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Freytags-Frage

Kann uns die Regierung glücklich machen?

Alle Bürger wünschen sich für 2013 viel Glück. Doch auf die Politik sollte sich der Wähler besser nicht verlassen. Die Regierung stößt an Grenzen, wenn sie allen anderen zu Glück verhelfen will.

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Ein Glücksschwein Quelle: dpa

Zum Jahresanfang nimmt man sich in der Regel einiges vor und wünscht sich gegenseitig viel Glück. Dabei ist der Begriff Glück eher metaphorisch zu verstehen, nicht sonderlich konkret.

In der Wirtschaftspolitik ist da mancher schon einen Schritt weiter. Unter anderem weil unser gängiges Wohlstandsmaß, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), in der Regel als Pro-Kopf-Größe gemessen, etliche Schwächen aufweist und weil wirtschaftliches Wachstum von einigen sehr kritisch betrachtet wird, haben sich in den vergangenen Jahren auch Wirtschaftswissenschaftler in die Glücksforschung eingeschaltet. Die normativ relevante Frage lautet dann: Kann der unvollständige, fehlerhafte, eventuell sogar vollkommen fehlgestaltete Wohlfahrtsindikator BIP durch etwas anderes, z.B. einen Indikator für Glück oder Lebenszufriedenheit ersetzt werden?

Glück ist kein Einkommen

Bevor diese Frage beantwortet werden kann, sind erst einmal einige Fragen vorab zu beantworten, die nicht trivial sind. Zunächst muss geklärt werden, wie Glück oder Zufriedenheit gemessen werden können. In der Regel hilft man sich mit Umfragen auf einer Skala zum Beispiel zwischen 0 und 10. Der World Value Survey geht so vor. Hat man einen Indikator, muss gefragt, ob ein solcher aggregiert werden kann. Das BIP ist eine Zählgröße aller am Markt erzielten Einkommen, die zur Vergleichbarkeit innerhalb eines Landes sowie zwischen verschiedenen Ländern durch die Anzahl der Bewohner des Landes geteilt wird. Dies macht die Verwendung recht einfach.

Beim Glück ist das etwas anderes: Man könnte zwar jeden Bürger fragen und dann das Ergebnis auf eine Skala projizieren und wiederum den Durchschnitt bilden, doch scheint dies Vorgehen recht aufwendig zu sein. Also muss die Umfrage repräsentativ sein.

Nur lose Zusammenhänge

Als nächstes ist zu klären, wie die Politik, so auch die Wirtschaftspolitik zum allgemeinen Glück beitragen kann. Dazu sind zwei Schritte nötig, ein rein positiver und ein normativer. Die positive Analyse muss den Zusammenhang zwischen Glück und anderen – eher objektiven – Sachverhalten überprüfen. Dabei kann man folgende Fragen stellen: Sind glückliche Menschen gesünder? Haben sie Arbeit? Sind sie reicher, haben sie also ein höheres Einkommen oder Vermögen? Sind glückliche Menschen vermehrt ehrenamtlich tätig?

Diese Fragen sind in jüngster Zeit in zahlreichen empirischen Studien, basierend z.B. auf dem soziökonomischen Panel des DIW (SOEP) oder dem britischen Haushaltspanel (BHPS) untersucht worden; man kann durchaus einen – allerdings bisweilen uneindeutigen oder recht losen – Zusammenhang zwischen Glück und Gesundheit, Arbeitsplatz, Wohlstand und dem Ehrenamt erkennen. Man kann außerdem erkennen, dass Gesellschaften im Durchschnitt nicht glücklicher werden, wenn sie reicher werden.

