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Freytags-Frage

Ist Glücksspiel wichtiger als Kunst?

NRW hat mit dem Verkauf von Warhol-Kunstwerken Millionen eingenommen - und stützt damit ein verlustbringendes Casino. Darf der Staat Kunst verkaufen, um Süchte zu fördern?

Die teuersten Auktionen der Welt
Zwei seltene Bilder von Andy Warhol sind in New York für insgesamt 151,5 Millionen Dollar (rund 121 Millionen Euro) unter den Hammer gekommen. Die Porträts „Triple Elvis“ und „Four Marlons“ befanden sich im Besitz des deutschen Casinobetreibers Westspiel, der sie in den 1970er Jahren erstanden hatte. Bei der Auktion von Christie's brachte „Triple Elvis“ 81,9 Millionen Dollar ein, „Four Marlons“ 69,6 Millionen. Die fast 2,13 Meter hohen Porträts gehören zu den berühmtesten Werken Warhols. Quelle: AP
Édouard Manets 1881 entstandenes Bild „Le Printemps“ (Der Frühling) brachte bei Christie's mehr als 65,1 Millionen Dollar (52 Millionen Euro). Gerechnet hatte der Kunsthändler mit der Hälfte. Der bisherige Auktionsrekord für den französischen Impressionisten lag bei 33 Millionen Dollar. Das Bild war mehr als ein Jahrhundert in Privatbesitz, seit 1909. Es zeigt eine junge, ernst blickende Frau in Sonntagskleidung in einem Meer von Blumen. Ursprünglich hatte Manet alle vier Jahreszeiten malen wollen, es wurden dann aber doch nur „Frühling“ und „Herbst“. „Der Frühling“ gilt als eines von Manets Meisterwerken. Ein Jahr vor dem Tod des Malers war es 1882 im Salon de Paris präsentiert worden. Es zeigt die Schauspielerin Jeanne Demarsy mit Haube und in einem geblümten Kleid und weckt - wie der Name des Bildes bereits vermuten lässt - Erinnerungen an den Frühling. Manet hatte beabsichtigt, Werke zu allen vier Jahreszeiten anzufertigen - fertigstellen konnte er allerdings nur seine Gemälde zum Frühling und zum Herbst. Manet starb im Jahr 1883 bereits im Alter von 51 Jahren. „Der Frühling“ befand sich seit 1909 in einer amerikanischen Privatsammlung. In den vergangenen zwei Jahrzehnten war das Bild an die nationale Kunstgalerie in den USA ausgeliehen worden. Quelle: Reuters
Wie das Auktionshaus Sotheby's mitteilte, wurde die British Guiana One-Cent Magenta von 1856 in New York für 9,5 Millionen Dollar (7,0 Millionen Euro) versteigert. Es ist das vierte Mal, dass sie in ihrer langen Geschichte den Auktionsrekord für eine einzelne Briefmarke erobert hat. Der Käufer wollte laut Sotheby's anonym bleiben. Der stellvertretende Vorsitzende von Sotheby's, David Redden (im Bild), bezeichnete die Auktion als „wahrhaft großen Moment für die Welt der Briefmarkensammler“. Quelle: AP
Die 2,5 mal 3,2 Zentimeter One-Cent Magenta war seit 1986 nicht mehr öffentlich zu sehen. Es ist die einzige wichtige Briefmarke, die in der privaten Briefmarkensammlung der britischen Königsfamilie fehlt. David Beech, der frühere Kurator der Britischen Bibliothek, sagte, ein Kauf dieser Briefmarke sei mit dem des berühmten Gemäldes der „Mona Lisa“ vergleichbar. Quelle: dpa
Zwei Werke aus Andy Warhols Serie „Death and Disaster“ haben bei einer Auktion in New York zusammen mehr als 100 Millionen Dollar (73 Millionen Euro) erlöst. „Race Riot, 1964“ wechselte am 13. Mai bei Christie's in New York für 62,9 Millionen Dollar den Besitzer und brachte damit weit mehr als die zuvor geschätzten 45 Millionen. Auch Warhols „White Marilyn“-Gemälde, das kurz nach dem Selbstmord von Marilyn Monroe im Jahr 1962 entstanden war, lag mit 41 Millionen Dollar mehr als 20 Millionen über dem erwarteten Erlös. Quelle: AP
Der Jahrgang 1947 gilt als einer der besten für die Weine des Château Cheval Blanc. Bereits im Dezember hat eine Kiste mit zwölf Flaschen beim Auktionshaus Christie's in Frankreich über 131.000 Euro erzielt, der Verkauf wurde aber erst jetzt bekannt. Der Weinhändler Aubert Bogé von Millésimes, der die Kiste kaufte, hält das sogar für relativ günstig: "Der Preis könnte hoch erscheinen, aber angesichts des wahren Wertes des Weins ist er nicht exzessiv", sagte er. Den Rekord für den teuersten Wein kann die Versteigerung aber nicht brechen: der wird ebenfalls von einem Château Cheval Blanc 1947 gehalten. Eine Sechs-Liter-Flasche erzielte im Jahr 2010 in Genf einen Auktionserlös von umgerechnet rund 221.800 Euro. Quelle: Screenshot
Ein Gemälde des US-Malers Edward Hopper ist in New York für umgerechnet 30 Millionen Euro versteigert worden. Das ist der höchste Auktionspreis, der je für ein Werk des New Yorker Künstlers erzielt wurde, wie Christie's mitteilte. Unter den Hammer kam das melancholische Gemälde „East Wind Over Weehawken“ von 1934, das eine vom Hudson River umsäumte Straße in einer Stadt in New Jersey zeigt. Sein Schätzwert lag zwischen 22 Millionen (rund 16,1 Millionen Euro) und 28 Millionen Dollar. Der Verkaufserlös soll in die Schaffung einer neuen Stiftung der Kunstakademie von Pennsylvania fließen, in deren Besitz sich das Gemälde bislang befand. Der Käufer von „East Wind Over Weehawken“ blieb anonym. Quelle: dpa

