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Freytags-Frage

Sind unsere Werte noch in der Balance?

Kritische Diskussionen werden abgebügelt, ungeliebte Autoren diffamiert - und gleichzeitig können Politiker ohne jede Konsequenz im Aufsichtsrat von Großprojekten Milliarden verbrannen. Was läuft da falsch?

Ist unser Wertesystem noch in Balance?

Da benennt einer den Umstand, dass sich Immigranten unterschiedlicher regionaler oder religiöser Herkunft unterschiedlich bereitwillig in die deutsche Gesellschaft integrieren, und wird in die neofaschistische Ecke gestellt. Und da kritisiert jemand mit guten ökonomischen Argumenten die Rolle des Euros in Zeiten großer Divergenz innerhalb der Eurozone und wird als ewig gestriger Nationalist gebrandmarkt. Hinterfragt einer die segensreiche Wirkung eines flächendeckenden Mindestlohnes vor dem Hintergrund durchaus zweifelhafter empirischer Evidenz, gilt er sofort als kaltherzig und neoliberal. Gleiches passiert denen, die Fehlverhalten bei einigen Empfängern von Sozialleistungen kritisieren, selbst wenn sie explizit Einzelne meinen und nicht pauschalisieren.

Diese Nationen wollen nach Deutschland
Die Krise in Südeuropa und die EU-Osterweiterung haben Deutschland die stärkste Zuwanderung seit 1995 gebracht. Rund 1,08 Millionen Menschen zogen im vergangenen Jahr zu und damit so viele wie zuletzt vor 17 Jahren. Im Vergleich zum Vorjahr betrug das Plus noch einmal 13 Prozent, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Etwa 966.000 Zuwanderer waren den vorläufigen Ergebnissen zufolge Ausländer (plus 15 Prozent). Die Zahl der Zuzüge von Spätaussiedlern und deutschen Rückkehrern aus dem Ausland blieb mit rund 115.000 nahezu konstant. Quelle: dpa
Einen großen Zuwachs verbuchten die deutschen Einwohnermeldeämter aus Italien: 2012 kehrten 40 Prozent mehr Italiener ihrer Heimat den Rücken um nach Deutschland zu kommen, als noch 2011. Die Zuwanderungszahlen sagen allerdings nichts darüber aus, wie lange die Menschen bleiben. So kehrten im vergangenen Jahr auch rund 712.000 Menschen Deutschland den Rücken, das waren fünf Prozent mehr als im Vorjahr. 579.000 von ihnen hatten keinen deutschen Pass. Aus den Zu- und Fortzügen ergibt sich für das Jahr 2012 ein Einwohnergewinn von 369.000 Menschen, dies ist der höchste Wert seit 1995. Quelle: dpa
Auch aus den krisengebeutelten Ländern Portugal und Griechenland kommen immer mehr Menschen ins vergleichsweise wohlsituierte Deutschland. Aus beiden Ländern sind die Einwandererzahlen im vergangenen Jahr um 43 Prozent gestiegen. Quelle: dpa
Auch die Zahl der Spanier, die nach Deutschland auswanderten, ist 2012 um 45 Prozent angestiegen. Somit gab es im vergangenen Jahr besonders starke Zuwächse aus den südeuropäischen EU-Krisenstaaten. Drei Viertel der Ausländer, die nach Deutschland kamen, zog es in fünf Bundesländer: Das Gros ging nach Bayern (192.000), gefolgt von Nordrhein-Westfalen (186.000), Baden-Württemberg (171.000), Hessen (90.000) und Niedersachsen (89.000). Quelle: dpa
Aus den osteuropäischen Ländern, die erst seit 2004 oder 2007 zur EU gehören, kamen ebenfalls mehr Menschen nach Deutschland als im Vorjahr. Besonders stark war der prozentuale Zuwachs aus Slowenien (62 Prozent). Quelle: dapd
Allerdings kamen die meisten Zuwanderer weder aus Slowenien noch aus Südeuropa. Mit 59.000 Einwanderern stellte Bulgarien die drittgrößte Gruppe. Quelle: dpa
Seit dem 1. Januar 2007 ist Rumänien ein Mitglied der EU. Die Einwohner des Landes nutzen die europaweite Freizügigkeit: 2012 kamen 116.000 Rumänen nach Deutschland. Damit machen sie die zweitgrößte Einwanderungsgruppe aus. Quelle: dpa

Bestimmte Dinge sollen offenbar nicht gesagt werden. Andere sollten nicht einmal gedacht werden, werden aber ohne Scham getan. So bedienen sich politische Eliten relativ ungeniert bei öffentlichen Geldern, indem sie Familienangehörige über Jahre zu sehr guten Gehältern beschäftigen - in Afrika fällt das unter Nepotismus. Die Selbstbedienung prominenter Fernsehmoderatoren und -journalisten wird konsequent vom öffentlich-rechtlichen Qualitätsfernsehen ignoriert - sie gilt nach kurzer Prüfung als regelkonform. Grüne Politiker versuchen, die Aufklärung vergangener pädophiler Entgleisungen aus ihren Reihen zu verhindern.

Regierende Oberbürgermeister können ohne jede Konsequenz im Aufsichtsrat von Großprojekten sitzen, in denen Milliarden Euros verbrannt werden, und werden nicht zur Verantwortung gezogen. Entscheidungsträger, die das europäische Recht als kleineres Hindernis auf dem Weg zu übergeordneten Zielen einfach über den Haufen werfen und leichtfertig den Wohlstand Hunderter von Millionen Menschen riskieren, gelten als pragmatisch und visionär. Die Kritiker dieser - sagen wir mal - flexiblen Rechtsauffassung dagegen werden verhöhnt.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Rassismus und Sexismus sowie jede andere Form der Diskriminierung haben weder in Handlung noch in Sprache etwas zu suchen. Mangelndes Feingefühl in der Sprache kann durchaus auf tieferliegende Ressentiments hinweisen. Sprache kann Waffe sein und muss sorgfältig eingesetzt werden.

Dennoch oder gerade deshalb mutet es gespenstisch an, wenn Kritik oder gar eine einfache Beobachtung nur deshalb in quasi-stalinistischer Manier abgebürstet werden, weil sie beispielsweise auf unerwünschte Nebenwirkungen einer eigentlich wünschenswerten Entwicklung oder Politik hinweisen.

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