Freytags-Frage

Warum bekommen wir keine Großbauten gestemmt?

Der Flughafen Berlin-Brandenburg, die Elbphilharmonie oder Stuttgart 21: Deutschland bekommt zahlreiche Großprojekte nicht ordentlich gestemmt. Schuld trägt nicht nur die Politik.

Der Flughafen Berlin Brandenburg ist nur ein Beispiel. Stuttgart 21 oder die Elbphilharmonie sind andere. Deutschland bekommt zahlreiche Großprojekte nicht ordentlich gestemmt. Quelle: dpa

Wer heute nach Berlin will, muss entweder weiter auf dem Landwege anreisen oder den überfüllten (wenn auch charmanten) Tegeler Flughafen nutzen. Denn der Bau wird viel teurer als geplant, weist Mängel auf und scheint schon bei der Eröffnung zu klein zu werden. Zu allem Überfluss wird diese erneut verschoben. Technisch und politisch entwickelt sich das einstige Prestigeprojekt zum Desaster.

Wer die Geschichte des Flughafenbaus ohne Ortsangabe liest, denkt wohl eher an die Ukraine oder an Brasilien, wo Großbauten für die Sportgroßereignisse von 2012 bzw. 2014 verzögert, zu überhöhten Kosten und halbfertig übergeben wurden bzw. vermutlich werden. Deutschland bot sich sogar noch vollmundig als Ersatzaustragungsort für die Europameisterschaft 2012 an. Wie der Berliner Oberbürgermeister es wohl finden würde, wenn sein Amtskollege in Warschau einen Shuttleservice zwischen dem Warschauer Flughafen und Berlin-Mitte organisieren und medienwirksam bewerben würde?

Abgesehen von der Häme, von der ja genug über den Verantwortlichen ausgeschüttet wurde, stellt sich eine ernsthafte Frage: Warum schaffen es deutsche öffentliche Bauträger nicht (mehr), Großbauten so realistisch zu planen, dass die Fertigstellung annähernd plangemäß erfolgt? Der Flughafen in Berlin ist ja nur ein Beispiel, Stuttgart 21, die Elbphilharmonie sind andere. Manche notwendigen Bauten werden erst gar nicht umgesetzt, wie zum Beispiel Stromtrassen und Kraftwerke. Es scheint eine Reihe von Antworten zu geben, von denen einige nicht neu sind.

Die größten Investitionsruinen Deutschlands
Flughafen ZweibrückenNach dem insolventen Nürburgring steht ein weiteres Projekt mit Steuergeld in Rheinland-Pfalz vor dem finanziellen Crash: Der Flughafen Zweibrücken in der Pfalz wird nach Ansicht von Verkehrsminister Roger Lewentz (SPD) Insolvenz anmelden müssen. Er rechne damit, dass die EU-Kommission die Rückzahlung von bis zu 56 Millionen Euro staatlicher Beihilfen fordern werde, sagte Lewentz. Der Flughafen Zweibrücken - wie der verschuldete Airport Frankfurt-Hahn ein früheres Militärgelände - hatte 2012 ein Minus von 4,6 Millionen Euro eingefahren, das er im vergangenen Jahr nach Ministeriumsangaben auf knapp 3 Millionen Euro drückte. Der Flughafen befindet sich zur Hälfte in Hand des Landes und zur Hälfte in kommunaler Hand. Er liegt nur rund 30 Kilometer vom Flughafen Saarbrücken entfernt. Die neuen Flugleitlinien der EU-Kommission verbieten Subventionen für zwei Airports, die weniger als 100 Kilometer auseinanderliegen. Quelle: dpa/dpaweb
Eine Maschine der Lufthansa überquert die Landebahn des Flughafens Leipzig/Halle Quelle: Uwe Schoßig
Freizeitpark am Nürburgring Quelle: dpa
Ein Transrapid TR 09 steht auf der Teststrecke im Emsland Quelle: dpa
Menschen verspeisen Kaffee und Kuchen im Reaktorhauptgebaeude des Kernkraftwerkes Kalkar Quelle: AP
Aussenansicht der Halle des Tropical Islands Resorts Quelle: dpa/dpaweb
Passanten vor dem Dortmunder U-Turm Quelle: PR
Ein Passant geht an der Baustelle des Freizeitparks "Space Center" in Bremen vorbei Quelle: AP
Luftaufnahme der Baustelle für das neue Kohlekraftwerk in Datteln Quelle: dpa
 Das Firmenlogo der Bayer AG Quelle: AP
Shinzo Abe, Stephen Harper, Nicolas Sarkozy, Wladimir Putin, Angela Merkel, George W. Bush, Tony Blair, Romano Prodi und Jose Manuel Barroso in einem großen Strandkorb vor dem Grand Hotel Heiligendamm Quelle: dpa

Ein erster Grund ist die steigende Vorsicht der direkt von den Bauten betroffenen Bürger. Viele Menschen möchten nicht in der Nähe eines Flughafens oder einer Stromtrasse wohnen. Wehren sie sich, gelten sie als NIMBYs (Not In My Backyard); die extremere Form dieser „Widerständler“ sind die BANANAs (Build Absolutely Nothing Anywhere Near Anything (or Anyone)). Grundsätzlich kann man es verstehen, dennoch gibt es ein Problem. Denn möglicherweise hat die deutsche Rechtsprechung der letzten 40 Jahre zu diesem Phänomen beigetragen: Wer gegen Sportvereine und den auf deren Anlagen erzeugten Lärm oder gegen Flughäfen klagte, selbst wenn diese Anlagen oder Flughäfen zum Zeitpunkt des Zuzugs längst bestanden (weswegen die Grundstückspreise vergleichsweise vermutlich niedrig waren), bekam in der Regel Recht. Dies widerspricht natürlich dem gesunden Menschenverstand und stellt eine objektiv unleugbare Schwierigkeit für die Planer dar.

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