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Freytags-Frage
Viele haben eine Abneigung gegen neue Technologien wie die Gentechnologie. Quelle: Hans-Bernhard Huber/laif

Kann die (Gen-)Schere aus den Köpfen von Umweltschützern verschwinden?

Viele Menschen haben eine generelle Abneigung gegenüber der neuen Gentechnologie in der Nahrungsmittelproduktion. Deshalb gibt es in Deutschland kaum noch Genforschung – dabei wäre das dringend nötig.

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Die gegenwärtige weltweite Krisensituation ist eine echte Herausforderung für alle, gewohnte Mechanismen und Abläufe funktionieren nicht mehr. Die unvorhergesehene, neue Lage stellt liebgewonnene Gewohnheiten, aber auch Vorurteile in Frage. Dann kann es durchaus vorkommen, dass aus der Krise sogar etwas Positives erwächst. Es ist eine politische Binsenweisheit, dass Krisen oftmals eine Tür für Reformen öffnen, die vorher nicht denkbar waren.

Ein solches Vorurteil, das unter Druck geraten könnte, ist die generelle Abneigung vieler Menschen gegen neue Technologien, insbesondere gegenüber der Gentechnologie in der Nahrungsmittelproduktion. Gerade die Deutschen sind der Gentechnik gegenüber im Durchschnitt sehr skeptisch bis ablehnend eingestellt. Diese Ablehnung ist besonders bei Umweltschützern sehr verbreitet und war bis vor Kurzem die offizielle Position der Grünen.

Die Ablehnung nimmt bisweilen extreme Züge an. So sind in der Vergangenheit auf deutschen Feldern manche Gegner der Gentechnologie mit militanten Methoden gegen gentechnische Projekte vorgegangen, dabei auch angetrieben von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Greenpeace. Das Vorgehen dieser „Aktivisten“ unterschied sich nicht wesentlich von der Besetzung von Wäldern, die nachweislich nicht dem Klimaschutz, sondern mit Sicherheit anderen – für den nüchternen Betrachter nicht nachvollziehbaren – Zielen dient. Es erfüllte aber seinen vordergründigen Zweck: In Deutschland findet Genforschung kaum noch statt – eines der vielen Zukunftsgebiete, auf dem sich kaum noch deutsche Expertise finden lässt.

Dabei ist es unzweifelhaft nötig, die Möglichkeiten der Gentechnologie – unter strenger ethischer Kontrolle – zu erforschen. Denn angesichts einer weiterhin wachsenden Weltbevölkerung und des damit zweifelsfrei verbundenen Klimawandels ist es notwendig, sämtliche Optionen der Nahrungsmittelproduktion zu kennen. Dies gilt umso mehr, wenn neue Technologien die Nahrungsmittelproduktion auch noch umweltfreundlicher ermöglichen. Vor diesem Hintergrund ist es zumindest grob fahrlässig und zynisch, Forschung zur Sicherstellung der Ernährung für alle unsachlich zu diskreditieren.

Diese Verweigerungshaltung hat auch die Diskussion um Gentechnik in den letzten Jahren eher unsachlich werden lassen. In einem offenen Brief an die Führung von Greenpeace, die Vereinten Nationen und Regierungen haben 156 Nobelpreisträger und knapp 13.500 weitere Menschen in der ganzen Welt die Totalverweigerung gegenüber der Gentechnologie sogar als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnet und Greenpeace aufgefordert, diese Haltung – speziell zum sognannten Golden Rice – zu überdenken. Greenpeace hat diesen Brief konsequenterweise nicht als Gesprächsangebot interpretiert.

Über vier Jahre nach diesem Brief gibt es nun dennoch gute Nachrichten. Neue Methoden der Genforschung – wie die im Herbst 2020 mit dem Nobelpreis für Chemie gewürdigte Crispr-Cas-Methode – und weitere Erfolge der Gentechnik haben vermutlich dazu beigetragen, dass viele Kritiker ihre Haltung überdenken. Aus einem prinzipiellen „Dagegen!“ wird eine vorsichtig skeptische, aber offene Position, die sich nicht mehr grundsätzlich gegen die Forschung richtet.


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Am vergangenen Wochenende haben sich dann auch die Grünen einer problemorientierten Sicht auf die Funktion der Gentechnologie für Entwicklungs- und Klimapolitik geöffnet. Sie haben ihr Grundsatzprogramm verabschiedet, in dem sie eine deutliche offenere Haltung gegenüber der Gentechnologie einnehmen – es geht den Grünen nun offenbar weniger um die Technologien an sich als um ihren Beitrag zu Problemlösungen. Das ist ein echter Fortschritt, der keineswegs eine unkritische Bejahung sämtlicher neuer Lösungen bedeutet. Dies wäre auch nicht zielführend, denn es ist auf jeden Fall sinnvoll, neue Lösungen mit Wachsamkeit zu betrachten. Aber es hilft auch nicht, wenn Vorurteile den Blick vernebeln.

Zu dieser Nachricht passt eine weitere. In Norddeutschland wird in einem Gewächshaus genveränderter Weizen mit Hilfe der Crispr-Cas-Methode gezüchtet. Noch ist der Versuch nicht abgeschlossen (er läuft bis 2023), aber wenn die Züchtung erfolgreich verläuft, wäre dies eine gute Nachricht sowohl für die weltweite Ernährung als auch für die Umwelt. Es ist auf jeden Fall schon einmal positiv zu verbuchen, dass der politische Widerstand abnimmt. Es wäre sehr gut, wenn nun auch einflussreiche NGOs sich einer offenen Debatte stellen und eine verantwortungsbewusste Position einnehmen würden. Sie sollten dabei nicht vergessen, dass es um eine bessere Umwelt und die Bekämpfung des Hungers geht. Es bleibt zu hoffen, dass sie am Ende dieses Ziel mit den meisten Wissenschaftlern teilen.

Mehr zum Thema: Der Nobelpreis für Chemie geht an die Erfinderinnen der Genschere Crispr. Aus der ist inzwischen ein höchst lukrativer Industriezweig erwachsen.

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