Normative Probleme

So glücklich sind die Deutschen
Die Deutschen sind genauso glücklich - oder unglücklich - wie noch vor drei Monaten. Der gefühlte Wohlstand hat sich seit der ersten Berechnung des Wohlstandsindex vor drei Monaten nicht verändert; er steht nach wie vor bei 42 von 100 möglichen Punkten. Für die Analyse wurden 2000 Menschen ab 14 Jahren befragt. Der Index, den der Zukunftsforscher Horst Opaschowski und das Marktforschungsinstitut Ipsos entwickelt haben, will neben dem ökonomischen Status auch die Zufriedenheit der Deutschen messen. „Durch Deutschland gehen Wohlstands-Risse“, sagte Opaschowski. Der Ipsos NAWI-D ist ein Barometer, das die für die Deutschen wichtigen aktuellen Grundvoraussetzungen für den Wohlstand erfasst und auf der Annahme beruht, dass Glück auf vier Säulen beruht: ökonomischer Wohlstadt (sicher und ohne Geldsorgen leben), Ökologischer Wohlstand (naturnah und nachhaltig leben), gesellschaftlicher Wohlstand (frei und in Frieden leben) und individueller Wohlstadt (gesund und ohne Zukunftsängste leben). Quelle: dpa
Frauen sind glücklicherMänner favorisieren und leben ganz andere Wohlstandswerte. Sie fühlen sich erst richtig wohl, wenn sie ein sicheres Einkommen haben, Eigentum (Haus, Wohnung, Auto) besitzen und sich materielle Wünsche erfüllen können. Männer denken mehr an die Sicherung ihres Lebensstandards, Frauen eher an die Erhaltung ihrer Lebensqualität. Lebenswichtig ist offensichtlich beides – mit einem wesentlichen Unterschied: Lebensqualität trägt mehr zur Lebenszufriedenheit bei. Auch ein Grund dafür, warum jede zweite Frau (51 Prozent) von sich sagen kann: „Ich bin glücklich“ (Männer: 47 Prozent). Methode: Der quantitativen Hauptstudie mit 4000 Befragten, bei der Wohlstandsverständnis und Wohlstandswirklichkeit abgefragt wurden, beruhte auf einer qualitativen, vorgeschalteten Repräsentativstudie unter 1000 Befragten. Quelle: obs
GeldsorgenFür den Großteil der Befragten (75 Prozent) bedeutet ökonomischer Wohlstand, frei von finanziellen Sorgen zu sein. Dass das auf sie zutrifft, sagen allerdings nur 37 Prozent. Noch ganz so deutlich ist der Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit beim sicheren Einkommen: Das geben zweidrittel der Befragten als Maßstab für ökonomischen Wohlstand an, 46 Prozent - und damit nicht einmal jeder zweite Deutsche - sagen, dass das auf sie zutrifft. Nur 16 Prozent gaben an, dass für sie die Sicherheit des Arbeitsplatzes entscheidend ist - 34 Prozent immerhin halten den eigenen für sicher. Insgesamt fühlen sich demnach 42,2 Prozent im ökonomischen Wohlstand lebend. Aber: Zum Wohlstand heute gehört für mehr als die Hälfte der Bundesbürger im Alter bis zu bis 55 Jahren (53 Prozent), einen Beruf zu haben, „der Sinn macht“. Quelle: dapd
Umweltbewusst lebenÖkologischer Wohlstand ist den Befragten im Vergleich nicht so wichtig wie der ökonomische: Nur 18 Prozent gaben an, dass für sie das Verständnis von Wohlstand ist, in einer Welt zu leben, die gut mit der Natur umgeht, beziehungsweise selbst umweltbewusst (16 Prozent) zu leben. Ökologischen Wohlstand empfinden demnach 27,8 Prozent. Quelle: dpa
Meinungsfreiheit60 Prozent der Deutschen geben an, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Meinung frei geäußert werden kann, als Wohlstandsmaßstab gaben das allerdings nur 29 Prozent an. Gesellschaftlicher Wohlstand bemisst sich für die meisten darin, in Frieden mit ihren Mitmenschen zu leben (30 Prozent), 65 Prozent sagen immerhin, dass das ihrer Lebenswirklichkeit entspricht. Nur jeder Vierte hat für sich das Gefühl in einer toleranten Gesellschaft zu leben, für nur 19 Prozent ist das indes ein Wohlstandsindikator. Gesellschaftlichen Wohlstand sehen demnach 53,4 Prozent der Befragten in ihrer eigenen Lebenswirklichkeit. Quelle: dpa-dpaweb
Geld für die medizinische VersorgungIhren individuellen Wohlstand bemessen die Deutschen zum Großteil (52 Prozent) darin, sich eine gute medizinische Versorgung leisten zu können und keine Angst vor der Zukunft zu haben, auf 42 Prozent beziehungsweise 35 Prozent (Zukunftsangst) trifft dies laut der Studie zu. Für jeden zweiten Befragten war der Aspekt, sich gesund zu fühlen ausschlaggebend für den individuellen Wohlstand, auf 49 Prozent trifft diese Wunschvorstellung gar nach eigener Aussage zu. 41,9 Prozent sehen sich demnach in individuellem Wohlstand. Quelle: dpa-dpaweb
Ein Frau hält einen Geldbeutel in Händen Quelle: dpa

