Freytags-Frage

Warum sind so viele Spitzenpolitiker bei Fußballspielen?

Immer mehr politische Akteure tragen eine Begeisterung für den Fußball zur Schau, die es früher nicht zu beobachten gab. Haben die Damen und Herren Politiker nichts Wichtigeres zu tun?

Es ist teilweise etwas beunruhigend, dass die millionenfache Sportbegeisterung die politischen Prioritäten verschiebt. Quelle: dapd

Nun geht es wieder los. Die Fußball-Bundesligisten steigen morgen in den Spielbetrieb ein, wenn der Pokal seine eigenen Gesetze anwendet, um einmal ein der vielen gängigen und liebenswerten Plattitüden zu bemühen, die im Sport Anwendung finden. Eigentlich eine tolle Sache, die am Samstag regelmäßig vielen Freude bereitet.

Weniger Freude bereitet der Umstand, dass die Fußballnachrichten inzwischen so wichtig geworden sind, dass andere Nachrichten es gar nicht erst in die Massenmedien, zumindest dort nicht nach vorne schaffen. Der neue Bayern-Trainer leitet das erste Training - auf allen Kanälen! Hingegen: Griechenland macht schon wieder keine Reformforstschritte - besser nicht darüber reden.

Die Linke fehlt bei Abstimmungen im Parlament am häufigsten
Außer den Nebeneinkünften und dem Gehalt der Abgeordneten hat das Portal Abgeordnetenwatch auch ein Auge auf die Fehlzeiten der Parlamentarier. Das Ergebnis: Viele Minister und Ministerinnen, die neben ihrem Regierungsamt ein Mandat ausüben, schaffen es nur selten zu Abstimmungen ins Parlament. Noch am häufigsten zum Dienst - konkret zu namentlichen Abstimmungen - schaffen es die Politiker von CDU und CSU. Sie haben eine maximale Abwesenheitsquote von 12,5 Prozent - erreicht bei der Abstimmung über das Lebensversicherungsreformgesetz. Die höchsten Fehlzeiten hat übrigens - wenig überraschend - Angela Merkel: Sie fehlt bei 75 Prozent der Bundestagsabstimmungen. Quelle: dpa
Genauso hoch sind die Fehlzeiten von SPD-Chef Sigmar Gabriel. Auch er schwänzt zu Gunsten der großen Weltpolitik 75 Prozent der Abstimmungen im Parlament. Insgesamt beträgt die maximale Abwesenheitsquote der SPDler aber nur 15,5 Prozent. Quelle: dpa
Die Grünen kamen in der Spitze auf eine Abwesenheitsquote von 15,87 Prozent. Und zwar bei der Entscheidung über das Lebensversicherungsreformgesetz. Bei 63 Grünen-Abgeordneten sind also zehn Minister der Abstimmung fern geblieben. Quelle: dpa
Doch am häufigsten blieben die Plätze der Linke-Abgeordneten leer: Sie hatten eine maximale Abwesenheitsquote von 29,7 Prozent - und zwar bei der Abstimmung über das Haushaltsgesetz 2014. Quelle: dpa
In der vergangenen Legislaturperiode haben insgesamt 207 Abstimmungen an 72 Tagen stattgefunden. Nur saßen längst nicht alle 620 Bundestagsabgeordneten auf ihrem Platz, wenn es um Entscheidungen wie die Euro-Rettung, den Atomausstieg oder den Mali-Einsatz der Bundeswehr ging. Demnach hat Sevim Dagdelen, Abgeordnete der Partei Die Linke, nach Recherchen des Focus bei 60 Abstimmungen* unentschuldigt gefehlt. * Anm. der Red.: Sevim Dagdelen machte in einem Schreiben an die Redaktion darauf aufmerksam, dass sie 47 der 60 Abstimmungen entschuldigt gefehlt hat, weil sie sich im Mutterschutz befand und ihren Vater pflegen musste. Insofern reduziert sich nach ihren Angaben die Zahl der unentschuldigt versäumten Abstimmungen auf 23. Quelle: Presse
Auch die CSU-Politiker blieb den Abstimmungen gerne einmal fern: Sowohl Dorothee Bär als auch ihr Parteikollege Herbert Frankenhauser verpassten 62 Abstimmungen - laut Focus-Recherchen ohne krank gewesen zu sein. Die häufigsten Gründe, wenn Abgeordnete ihren Job nicht machen, sind übrigens Nebenjobs wie Reden, Vorlesungen und sonstige bezahlte Termine, Sitzungen diverser Organisationen oder Gremien, Wahlkreistermine oder der gelernte Beruf, der natürlich neben dem Abgeordnetenjob weitergeführt werden darf. Wie oft Bär als Diplom-Politologin oder Frankenhauser als gelernter Industriekaufmann in ihren alten Berufen arbeiten müssen und deshalb Abstimmungen verpassen, ist nicht belegt. Quelle: Bundestag
Der SPD-Mann Gernot Erler wurde beim Landesparteitag auf Listenplatz eins für die Bundestagswahl gewählt. Bei Abstimmungen im Bundestag im vergangenen Jahr blieb Erler 63 mal unentschuldigt fern. Quelle: dpa

Zyniker werden jetzt einwenden, dass Griechenlands mangelnder Reformeifer wirklich keine Überraschung, die Verpflichtung eines Weltstars durch eine deutsche Mannschaft aber schon etwas Besonderes sei. Insofern stimmt die Betonung im deutschen Fernsehen schon, oder?

Etwas beunruhigend ist es dennoch, dass die millionenfache Sportbegeisterung die politischen Prioritäten verschiebt. Denn immer mehr politische Akteure tragen nun ebenfalls eine Begeisterung für den Fußball zur Schau, die es früher nicht zu beobachten gab. Bei nahezu jedem wichtigen Spiel ist Frau Merkel im Stadion dabei, ob Champions League-Finale oder WM-Halbfinale; viele Politiker lassen uns wissen, für wen sie fiebern. Warum ist das so? Haben die Damen und Herren Politiker nichts Wichtigeres zu tun?

Warum z.B. war Frau Merkel während des Wochenendes des Champions League Finals nicht in Addis Abeba beim 50-jährigen Jubiläum der Afrikanischen Union. Das hätte ein echtes Zeichen gesetzt, dass Europa sich auf dem afrikanischen Kontinent engagiert. Es wäre übrigens auch im deutschen Eigeninteresse gewesen, denn die wirtschaftliche Lage in Europa scheint so desolat zu sein, dass Afrika für die deutsche Exportwirtschaft in Zukunft eine zunehmend bedeutende  Rolle spielen dürfte.

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