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Freytags-Frage

Sollen wir uns Olympische Spiele leisten?

Hamburg will die Sommerspiele 2024 ausrichten. Das dürfte teuer werden. Es ist fragwürdig, warum die Bürger in Kahla, Duisburg und Brandenburg mit ihren Steuergeldern teure Infrastruktur in Hamburg zahlen sollen.

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Die Sommerolympiade hat viele Nachteile für Hamburg aber auch Möglichkeiten Quelle: dpa

Seit dem Wochenende herrscht große Euphorie in Hamburg. Denn die Olympischen Spiele 2024 sollen in die Hansestadt geholt werden. Die Stadt hat sich denkbar knapp im nationalen Vorentscheid gegen Berlin durchgesetzt. Nun sind alle Hamburger!

Alle? Vielleicht sollte man abwarten, wie die Hamburger selber entscheiden. Denn auf ihre Stimme wird es ankommen bei der Frage, ob der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) gemeinsam mit Hamburg die Bewerbung wirklich vornehmen wird. Die Stadt ist entschlossen, ein Referendum durchzuführen.

Im Herbst diesen Jahres wird es zunächst eine gemeinsame Interessensbekundung der Stadt und des DOSB geben, danach sollen die Bürger in einem Referendum entscheiden, bevor im Falle eines positiven Votums eine vorläufige Bewerbung abgegeben wird (Mini Bid Book). Auf dieser Grundlage wählt das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Kandidaten aus, die dann im Januar 2017 zu einer ausführlichen Bewerbung (Bid Book) aufgefordert werden. Im Herbst 2017 wird dann die Entscheidung fallen.

Die geplante "Olympic City" auf dem Kleinen Grasbrook in Hamburg

Quelle: dpa

Viele Bürger sind gegen Olympia

Das also wird ein langer Weg werden. Die erste Hürde ist das Referendum. In München und Oberbayern haben die Bürger vor anderthalb Jahren gegen eine Bewerbung gestimmt. Auch in Hamburg gibt es kritische Stimmen, die etliche Probleme sehen, sollten die Olympischen Spiele in Hamburg stattfinden. Der Senat hat auf entsprechende Fragen recht umfassend, aber auch sehr ausweichend geantwortet.

Dies hat seine Gründe, denn die wesentlichen Fragen der Kritiker betrafen die ethischen Probleme des IOC, die Wirtschaftlichkeit und die Umweltverträglichkeit der Spiele.

  • Das Internationale Olympische Komitee ist notorisch korrupt, möglicherweise weniger als die FIFA (aber mehr geht ja auch kaum!). Immer wieder gibt es Berichte zu Zahlungen von Bewerberstädten und –verbänden an Mitglieder des IOC im Vorfeld von Vergabeentscheidungen. Auch fällt auf, dass die Auflagen der Vergabe sich regelmäßig über die Interessen der Menschen in den Olympiastädten hinwegsetzen. Die Interessen der Sponsoren scheinen eindeutig höher gewichtet zu werden.
  • Dies hat sicherlich mit dem Gigantismus und dem Größenwahn der Sportfunktionäre zu tun. Die Anlagen müssen perfekt und groß sein, bereits Bestehendes hat nur geringe Aussichten, genutzt zu werden. Da hat die Stadt zum Glück schon einmal vorgebaut und in ihrem Konzept etliche bereits existierende Anlagen, z.B. die Bundesligastadien in Norddeutschland angegeben.

Dennoch wird die Wirtschaftlichkeit der Spiele zu Recht in Frage gestellt. Sportökonomen zeigen immer wieder, dass sportliche Großereignisse kein Geschäft sind. Es werden enorme Verluste erzeugt, die dann beim Steuerzahler abgeladen werden. Die Sommerspiele 1972 in München haben für die Stadt München einiges gebracht, den deutschen Steuerzahler aber viel Geld gekostet.      

Die Olympiade wird teuer

Es ist zu erwarten, dass auch eine Sommerolympiade in Hamburg und Kiel (Lübeck, Rostock) sehr teuer wird. Und es stellt sich in der Tat die Frage, ob die Bürger in Kahla, Duisburg und Brandenburg mit ihren Steuergeldern teure Infrastruktur in Hamburg zahlen sollen, selbst wenn diese anschließend den Hamburger Bürgern von großem Nutzen sein sollte. Dies ist allerdings nicht durchgängig der Fall. Man muss nicht Athen zitieren, wo nahezu sämtliche Sportstätten der Olympiade 2004 verfallen. Auch in München werden die Sportanlagen kaum noch genutzt, immerhin ist das Olympische Dorf ein Studentenwohnheim geworden. Hamburg plant, das Dorf in die Wohnungsplanung mitaufzunehmen.  

Trotz aller Anstrengungen ist zu befürchten, dass auch Olympische Sommerspiele in Hamburg ein teures Vergnügen werden.

  • Schließlich bleibt die Umweltfrage. Wie viel Fläche wird versiegelt, wieviel neuer Verkehr initiiert? Was passiert anschließend? Beim Scheitern der Bewerbung Münchens um die Winterspiele 2022 spielte dies eine wesentliche Rolle.

Wegen dieser drei Fragenkomplexe sind die Zweifel der Nolympia-Bewegung in Hamburg durchaus berechtigt. Und deshalb ist es angebracht, die Bevölkerung einzubeziehen in die Entscheidung (warum eigentlich nur die Hamburger Bevölkerung und nicht die Bürger Kahlas, Duisburgs und Brandenburgs?).

Vorher
Nachher
Luftbild: Matthias Friedel, Rendering: Gerkan, Marg und Partner Architekten

Keine leichte Entscheidung

Man darf natürlich nicht vergessen, dass es neben den Kosten (und Verlusten) auch Erträge (und Gewinne) geben kann, die man nicht in harter Währung und unmittelbar messen kann.

  • Die Stadt kann sich mit Hilfe der Investitionen zukunftsfest machen, Bausünden beseitigen und nachhaltige Strukturen schaffen.
  • So bliebe eventuell eine gute Infrastruktur (von der München noch heute profitiert), die vielleicht noch Jahrzehnte später für gesteigerten Tourismus sorgen könnte, der dann wieder auf andere Landesteile positiv  ausstrahlen könnte.
  • Nicht zuletzt kann es einen Imagegewinn geben. Dies hat Deutschland während und nach der Fußballweltmeisterschaft 2006 genauso erfahren wie Südafrika vier Jahre später oder die Olympiastadt London 2012. Auch die WM 2014 in Brasilien ist in guter Erinnerung, vom Ausgang ganz abgesehen.
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Deshalb ist die Entscheidung keine leichte. Es gibt viel zu gewinnen und viel zu verlieren. Umso wichtiger erscheint es, dass die Entscheidung transparent und unter Einbeziehung aller Betroffenen (direkt in Hamburg und anderswo) stattfindet. Eine robuste Kostenrechnung (anders als bei der Elbphilharmonie) ist nötig, und demokratische Gepflogenheiten sind einzuhalten.

Nicht zuletzt wegen dieser Anforderungen – so zumindest eine Vermutung – wurden sportliche Großereignisse in den vergangenen Jahren regelmäßig an autokratisch regierte Länder vergeben. Dort spielt weder Transparenz und Arbeitsrecht noch die Wirtschaftlichkeit oder Umweltschutz eine Rolle, wie sich in Sotschi und Katar zeigt. Demokratie ist dort ein eher abstraktes Konzept. Insofern kann man gespannt sein, wie sich zunächst die Hamburger Bewerber und später die Entscheider beim IOC verhalten: nachhaltig und bescheiden oder gierig und größenwahnsinnig?

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