Freytags-Frage

Was haben die deutsch-deutsche und die europäische Währungsunion gemeinsam?

Vor 25 Jahren bekam Ostdeutschland die D-Mark. Die deutsch-deutsche Währungsunion wurde zu einem Erfolg - die europäische Währungsunion nicht. Was sind die Gründe?

Altes DDR-Geld. Quelle: dpa

Die D-Mark für alle: Am 1. Juli 1990 wurde der Traum Realität. 25 Jahre später wird an die deutsch-deutsche Währungsunion erinnert. Sie ist heute Geschichte, wird überschattet von den gegenwärtigen Ereignissen in und um Griechenland und damit der Krise der Europäischen Währungsunion (EWU). Gleichzeitig erlaubt sie einen wehmütigen Blick zurück in die Zeit, als in Deutschland noch eine unzweifelhaft stabile Währung umlief.

Dies ist Anlass genug, nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen diesen beiden geld- und währungspolitischen „Experimenten“ zu fragen. Gemeinsam ist ihnen, dass jeweils ökonomisch recht unterschiedlich weit entwickelte und reiche Volkswirtschaften eine gemeinsame Währung erhielten. Gemeinsam ist außerdem, dass die jeweils schwächeren Räume (im deutsch-deutschen Fall der schwächere Raum, die DDR) eine reale Aufwertung erlebten. Hier beginnen auch schon die Unterschiede: Im Fall der DDR und nach dem 3. Oktober 1990 der neuen Länder ist diese Aufwertung recht abrupt erfolgt, während die Peripherieländer der EWU diese reale Aufwertung in langsameren Tempo erlebten.

Weitere Unterschiede sind in den Anpassungsreaktionen auf diesen Schock zu sehen.

"Der Euro ist stabil, der Euro ist stark"
Stärker als gedacht"Scheitert der Euro, scheitert Europa" ist einer der Sätze von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die vielen in Erinnerung bleiben. Mittlerweile wurde er ein wenig umgedeutet, an Griechenland dürfe der Euro nicht scheitern, hieß es kürzlich. Bisher sieht es danach auch aus, die Gemeinschaftswährung hält sich trotz des eskalierenden Griechenland-Dramas überraschend stabil. Auf Wochensicht verläuft die Entwicklung des Euro zum Dollar seitwärts, die Verluste vom Handelsbeginn am Montag hat die Gemeinschaftswährung wieder ausgeglichen. "Während sich die Lage in Griechenland zuspitzt, zeigt sich der Devisenmarkt weiterhin gelassen", schreibt die Commerzbank in einem Kommentar. Aus Sicht der Analysten liegt das vor allem an der Europäischen Zentralbank (EZB). "Die Lorbeeren gehören der EZB, die mit ihrem Versprechen, dass sie all ihre Instrumente nutzen würde, um Ansteckungseffekte einzudämmen, Spekulationen binnen kurzer Zeit den Garaus gemacht hat." Quelle: REUTERS
Retter in der NotOffenbar gibt es einige, deren Vertrauen in den Euro vor allem auf dem Engagement der Zentralbank fußt. Alle glauben das aber nicht: "Die Wette gegen den Euro war gefährlich und verlustreich”, sagt Ray Attrill, Chef-Devisenstratege der National Australia Bank in Sydney. „Es gibt genug Leute, die daran glauben, dass ein Austritt Griechenlands keine signifikanten Ansteckungseffekte haben wird und dass die EZB und die EU-Politiker alles tun werden, um den Euro zu stützen. Ich gehöre nicht dazu“. Quelle: dpa
Positive oder negative Folgen?Die Folgen eines Austritts des Landes aus dem Euro („Grexit“) würden am Devisenmarkt sehr unterschiedlich bewertet, begründet Lutz Karpowitz von der Commerzbank die geringe Reaktion der Märkte auf Griechenland-Meldungen. So sei die Gruppe derjenigen, die einen Austritt als positiv für den Euro bewerte, etwa gleich groß wie die Gruppe, die ihn negativ sehe. „Nach einem Grexit dürfte allerdings schnell klar werden, dass Ansteckungseffekte ausbleiben“, erwartet Karpowitz. Anfängliche Verluste würde der Euro zügig wieder gutmachen. Quelle: dpa
Ansteckungseffekte ja oder nein?Eine mittel- bis langfristige Gefahr für den Euro könnte von möglichen Ansteckungseffekten anderer Euro-Länder wie Spanien oder Portugal ausgehen. Österreichs Finanzminister rechnet nicht damit: "Der Euro ist stabil, der Euro ist stark", sagte Hans Jörg Schelling am Dienstag in Wien. Er erwarte durch den ungelösten Schuldenstreit mit Griechenland keine Finanzkrise. Selbst wenn sich die Griechen bei dem geplanten Referendum gegen die Vorschläge der internationalen Geldgeber aussprechen sollten, erwarte er keine "Ansteckungseffekte" für die Euro-Zone. Quelle: REUTERS
Untergang abgesagt?Insgesamt hält die Mehrheit der Analysten die Gefahr für den Euro für deutlich geringer als vor einigen Monaten. "Ein "Grexit" wird nicht mehr mit dem Ende des Euro verknüpft", sagt Claudia Windt, Analystin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Insgesamt habe die Untergangsrhetorik deutlich abgenommen. Quelle: dpa
VertrauensproblemEin Grexit könnte weniger ein Ansteckungs-, als ein Vertrauensproblem für den Euro werden. "Ein Austritt Griechenlands dürfte den Euro merklich schwächen", sagt Bernd Krampen, Analyst bei der NordLB. Davon würde zwar die heimische Exportwirtschaft profitieren, gesamtwirtschaftlich wäre der Vertrauensverlust allerdings problematisch. Quelle: REUTERS
Grexit oder Graccident Quelle: Marcel Stahn

