Freytags-Frage

Ist der Neoliberalismus schuld an allen Übeln?

Heute ist Neoliberalismus ein Kampfbegriff, der für entfesselte Märkte und einen schwachen Staat steht. Die Gründer hatten einst aber einen starken Staat im Sinn. Fakten und Mythen eines umstrittenen Konzepts.

Diese Ökonomen haben unsere Welt geprägt
Korekiyo Takahashi Quelle: Creative Commons
Korekiyo Takahashi Quelle: Creative Commons
János Kornai Quelle: Creative Commons
Lorenz von Stein Quelle: Creative Commons
Steuererklärung Quelle: AP
Mancur Olson Quelle: Creative Commons
Thorstein Veblen Ökonom Quelle: Creative Commons

Regelmäßig suchen Feuilletonisten und andere Denker nach den Schuldigen für die großen Krisen – und regelmäßig sind es die Neoliberalen bzw. der Neoliberalismus. Letzterer hätte, so die Tenor zweier aktueller Artikel in der FAZ und auf Spiegel Online, die Demokratie gefährdet und den Hass gesät. Kritisiert wird dabei unter anderem folgendes:

  • Erstens wird behauptet, dass der Neoliberalismus die Demokratie abschafft. Diskurse würden nicht mehr stattfinden, alles sei dem Mammon unterworfen. Man nennt Beispiele, wie Firmen Standards setzen und Gesetze vorformulieren. In der Tat sind die Partikularinteressen in Europa zur Zeit sehr stark; man denke nur an die Banken und ihre erfolgreiche Strategie, mit dem Argument, systemisch zu sein, ihre Verluste zu sozialisieren. Anstatt dies als Staatsversagen zu betrachten, wird die Schuld bei den Neoliberalen gesucht, namentlich werden die Treffen der Mont Pelerin Society genannt. Dies ist eine ziemlich schlichte Verschwörungstheorie.
  • Denn die Macht der Interessengruppen ist mit Liberalismus nicht zu vereinbaren, sondern ein Ausdruck einer Sklerotisierung der Gesellschaft, wie sie Mancur Olson in seinem hervorragendem Buch „Aufstieg und Fall von Nationen“ sehr treffend beschrieben hat. Auch unter den Abgeordneten des Bundestages sind zahlreiche Lobbyisten zu finden, viele Gesetzesvorlagen werden nicht mehr in Ministerien sondern von sog. „Law Firms“ vorbereitet. Beides beklagen Liberale eher als es zu bejubeln, denn zu starke Lobbys wirken freiheitsbeschränkend. Es ist eine politische Aufgabe, dies zu ändern. Dass dies nicht geschieht, ist weder der Mont Pelerin Society noch anderen Liberalen zuzuschreiben.
Die größten Ökonomen
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Gustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift
Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt. Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen. Quelle: Mises Institute, Auburn, Alabama, USA
Gary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen. Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität. Quelle: dpa
Jeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien. Quelle: dpa
Der Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System  entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft. Quelle: dpa
Amartya Sen Quelle: dpa
  • Zweitens werden die Arbeitsbedingungen für etliche Beschäftigte der Dienstleistungsindustrie ebenfalls dem Liberalismus zugeschrieben. Der Soziologe Heinz Bude hat in einer sehr sachlichen Weise jüngst überzeugend dargestellt, wie wenig Aufstiegsmöglichkeiten im Transport- und Kommunikationsgewerbe bestehen und dass die dort Beschäftigten in eine prekäre Lage geraten können. Diese Lage verunsichere die Menschen und mache sie anfällig für die Rattenfänger der Pegida. Die Argumentation von Bude ist nachvollziehbar; er unternimmt aber keinen Versuch, die Schuld dafür bei irgendeiner Denkschule zu suchen. Dies übernimmt Jakob Augstein in bewährt verkürzter Manier auf Spiegel online. Schuld am Hass der Pegida sei der Neoliberalismus. Bevor man so billig Aufmerksamkeit erheischen will, sollte man nach den Ursachen des Phänomens der geringen Aufstiegsmöglichkeiten fragen; diese sind eher technisch, denn die Produktivität einer Transportdienstleistung kann man nicht beliebig erhöhen. Damit höhere Gehälter bezahlt werden können, müssten die Konsumenten höhere Preise akzeptieren. Der Spiegel könnte ja mal den Preis für die Printausgabe erhöhen und die Differenz den Postboten zahlen! Mit Liberalismus hat das alles nicht viel zu tun.
  • Drittens wird beklagt, dass die Gesellschaft sich heute ökonomischer verhält als vor dreißig Jahren. Nur noch ökonomische Ziele gebe es; als Beispiele werden die Gesundheitspolitik und die Bildungspolitik genannt. Als ob es im Interesse der Schwachen wäre, wenn in Krankenhäusern Verschwendung stattfände oder wenn Universitäten den jungen Menschen zu Tausenden ein Studium ohne Berufsaussichten anböten. Wenn darauf geachtet wird, dass die knappen Mittel vernünftig eingesetzt werden, bleibt mehr für andere Ziele (Gesundheit aller, Umweltschutz, Renten) übrig. Verschwendung ist unethisch.
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