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Freytags-Frage

Sollten die Öffentlich-Rechtlichen den Confed-Cup übertragen?

Hooligans, Menschenrechtsverletzungen, Steuerhinterziehung: Immer mehr Skandale erschüttern den Fußball. Die Öffentlich-Rechtlichen schauen zu und übertagen brav den Confed-Cup. Dabei haben sie eine ganz andere Aufgabe.

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Logo des Confederations Cup Quelle: dpa

Morgen beginnt das Vorbereitungs-Turnier für die nächste Fußball-Weltmeisterschaft in Russland, der Confed-Cup. Deutschland ist als Weltmeister dabei, doch die öffentlich geäußerte Vorfreude bei Spielern, Trainern und Fans hält sich in Grenzen. Inwieweit das an den schlechten Nachrichten liegt, die derzeit auf den Fußball einprasseln, kann nicht gesagt werden. Doch die Nachrichten könnten zumindest den Anlass bilden, sich vom Fußball und vor allem von diesem Turnier abzuwenden.

Da sind zunächst die Menschenrechtsverletzungen auf den russischen Baustellen der Stadien, die für Aufsehen sorgen. Das kennt man schon aus Katar. Nichtregierungsorganisation haben gezeigt, wie unwürdig Arbeitnehmer – zumindest zum Teil – in Russland behandelt werden. Aber die FIFA scheint es nicht zu kümmern. Wieder eine Erinnerung an Katar.

Etwas älter schon, aber ebenso beunruhigend sind die Nachrichten von Ausschreitungen im Zusammenhang mit Fußballspielen. Es fällt schwer, bei Menschen, die beispielsweise zu hunderten in Camouflage-Uniformen durch Städte ziehen, eigene Spieler bei Niederlagen verprügeln oder gegnerische Spieler beschimpfen, von Fußballfans zu sprechen. Trotzdem werden diese Leute von den Vereinen weiterhin mit Samthandschuhen angefasst. Es mag sich um ein gesellschaftlich verursachtes Problem handeln, dennoch sollte der organisierte Fußball nicht wegsehen.

Als nächstes erfährt man, dass gegen den wohl bekanntesten Fußballstar Christiano Ronaldo wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung – die Rede ist von 14 Millionen Euro – ermittelt werden soll. Sein ebenfalls berühmter und reicher Kollege Lionel Messi scheint ein ähnliches Problem zu haben. Auch bei uns gibt es Fälle. Insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass der organisierte Fußball sich außerhalb der regulären Ordnung wähnt: Steuerhinterziehung, Menschenrechtsverletzungen? Kein Problem, solange die Finanzen stimmen. Die Politik schaut zu.

Vielleicht ist ja diese Art von Finanzproblem beim kickenden Personal der Grund dafür, dass die Champions League im europäischen Fußball ab der Saison 2018/19 nur noch im bezahlten Fernsehen ausgestrahlt werden soll – eine weitere aktuelle Nachricht aus der Welt des Fußballs. Das passt zum Bestreben, noch mehr Geld mit dem „Premiumprodukt“ Bundesliga zu verdienen, an dem sich zum Beispiel auch die Deutsche Fußballliga (DFL) beteiligt. Auf der Suche nach noch mehr Gelquellen stört es wahrscheinlich nur, wenn man auf Menschenrechtsverletzungen reagiert und die Hooligans stellt.

Randsportarten im Teufelskreis

Das öffentliche-rechtliche Fernsehen (ÖR) spielt in diesem Zusammenhang ebenfalls keine allzu rühmliche Rolle, und zwar gerade nicht, weil es keine Champions League mehr überträgt. Der ÖR zeigt immer noch genug Sport.  Hauptsächlich Fußball, zumindest in der Wahrnehmung der meisten Menschen, die sich damit befassen. Die negativen Begleiterscheinungen werden von den Fernsehmachern wohlwollend ignoriert, oder als Begleiterscheinung achselzuckend zur Kenntnis genommen. Nur beim Thema Doping macht die Berichterstattung eine wohltuende Ausnahme.

Angesprochen auf die Dominanz des Fußballs – selbst Regionalligaspiele werden in den Dritten regelmäßig gezeigt – hat der Sportchef des Norddeutschen Rundfunks Gerd Gottlob gesagt: “Unsere Aufgabe ist es, ein gutes Programm herzustellen, damit die Zuschauer zufrieden sind.“

Diese Aussage weckt zumindest Zweifel, ob Herr Gottlob die Aufgabe des ÖR richtig interpretiert. Regelmäßig ist vom Bildungsauftrag des ÖR die Rede. Wenn dieser ernst genommen würde, müssten die Sportschau und die entsprechenden Sendungen im ZDF und den Dritten den Fußball weitgehend den Privaten überlassen und regelmäßig sogenannten Randsportarten eine Plattform bieten. Dann könnten auch junge Menschen davon erfahren und sich die sehr hart trainierenden und zum Teil sehr erfolgreichen Sportler – Turner, Volleyballspieler, Badmintonspieler, Radfahrer, Fechter, Ringer, Läufer u.v.a. – zum Vorbild nehmen.

Bislang aber treibt die fehlende Medienpräsenz die Randsportarten in einen Teufelskreis: geringe Bedeutung, noch weniger Medienpräsenz, weniger Sponsoren, abnehmende Bedeutung – und so weiter. Der Hinweis auf die Zufriedenheit der Zuschauer ist in diesem Zusammenhang etwas dünn, denn die unkritische Vermarktung eines reinen Unterhaltungsproduktes wie der Champions League oder der Bundesliga und der Verherrlichung ihrer – durchaus nicht perfekten Protagonisten – kann man kaum als eine Bildungsoffensive begreifen.

Dabei wäre es wichtig, dass die Medien – und vor allem die öffentlich-rechtlichen – die Bedeutung von Sport für Gesundheit und Toleranz vermitteln. Wie wichtig Sport ist, zeigt auch die Nachricht, dass immer mehr Menschen fettleibig sind. Natürlich ist auch Fußball ein toller Sport, der auf vielen Ebenen, d.h. vom professionellen Sport bis hin zum Kicken auf der Wiese, gespielt werden kann. Die Freude am Sport kann zudem selbst die – offensichtlich korrupte – FIFA den Menschen nicht nehmen.

Der ÖR könnte mit inhaltlicher Breite, kritischer Distanz und entsprechender journalistischer Qualität – anstelle von Jubelschreien aus dem Fernsehgerät – dazu beitragen, dass der organisierte Fußball die Werte und Normen gesellschaftlichen Zusammenlebens wieder ernst nimmt. Dies ist eine hoch zu bewertende journalistische Aufgabe, die gutes Programm verspricht und den Zuschauer zufrieden hinterlassen dürfte. Den Confed-Cup könnte der ÖR dafür ruhig vernachlässigen.

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