WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Freytags-Frage

Wann kümmert sich die Politik endlich um die Infrastruktur?

Deutschlands Brücken, Straßen und Schienen sind am Ende ihrer Belastbarkeit angelangt. Die Konsequenzen sind dramatisch. Wie konnte es dazu kommen? Und viel wichtiger: Warum passiert nichts?

Schleswig-Holstein versinkt wegen einer Teilsperrung der Rader Hochbrücke seit Wochen im Verkehrschaos. Schleswig-Holstein fallen deswegen die Tagestouristen weg, weil sie keine Lust mehr auf die kilometerlangen Staus haben. Quelle: dpa

Anfang der Woche las der Kolumnist die Nachricht, dass in Schleswig-Holstein die Tagestouristen wegbleiben, weil sie keine Lust mehr auf die Staus vor der Rader Hochbrücke, die die A7 über den Nord-Ostsee-Kanal führt, haben. Seit rund vier Wochen wird die Brücke repariert, weil die Träger morsch geworden sind und der Beton dort bröckelt. Sie ist deshalb je Fahrtrichtung nur einspurig und von LKWs gar nicht befahrbar. Gleichzeitig wird eine der beiden Röhren im Rendsburger Kanaltunnel saniert, so dass der Nord-Ostsee-Kanal im Moment ein ernsthaftes Verkehrshindernis darstellt. Ein Alptraum in der Urlaubszeit!

Das sind Deutschlands Problemzonen
Straßenbau: Der Investitionsstau führt zum VerkehrsinfarktDie A45 gilt als Deutschlands schönste Autobahn. Über Hügel und Täler schlängelt sie sich durch das Sauer- und Siegerland nach Hessen. Dennoch ist sie für die 10000 Lkw-Fahrer, die hier täglich unterwegs sind, ein Ärgernis: Allein im hessischen Teil gibt es ein Dutzend poröse Brücken, die mit nur 60 Stundenkilometern passiert werden müssen. Ein Abschnitt ist für schwere Lkw sogar vollständig gesperrt. Zwar hat der Staat längst begonnen, zu sanieren und zu erneuern – schließlich soll sich die Zahl der Lastwagen bis zum Jahr 2025 verdoppeln. Aber insgesamt kommt die Modernisierung viel zu langsam voran. Quelle: dpa
Das gilt für Straßen in vielen  Teilen Deutschlands. Ihr schlechter Zustand spiegelt den immensen Investitionsstau wider. Laut der Initiative „Pro Mobilität“ werden seit zehn Jahren nur rund fünf Milliarden Euro pro anno in die Bundesfernstraßen investiert. Es müssten aber mindestens acht Milliarden pro Jahr sein, zumal das Verkehrsaufkommen in den nächsten Jahren deutlich steigen wird. Quelle: dpa
Bei den kommunalen Straßen ist der Bedarf sogar noch größer. Hier müssten statt jährlich fünf Milliarden eigentlich fast zehn Milliarden Euro investiert werden, sagt Wolfgang Kugele vom ADAC. „Rund die Hälfte der Straßen weist deutliche Schädigungen wie Risse, Schlaglöcher oder Verformungen auf.“ Quelle: dpa
Schulgebäude: Kommunen fehlt Geld für überfällige SanierungenMehr als ein Schulterzucken bekommt Monika Landgraf nicht als Antwort, wenn die Vorsitzende der Dortmunder „Stadteltern“ von Stadträten mehr Investitionen in Schulen fordert. Das nötige Geld, es ist einfach nicht da. Dabei würde es dringend gebraucht: An jeder zweiten der rund 200 Dortmunder Schulen müsste investiert werden, schätzt Landgraf – denn in Klassenzimmern bröckelt der Putz von den Wänden, Toiletten sind heruntergekommen, Turnhallen völlig veraltet. Quelle: dpa
Vielen Schulen fehle außerdem der Platz, um eine – seit der Umstellung auf den Ganztagsbetrieb wichtige – Mensa einzurichten. „Wie sollen Kinder auf diese Weise gute Lernleistungen erzielen?“, fragt Landgraf. Dortmund ist eher Regel- als Einzelfall: ob im Osten oder im Westen, im Norden oder Süden: Die Bedingungen für die Schüler sind fast überall schlecht. Der bundesweite Investitionsstau bei den Schulgebäuden beträgt nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Urbanistik 70 Milliarden Euro. Bei den Sportstätten sind es nach Angaben des Deutschen Sportbunds 40 Milliarden. Quelle: dpa
Doch nicht nur in die Gebäude, auch in die Lehre investiert Deutschland zu wenig: Mit Bildungsausgaben in Höhe von knapp fünf Prozent der Wirtschaftsleistung liegt das Land im Ranking der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf dem drittletzten Platz. Quelle: ap
Bahn: Manche Reisen dauern heute länger als vor dem KriegWer in Deutschland auf eine verspätete S-Bahn warten muss, wird inzwischen zumindest gut informiert. Selbst an kleinen Haltepunkten gibt es jetzt „dynamische Schriftanzeiger“, über die die aktuelle Verspätung flimmert. Rund 2800 dieser Anzeiger hat die Bahn mit Geldern der Konjunkturpakete finanziert. Doch an den vielen Zugverspätungen werden diese Zusatzinvestitionen kaum etwas ändern können: Quelle: dpa