Kunst und Kultur zu fördern ist seit jeher eine öffentliche Aufgabe. Waren es früher Fürsten und Könige, die als Mäzene auftreten, so sind es heute öffentliche Träger auf Bundes-, Landes und kommunaler Ebene, die zu einem lebendigen Kunst- und Kulturangebot beitragen. Sie stellen es nicht alleine zur Verfügung; vieles machen private Initiativen. Dennoch: Ohne die öffentliche Hand gäbe es weniger Museen, Theater, Philharmonien, Jazzfestivals oder Musikarchive.

Das Geld ist gut angelegt, denn mit der Förderung dieser Aktivitäten trägt die öffentliche Hand erstens zur Bildung vieler Bürger bei. Tolle Ausstellungen und Konzerte auch in der Provinz zu bezahlbaren Preisen sorgen dafür, dass viele Interessierte Neues kennenlernen und Bekanntes genießen können.

Die zehn erfolgreichsten Künstler 2013

Zweitens bieten viele – keineswegs sehr üppig alimentierte – Künstler private Zusatzgüter an, die dann auch bezahlt werden: man denke nur an Musikunterricht durch Orchestermitglieder. Zahlreiche ökonomische Studien zeigen drittens, dass das staatliche Angebot an Kunst und Kultur sogenannte externe Effekte schafft, weil ein solches Angebot dazu beiträgt, dass gut ausgebildete Arbeitskräfte in eine Region kommen und Firmen sich dort ansiedeln.

Trotzdem gibt es immer wieder Diskussionen um die Höhe der Ausgaben und die Breite des Angebots. Vor allem dann, wenn Kommunen oder Bundesländer unter Sparzwang geraten. Dann streiten Kämmerer und Intendanten, dann gibt es Bürgerproteste, dann müssen die Kulturschaffenden – oftmals unter Protest – ihre Bedeutung nachweisen.

Hier schmeißt der Staat das Geld zum Fenster raus
Das Schwarzbuch 2017/18, herausgegeben vom Bund der Steuerzahler Deutschland. Quelle: dpa
Münchner Maximilianeum Quelle: dpa
Schutzwürdige Bäume in Hameln Quelle: dpa
Wohncontainer für Flüchtlinge Quelle: dpa
Bundestag Quelle: dpa
Frankfurt am Main Quelle: dpa
Ehrenbürg-Gymnasium in Forchheim Quelle: dpa

Das ist kein Problem, denn jede staatliche Ausgabe muss begründet werden. Immerhin müssen Menschen dafür arbeiten. Anderer Leute Geld auszugeben erfordert Sorgfalt und Augenmaß.

In manchen Fällen kann man Aufgaben auch an Private delegieren, oder Museumsbestände, von denen ja ohnehin nur ein kleiner Teil (wohl im einstelligen Prozentbereich) wirklich gezeigt wird, können verkauft werden, um die staatlichen Kassen zu entlasten. Selbst Bestände im Keller müssen versichert und entsprechend gelagert werden.

Vor diesem Hintergrund erscheint es zunächst einmal unkritisch, dass das Land Nordrhein-Westfalen in der vergangenen Woche zwei Werke von Andy Warhol für über 130 Millionen US-Dollar verkauft hat, die im Besitz einer landeseigenen Gesellschaft für Glücksspiele waren. Immerhin ist der Gewinn sehr hoch - vermutlich aber auch die Steuern auf diese Gewinne, die die Firma zu zahlen hat.

NRW rechtfertigt Verkauf der Warhol-Bilder

Es stimmt den Leser aber etwas nachdenklich, dass mit dem Erlös die roten Zahlen eben dieser Gesellschaft ausgeglichen und diese weiter betrieben werden soll, obwohl sie verlustreich operiert. Anders gewendet: Nordrhein-Westfalen verkauft Kunst, damit ein Casino weiter betrieben werden kann. Kunst wird aufgegeben, damit die Spielsucht bedient werden kann?

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