Zwei Kautelen sind zu berücksichtigen: Erstens spiegeln die Ergebnisse nicht unbedingt Kausalitäten wider (sind Ehrenamtler glücklicher, oder gehen glückliche Menschen gerne einem Ehrenamt nach?). Zweitens werden im Zeitablauf unterschiedliche Menschen befragt, so dass unterschiedliche Generationen im selben Land ganz unterschiedliche Ansprüche an das Leben haben können. Deswegen muss ein 30-jähriger heute nicht glücklicher sein, als ein 30-jähriger im Jahre 1983; hätte der heute lebende Mensch aber den Lebensstandard von 1983, wäre er eventuell unglücklicher.

Daraus resultieren die normativen Probleme, die es der Politik erschweren, glücksfördernd ein zugreifen. Bleiben wir beim Ehrenamt. Wenn es tatsächlich glücklicher macht, dann wäre es doch angemessen, das Ehrenamt irgendwie zu fördern, z.B. durch steuerliche Anreize, Kampagnen oder sanften Druck. Oder? Oder besser nicht, denn jeder noch so sanfte Zwang zu freiwilligen Beiträgen bedeutet, dass sie nicht mehr freiwillig erfolgen. Damit würde die intrinsische Motivation von extrinsischen Anreizen und Zwängen verdrängt. Nicht nur das Glück würde vermutlich abnehmen; es würden auch weniger ehrenamtliche  Tätigkeiten vorgenommen.

Die Regierung kann kein Glück verordnen

Überhaupt steht die Politik hier vor großen Schwierigkeiten, denn jeder hat eine andere Vorstellung von Glück, und dies trotz einiger teilweise robusten Zusammenhänge: Der Multimillionär mit einer teuren Yacht kann unglücklich sein, weil seine Freunde kein Verständnis für sein aufwendiges Hobby haben und er allein an Bord ist.

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Der arme Student kann glücklich sein, wenn er abends in der Bibliothek ein Buch von Adam Smith, Karl Marx oder Niklas Luhmann liest, das er dann mit seinen Freunden diskutieren darf. Unzählige Beispiele ließen sich finden. Muss die Regierung nun Yachten verbieten oder die Lektüre von Smith vorschreiben? Oder kann es gar so sein, dass die Regierenden ihre eigenen Vorstellungen von Glück allen anderen oktroyieren sollten?

Damit wird deutlich: Wirtschaftspolitik kann Glück nicht direkt beeinflussen, schon gar nicht das Glück aller. Deshalb muss Wirtschaftspolitik darauf ausgerichtet sein, die Faktoren zu beeinflussen, die dann positiv auf Lebenszufriedenheit und Glück wirken. Im Moment stehen allerdings noch keine geeigneten Indikatoren jenseits des BIP zur Verfügung. Es ist immerhin ein Verdienst der Glücksforschung, daran zu arbeiten.

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