Freytags-Frage

Welchen Anteil hat der Handel am Frieden?

Am 8. Mai 1945 kapitulierte Nazi-Deutschland. Es folgten Jahrzehnte in Freiheit in Wohlstand in der BRD. Der Anteil des internationalen Handels darin wird unterschätzt.

Der internationale Handel stärkt Wohlstand und Frieden in der Welt. Quelle: dpa

Vor 70 Jahren endete in Deutschland der Zweite Weltkrieg. Seitdem hat sich vieles im Verhältnis Deutschlands zur Welt zum Positiven gewandelt. Dazu werden heute viele Gedenkveranstaltungen abgehalten. Ein Thema, das wenig Aufmerksamkeit erhalten wird, ist der internationale Handel. Dabei hat gerade die Wiedereingliederung der westdeutschen Wirtschaft in die Weltwirtschaft, wie es der Wirtschaftshistoriker Christoph Buchheim genannt hat, wesentlich zu der heutigen Rolle der Bundesrepublik in der Welt beigetragen.

Um dies zu verstehen, muss man ein wenig in der Geschichte zurückblättern und sich das Ringen um die Nachkriegsordnung innerhalb alliierter Kreise in Erinnerung rufen. Im September 1944 trafen sich Präsident Roosevelt und Premierminister Churchill in Quebec zur Diskussion ebendieser Ordnung. Auf dieser Konferenz war auch der US-amerikanische Finanzminister Morgenthau anwesend, der sich mit der Idee durchsetzte, Deutschland zu isolieren und seine industriellen Möglichkeiten einzuschränken. Zum Glück der Deutschen (aber auch der anderen Europäer) wurde dieser Plan vom US-Außenminister Cordell Hull intellektuell soweit diskreditiert, dass er aufgegeben wurde.

Streitpunkte beim TTIP

Stattdessen setzte sich die von Hull bereits im Ersten Weltkrieg gewonnene Erkenntnis durch, dass Handel zwischen den Nationen friedensstiftend ist und dass Autarkie mit Krieg „verwandt“ ist. Hull hat sich in seiner gesamten politischen Karriere dafür eingesetzt, Handelsbarrieren abzubauen und die globale Arbeitsteilung zu vertiefen. Sowohl die Ergebnisse theoretischen Überlegens als auch die empirische Evidenz sind eindeutig: Länder, die intensiv miteinander handeln, verzichten weitgehend auf transnationale Konflikte bzw. lösen solche Konflikte auf zivilisierte Weise; dazu gibt es zahlreiche Studien. Es geht beim Außenhandel also nicht nur um Exportweltmeisterschaften, Wohlstand, Beschäftigung und Wachstum; es geht auch, wenn nicht vor allem, um Frieden und Völkerverständigung. Außenhandel ist schon allein deshalb vertrauensstiftend, weil sich die Beteiligten kennenlernen und auf die Durchsetzung ihre Absprachen und Verträge angewiesen sind. Wer langfristig auf Märkten erfolgreich sein will, muss Reputation aufbauen und vertrauenswürdig sein. Dann spielt die Nationalität oder Hautfarbe des Handelspartners keine Rolle mehr.

Diese Erkenntnisse wurden in der Gründung des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (GATT) im Jahre 1947, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) im Jahre 1958 sowie in zahlreichen internationalen Freihandelsabkommen unterschiedlicher Tiefe und Breite praktisch umgesetzt. Die europäische Integration führte gar zur längsten Friedensperiode in der Geschichte Europas. Als Konsequenz wurde die Europäische Union (EU) im Jahre 2012 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet; so wie übrigens Cordell Hull bereits 1945 für sein Engagement für die Vereinten Nationen (UN) den Friedensnobelpreis zugesprochen bekam. Die Welt ist weit entfernt davon, perfekt zu sein. Man stelle sich aber vor, wie sie ohne diese Abkommen und Integrationsbemühungen aussähe!

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