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Freytags-Frage
Ist Herr Palmer wirklich ein Spalter? Quelle: dpa

Ist Herr Palmer wirklich ein Spalter?

Mit einem provokanten Facebook-Beitrag sorgt Boris Palmer wieder einmal für Schlagzeilen – und eine Debatte, die überfällig ist: nämlich über politische Korrektheit als Selbstzweck.

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In der vergangenen Woche hat der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer erneut Schlagzeilen gemacht. In einem durchaus provokanten Beitrag auf seiner Seite in den sozialen Netzwerken stellte er die Frage, wie die Deutsche Bahn die Personen aussucht, die sie auf der ihrer Website abbildet. Man musste ihn so verstehen, dass er die Auswahl der Menschen dort für nicht repräsentativ für die deutsche Gesellschaft hielt. Allerdings konnte man seinen Beitrag nicht so lesen, dass er etwas gegen die Abgebildeten hätte. 

Den fälligen Shitstorm nahm er gleich vorweg; nicht nur die Deutsche Bahn AG, auch einige seiner Parteifreunde und andere zumeist sich selbst im linken Spektrum verordnende Kommentatoren reagierten erwartungstreu – nämlich voller Empörung und mit Schaum vor dem Mund

Nun kann die Deutsche Bahn Werbung machen, mit wem sie will – immerhin habe ich durch Herrn Palmer beziehungsweise die Reaktion des Unternehmens gelernt, dass die abgebildeten Personen prominent sind und deswegen ausgewählt wurden, weil sie viel erreicht haben. Ich hatte bei ihrem Anblick eher vermutet, dass sie ausgewählt wurden, weil sie sympathisch und entspannt wirken und damit ein positives Reiseerlebnis nahelegen. Als regelmäßiger Bahnfahrer kann ich immerhin bestätigen, dass die fünf Fotos nur einen Bruchteil der Diversität der Bahnkunden abbilden. Auch wirken nicht alle Reisenden so sympathisch und entspannt.

Der shitstorm wird nicht vermeidbar sein. Und dennoch: Ich finde es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die...

Posted by Boris Palmer on Tuesday, April 23, 2019

Das Problem der Diskussion liegt aber tiefer – und dies wollte der Tübinger OB wahrscheinlich verdeutlichen. Es ist inzwischen üblich geworden, Menschen in Gruppen beziehungsweise Identitäten einzuteilen. Das macht es natürlich wesentlich leichter, diese Menschen dann zu beurteilen oder ihr vermeintliches Schicksal zu verstehen. Außerdem schafft man so ein Wir-Gefühl und kann sich leichter von anderen abgrenzen. Dieses Verhalten ist keineswegs auf Rechtspopulisten beschränkt, sondern auch bei Linken populär, wie Herr Palmer in seinem Beitrag erwähnte (und wie ihm sofort bestätigt wurde). 

Die „Wir-gegen-die“-Haltung

Gemeinsam haben beide Seiten – die Rechten und die Linken – die Sichtweise, dass ihre jeweiligen Favoriten Opfer sind. Für die Rechten sind es die sogenannten Bio-Deutschen, die immer schlechter gestellt, ja nachgerade unterjocht werden. Vermutlich würden sie nicht die Auswahlkriterien der Deutschen Bahn für die abgebildeten Personen wissen wollen, sondern unterstellen, dass Bio-Deutsche nicht mehr befördert werden sollen. Spiegelbildlich befassen sich Linke mit den Gruppen, die sie als Minderheiten identifizieren; sie scheinen in der bloßen Frage nach den Auswahlkriterien schon Hass auf Minderheiten zu erkennen. Für viele Menschen hat sich diese Frage im Übrigen nie gestellt, sie betrachten andere in erster Linie als Menschen, danach erst als Teil einer Gruppe, einer Identität. 

In dieser „Wir-gegen-die“-Haltung liegen die Treiber für echte Spaltung, nicht im Hinweis von Herrn Palmer. Denn dieser Hinweis und die heftigen Reaktionen darauf verdeutlichen, dass der Versuch, immer ausgewogen und damit politisch korrekt handeln zu wollen, zu einer Endlosschleife politischer Auseinandersetzungen beitragen kann: Auf politisch korrekte Handlungen reagieren manche Menschen mit Unverständnis oder gar scharfer Kritik, worauf die andere Seite erst recht politisch korrekt wird und jeden Versuch, die Fronten aufzubrechen, in die rechtspopulistische oder neo-nazistische Schublade steckt.

Das befördert Denkverbote. Toleranz wird so immer knapper und die Dialogfähigkeit beziehungsweise Dialogbereitschaft nimmt ab. Die Gesellschaft ist dann in zwei – oder mehr – Lager geteilt, deren Kommunikationsstränge nach außen außer Empörung und Beleidigungen offensichtlich nicht mehr viel zu bieten haben. Sachdiskussionen und Fakten spielen in einer solchen Welt keine Rolle mehr, Glaubensbekenntnisse ersetzen Sachkunde. Probleme können so nicht mehr gelöst werden; man schiebt sie auf oder verweigert sich ihnen. 

Insofern hat Herr Palmer zwar die Toleranz innerhalb der Gesellschaft zwar in der kurzen Frist nicht gesteigert – die Reaktionen auf seine Bemerkung sind eher von Intoleranz und Hass geprägt.

Allerdings hat er eine Diskussion befördert, die überfällig ist: nämlich über Denkverbote und politische Korrektheit als Selbstzweck. Es gibt sehr gute Gründe zur Mäßigung der Sprache und zur Vermeidung bestimmter besetzter und überholter Begriffe. Je durchdachter die Sprache ist, desto weniger verletzt sie. Es gibt auch viele sehr gute Gründe, Minderheiten zu schützen und zu fördern. Das ist übrigens genau das Ziel einer regelgebundenen Demokratie – die Mehrheit wird daran gehindert, die Minderheit zu unterdrücken. Extreme Linke und Rechte scheinen das gerade nicht verstehen zu wollen. 

Dennoch muss es gegenseitige Toleranz und auch Kritikfähigkeit geben. Wenn man jemanden, der zu einer Minderheit gehört, nur deshalb für ein Fehlverhalten nicht kritisieren darf, weil er ein Teil dieser Minderheit ist, dann erstarrt die Gesellschaft. Im Übrigen sind die Verfechter politischer Korrektheit in ihren eigenen Kommentaren über diejenigen, die diese scheinbar vermissen lassen, keineswegs besonders feinsinnig und höflich. 

Vor diesem Hintergrund kann man feststellen, dass Herr Palmer sich mit seiner Provokation nicht als Spalter zu erkennen gibt. Er hinterfragt Verhaltensmuster und missachtet Denkverbote, die offenbar so tief eingegraben sind, dass das bloße Hinterfragen bereits als eine Untat gilt. Das ist nicht angemessen und wird die Spaltung der Gesellschaft eher steigern als verringern. Das kann eigentlich niemand wollen.

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