WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Freytags-Frage

Wie kann man den Widerstand gegen Stromtrassen brechen?

Seite 2/2

Infrastrukturprojekte ja - aber bitte nicht in meinem Wohnort

Das trägt den Ländern und ihren Bewohner den Vorwurf ein, sie wären typische NIMBIES. Das Wort ist der Plural von NIMBY, was wiederrum für “Not In My BackYard“ steht. Die Wortschöpfung beschreibt eine Verweigerungshaltung für eigentlich sinnvolle Infrastrukturprojekte. Man will die saubere Energie, aber nicht die Leitungen in unmittelbarer Nähe des Wohnortes. Die Kritiker des Bahnhofs Stuttgart 21 mussten sich diesen Vorwurf genauso gefallen lassen wie die Gegner von Flughafenausbauprojekten. Beide – so die These – wollten zwar die Mobilität genießen, aber nicht die Konsequenzen tragen.

Der Vorwurf ist einerseits richtig, denn das Verhalten der NIMBIES erscheint  unsolidarisch. Vor allem gilt das für diejenigen, die etwa von einem neuen Bahnhof in ihrer Nähe profitieren. Andererseits kann man die Bewohner von Regionen, die nur der Durchleitung des Stroms dienen, verstehen. Sie haben kein Interesse daran, nur mit den Kosten (Sicht, Smog) des Stromtransportes behelligt zu werden.

Was also tun? Der Ökonom Ronald Coase bietet eine Lösung an. Er hat sich mit der Frage der Eigentumsrechte an sauberer Umwelt befasst. Wem gehört die Natur? Wer soll für ihre Veränderung bezahlen: der Verantwortliche oder der Betroffene? Bezogen auf das Problem des Windstroms und seines Weges von der Küste zur bayerischen Industrie: Gibt es einen Preis für die Veränderung der Landschaft, der über den Grundstückswert der Flurstücke, über die die Leitung verläuft, hinausgeht? Die Antwort kann eigentlich nur lauten: ja.

Selbst wenn die Kosten der Energiewende durch Abgaben an diejenigen, die die Leitung ertragen müssen, steigen, ist es fair, dass sie etwas davon haben. Am einfachsten wäre es, wenn die Planungsbehörden einige alternative Routen entwickelten und sie den Bewohnern und betroffenen Gemeinden gegen Gebot anböten. Die Konsortien aus Bürgern und Gemeinden, die den niedrigsten Preis fordern, bekämen dann den Zuschlag. Über oder unter ihrem Grund verliefe dann die Trasse. Gezahlt würden die Preise von den Stromverbrauchern, also ganz ursachengerecht.

Ob so eine Lösung rechtlich möglich ist, müsste natürlich geprüft werden. Aber es wäre ein interessanter Versuch. Denn man könnte möglicherweise die Haltung zur Stromtrasse in den durchquerten Regionen umdrehen und ein Interesse an der Leitung in der Nachbarschaft erzeugen. Aus dem NIMBY wird ein PLIMBY (“PLease In My Backyard“). Der berechtigte Widerstand gegen eine Einschränkung der Lebensqualität würde so mit einem Zuwachs an Einkommen, mit dem man die Lebensqualität wiederrum steigern könnte, überwunden.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%