In den neuen Ländern trug die reale Aufwertung zu einer beispiellosen Deindustrialisierung bei. Letztere wurde aber nicht durch die Währungsunion verursacht; sie wäre ohnehin gekommen, denn die DDR-Industrie war nicht wettbewerbsfähig. Außerdem trugen die finanziellen Transfers von West nach Ost in Höhe von insgesamt über einer Billion Euro dazu bei, weil die transferbedingte Erhöhung der Kaufkraft zu Preissteigerungen bei lokalen Gütern und Diensten (z.B. Mieten) führten.

Diese Transfers lösten aber zugleich das Problem zumindest teilweise, weil sie zur Erhöhung des Lebensstandards in den neuen Ländern beitrugen. Bemerkenswert ist die Bereitschaft der Zahler im Westen, diese Lasten zu schultern. Gewissermaßen zum Ausgleich war die Bevölkerung in den neuen Ländern bereit, die vollständige Neufassung ihres Gesellschaftsmodell mitzutragen.

Außerdem wurde die Wirtschaft dort gründlich modernisiert, die Infrastruktur wurde erneuert; es gab sozusagen einen positiven Angebotsschock. Heute ist die Produktivität in den neuen Ländern recht nahe an derjenigen der alten Länder; die Unterschiede sind vor allem damit zu begründen, dass die wertschöpfenden Tätigkeiten und Funktionen, vor allem Forschung und Entwicklung zumeist in den alten Ländern stattfinden.

Insgesamt ist die deutsch-deutsche Wiedervereinigung eine Erfolgsgeschichte, die ohne die Währungsunion nicht so glatt gegangen wäre. Letztere trug zur Konvergenz der Regionen bei. Denn ein weiterer Unterschied zur EWU ist, dass die deutsch-deutsche Währungsunion von der Bevölkerung herbeigesehnt und gefordert wurde („Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr“).

In der EWU löste die Gemeinschaftswährung komplett andere Reaktionen aus. Erst einmal fehlt ihr die Begeisterung der D-Mark-Einführung in den neuen Ländern; die EWU war von Anfang an ein Elitenprojekt. Gerade in Deutschland ist sie es geblieben – Vernunft anstelle von Begeisterung treibt ihre Befürworter. Heute zeigt sich, wie Recht die Bevölkerung damals mit ihrer Skepsis hatte!

Denn auch in ökonomischer Hinsicht sind die Ergebnisse in der EW andere als im Deutschland der frühen 1990er. Zwar bestand die Hoffnung, dass es zur wirtschaftspolitischen Konvergenz kommt, wenn das Instrument der Abwertung als ein Mittel der Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit wegfällt. Diese Hoffnungen haben sich nicht erfüllt.

An Griechenland hängt mehr als nur der Euro

Denn einige europäischen Regierungen haben ein Substitut zur wirtschaftspolitischen Konvergenz, die für einige EWU-Mitglieder im Grundsatz ja nichts als eine angebotspolitische Reform darstellt, gefunden: die Staatsverschuldung. Befeuert durch die dramatisch fallenden Zinsen auf ihre Staatsanleihen haben sich einige Regierungen stark verschuldet und damit Wirtschaftswachstum simuliert. Leider haben sie die Schulden verkonsumiert und nicht investiert.

In anderen Ländern haben sich die Privaten stark verschuldet und einen Bauboom ausgelöst, der spätestens nach der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008ff verpuffte. Somit war die Wachstumsdynamik nicht nachhaltig.

In der Krise zeigte sich dann die Anfälligkeit der Eurozone, deren Mitglieder eben nicht konvergiert waren, sondern eher einen Divergenzprozess gestartet hatten. An der Peripherie begann eine Deindustrialisierung ähnlich wie in den neuen Ländern nach dem Fall der Mauer. Die Folgen sind dramatisch: Einbruch des Sozialprodukts, Steigerung der Arbeitslosigkeit sowie innereuropäische Aggressionen und Konflikte.

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Anders als in Deutschland gab und gibt es in der EWU auch niemanden, der leichten Herzens Transfers bewilligt und sich daran erfreuen kann, wie diese Transfers den Lebensstandard anderswo zu steigern vermögen. Dies ist der wohl entscheidende Unterschied der EWU im Vergleich zur deutschen Währungsunion: Die fehlende Konvergenz wird bei uns durch Transfers abgefangen, die von einer breiten Mehrheit der deutschen Öffentlichkeit getragen werden.

In Europa gibt es diese breite Mehrheit nicht, wahrscheinlich noch nicht einmal eine europäische Öffentlichkeit. Insofern bleibt abzuwarten, ob die europäische Währungsintegration ebenfalls eine Erfolgsgeschichte wird – noch ist sie es nicht.

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