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Freytags-Frage

Was können wir von Helen Zille lernen?

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Ein gutes Vorbild

Natürlich ist es erfreulich zu sehen, dass es in Südafrika Persönlichkeiten gibt, die ihre Aufgaben in so bemerkenswerter Weise ernst nehmen und die so beharrlich sind wie Frau Zille. Aber es ist auch eine Herausforderung, aus einer solchen Biographie Lehren für Deutschland zu ziehen, sind doch die Umstände und die politische Kultur gänzlich anders. Die Gegensätze innerhalb des Landes sind in Südafrika deutlich größer als bei uns.

Dennoch gibt die Preisträgerin ein sehr gutes Vorbild auch für hiesige Politiker und Bürger ab: Es mangelt ihr nämlich nicht an Mut, Ausdauer und Konsequenz. Dies sind wohl ganz entscheidende Eigenschaften für eine gemeinwohlorientierte Politik.

Vielen fehlt der Mut

Mut braucht es, für eine Position einzustehen, obwohl diese gerade nicht der Mainstream ist. In Südafrika war es in den 1970ern und 1980ern sicherlich nicht leicht, als weiße Frau öffentlich gegen die Apartheid Stellung zu nehmen. Übertragen auf die Gegenwart in Deutschland braucht es zwar viel weniger Mut, eine dem politischen Mainstream entgegengesetzte Haltung einzunehmen. Dennoch zeigt sich immer wieder, dass vielen der Mut fehlt. Man denke nur an die grummelnde Zustimmung der Mitglieder der Regierungsfraktionen zu den ersten Rettungspaketen für die GIPS-Länder im Bundestag 2010. Obwohl man viele kritische Stimmen hörte, stimmten letztlich fast alle Abgeordneten zu.

Ausdauer braucht man, wenn man eine Haltung für die richtige hält, die im Moment keine Mehrheit findet. Durch stete Argumentation und Überzeugungsarbeit kann sich eine solche Position durchaus durchsetzen, wie die Transformation Südafrikas oder die friedliche Revolution in Deutschland zeigen; wie sich aber auch an der steigenden Bedeutung der Umweltpolitik seit den 1970ern erweist.

Deutschland



Konsequenz ist unter anderem dann geboten, wenn man eine amtliche Position nicht mehr mitträgt und keine Perspektive mehr darin sieht mitzumachen. Es braucht dann ein Zeichen und einen Neuanfang, selbst wenn es Kosten hat. Gerade die Partei in Deutschland, die das Wort Freiheit im Munde und im Parteinamen führt (und deren Vertreter Frau Zille zu Recht ehren), hat sich in dieser Hinsicht wenig hervorgetan. Als vor vier Jahren Konsequenz erforderlich war, um die leichtfertige Preisgabe europäischer Stabilität und Prosperität zu verhindern, hat man zurückgesteckt. Zu wichtig schien es offenbar einigen, weiter im Amt zu bleiben. Als Konsequenz ist nun die ganze Partei nahezu verschwunden. Man mag das zwar im Einzelfall für gerecht halten; schlecht für die politische Kultur ist es allemal.

Vor diesem Hintergrund kann der Nauman Stiftung nur gratuliert werden. Sie hat eine großartige Wahl für den Freiheitspreis 2014 getroffen. Frau Zille strahlt weit über Kapstadt bzw. Südafrika hinaus und ist ein wichtiges Vorbild sowohl für Politiker als auch für alle anderen Bürger.

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