Nun werden sich viele sagen: Was kümmert mich der Tagestourismus in Schleswig-Holstein, anderen geht es noch schlechter. In der Tat geht es in dieser Kolumne auch nicht in erster Linie um die Restaurantbesitzer, Strandkorbvermieter und Fahrradverleiher aus Eckernförde. Aber es geht darum, dass die deutsche Infrastruktur offensichtlich am Ende ihrer Belastungsfähigkeit angelangt ist. Und dies hat natürlich Konsequenzen für die nachgelagerte Sektoren, vom Straßenverkehr über die Containerschifffahrt bis eben zur Strandkorbvermietung. Allen gemeinsam ist, dass sie Arbeitsplätze schaffen, die von der Politik leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.

Was ist das Problem?

  • Das Problem besteht darin, dass die Rader Hochbrücke kein Einzelfall ist, sondern offenbar nur eine von Hunderten Brücken auf deutschen Autobahnen ist, die saniert oder gleich durch Neubauten ersetzt werden müssen. Die Kosten der Verzögerungen sind in der Summe schon gewaltig. Zudem droht eine Katastrophe, sollte ein Brück einmal tatsächlich zusammenbrechen.
  • Das Problem ist auch, dass die Schleusen ebendieses Nord-Ostsee-Kanals, aber auch anderer Wasserstraßen sehr lange nicht saniert worden sind und dies mit großem Aufwand bald zu geschehen hat. Passiert es nicht, könnten müssten kleiner Containerschiffe, sog. Feeder, bald über das Skagerrak in die Ostsee fahren. Dann wandert möglicherweise die Containerschifffahrt aus Hamburg ab, weil es dann billiger wird, die Feeder für die Ostseehäfen in Rotterdam oder Antwerpen zu beladen.
  • Das Problem ist ebenfalls, dass die Energienetze nicht angemessen zu sein scheinen, um den dezentral im Norden erstellten und politisch geförderten Strom aus Windkraft in den Süden zu transportieren, wo er für die deutsche Industrie lebensnotwendig ist. Bei starkem Wind und blauem Himmel droht offenbar ein Strominfarkt. Hier wäre ein schnelles Erweitern des Stromnetzes angebracht.
  • Das Problem ist überdies, dass die Bahnnetze zwar existieren, aber offenbar im Sommer nur teilweise betrieben werden können. Auch dies ist kostspielig.
  • Das Problem ist außerdem, dass es in vielen Universitäten inzwischen hineinregnet und manche Hörsäle nicht betreten werden dürfen. Gleichzeitig besteht der politische Wille, mehr junge Menschen an die Hochschulen zu bringen.

Vermutlich ist auch die eine oder andere Kanalisation oder U-Bahn sanierungsbedürftig. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen. Insgesamt soll der Investitionsstau bzw. -bedarf bei etwa einer Billion Euro liegen.

Zunächst stellt sich die Frage: Wie konnte es dazu kommen? Daran schließt sich natürlich die Frage an: Warum passiert nichts?

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%