ziel, Minderheiten vor Unterdrückung und Diskriminierung zu schützen, hinausgeht. Reklamiert wird stattdessen, dass es eine Form von kulturellem Imperialismus sei, wenn Menschen, die sich mangels eigenen Erlebens nicht in die Lage der Betroffenen, zum Beispiel der durch Kolonialmächte Unterdrückten, versetzen könnten und deshalb auch kein Recht darauf hätten, über sie beziehungsweise ihre Zeit zu reden, dies dennoch täten. Ob sie dieser Vorstellung zufolge weiterhin darüber lesen dürfen, ist nicht überliefert.

Diese Vorstellung sorgt aber für Unsicherheit auch auf anderen Gebieten: Müssen wir nun Pizzerien und türkische Restaurants weiträumig meiden? Müssten die philharmonischen Orchester in Deutschland diesem Ansatz zufolge nicht die exzellenten asiatischen Musiker in ihren Reihen rauswerfen? Dürfen heute lebende Musiker – egal woher sie stammen – überhaupt noch Bach spielen? Immerhin können sie sich ja wohl schlecht in die Lebensbedingungen des 17. Jahrhunderts in Arnstadt oder Leipzig hineinversetzen.

Wenn es nicht so ernst wäre, könnte man herzhaft lachen und diese Haltung genauso abtun, wie meine Freunde es in den späten 1970ern mit meiner These zum Blues getan haben. Aber die Anhänger dieser Form der Identitätspolitik scheinen es ernst zu meinen. Sie mögen sich erinnern, worum es eigentlich geht.

Der Sinn von kulturellem Austausch ist es ja gerade, bei Menschen aus anderen Ländern ein Gespür für eigene Kultur, Tradition und auch Befindlichkeiten zu schaffen beziehungsweise selber ein Gefühl zu entwickeln, unter welchen Bedingungen andere Menschen leben und was sie antreibt. Hinzu kommt, dass ein Blick auf ein Land von außen oftmals hilft, um dort Fehlentwicklungen zu korrigieren oder neue Impulse zu setzen beziehungsweise von dort zu lernen. Deshalb erscheint es geradezu notwendig zu sein, dass afrikanische Forscher sich mit europäischer Geschichte oder Europäer sich mit afrikanischer Integration beschäftigen.

Die bisherige Grundannahme zu diesem Thema besteht zudem ja gerade darin, dass durch Austausch und das gegenseitige Eintauchen in die fremde Kultur Vorurteile abgebaut werden. Das senkt die Häufigkeit rassistischer Ausfälle und stärkt das friedliche Miteinander. Es ist überdies für viele Migranten fundamental wichtig, dass es ihnen gelingt, die Menschen in ihrer neuen Heimat mit ihrer Kultur in Verbindung zu bringen und ihnen die Ängste vor dem Ungewohnten zu nehmen. Nicht zufällig sind ausländerfeindliche politische Parteien bei Wahlen systematisch dort stärker, wo nur wenige Ausländer leben und man mit der vermeintlichen Bedrohung durch das Fremde punkten kann.

Die Idee, man solle sich bitte nur noch zu den Dingen äußern, die man durch eigenes Erleben beurteilen kann, oder Musik oder Mahlzeiten aus anderen Kulturkreisen nicht anbieten dürfen, ist schlichtweg absurd. Nicht nur, dass man historische und geografische Betrachtungen dann wohl einstellen müsste. Noch einmal: Dass jeder Umgang – nicht nur mit Minderheiten – in angemessener und zeitgemäßer Form zu geschehen hat, bedarf keiner weiteren Begründung. Ansonsten herrscht bei uns die Freiheit in der Wahl der Themen und Thesen.

Derart eng definierte Identitätspolitik hat noch das weitere Problem, dass jeder Mensch vermutlich mehrere Identitäten aufweist. Dafür muss man gar nicht irgendwelche speziellen Zuschreibungen bemühen. Jeder Mensch hat ein Geschlecht, eine sexuelle Orientierung, eine regionale Herkunft, eine Familie, eine Ausbildung, Hobbys, eine politische Einstellung und nicht zuletzt eine eigene Geschichte. Wie definiert man eine solche Identität ohne Verengung?

Aber auch wirtschaftlich ist diese identitätspolitische Haltung völlig unverständlich. Wenn Amerikaner nicht mehr asiatisch kochen und weiße Autoren keine schwarze Literatur übersetzen dürfen, dann sinkt langfristig das Potenzial für Arbeitsteilung, weil sich kein Koch mehr mit ausländischer Küche und kein Literaturwissenschaftler mehr mit fremder Literatur beschäftigen wird. Dann werden alle kulturell und wirtschaftlich ärmer.

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Allerdings sollte man auch nicht allzu viel auf diese identitätspolitischen Verirrungen geben. Sie werden wieder verfliegen. Dies gilt umso mehr dann, wenn die Coronakrise überwunden sein wird und die Menschen wieder reisen wollen. Gerade der Wunsch vieler Menschen, möglichst viel von der Welt kennenzulernen und zu verstehen, führt zur vertieften Arbeitsteilung, zum intensiven kulturellen Austausch und zum gegenseitigen Verständnis. Genau das war übrigens die Antwort des deutschen Bluesmusikers Stefan Diestelmann auf die Frage, warum Weiße den Blues spielen dürfen; sie gilt auch auf die Frage, warum Europäer sich mit Kolonialismus, dessen Ursachen und Folgen befassen.

Diese Offenheit sorgt schon für weniger Rassismus und Diskriminierung. Menschen den wirtschaftlichen und kulturellen Austausch verbieten zu wollen, sorgt für das genaue Gegenteil.

Mehr zum Thema: Gelingt es nicht die Alterssicherung der sogenannten Babyboomer zu sichern, droht eine erhebliche soziale Schieflage. Das Thema beharrlich zu behandeln ist staatsmännisch Schachzug.

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