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Freytags-Frage
Quelle: dpa

Wer braucht jetzt eine Handball-Weltmeisterschaft?

Zur Zeit findet die Handball-Weltmeisterschaft in Ägypten statt – wohl vor allem aus kommerziellen Gründen. Die Umstände könnten nicht ungünstiger sein.

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Seit Mittwoch dieser Woche wird in Ägypten Handball gespielt. Bei der 27. Handball-Weltmeisterschaft (WM) treffen 32 Mannschaften aus allen Kontinenten aufeinander, um den Weltmeister 2021 zu ermitteln. Das klingt erst einmal relativ unspektakulär und – wie immer – überaus spannend und mit viel Vorfreude behaftet, ist es aber nicht. Denn dieses Mal ist alles etwas anders.

Erstens gibt es wegen der Coronakrise keine Zuschauer. Wer sich für diesen Sport interessiert, weiß natürlich, wie sehr ein Handballspiel von den emotionalen, aber stets fairen Zuschauern lebt; Ausschreitungen sind beim Handball unbekannt. Dafür ist der Lärm umso größer. Man erinnere sich an die großartige Atmosphäre in Köln beim Endspiel des Jahres 2007 oder in Kopenhagen beim Finale vor zwei Jahren. Der Internationale Handball-Verband (IHF) hatte zwar zunächst sogar vorgesehen, die Hallen mit bis zu 20 Prozent auszulasten, hat aber davon auf Druck auch der Spieler abgesehen.

Vereinbart ist zweitens, dass die Handballspieler und -funktionäre in einer Art Blase das Turnier erleben, um die Infektionsgefahr zu reduzieren beziehungsweise auszuschließen. Das ist der Idee einer internationalen Großveranstaltung in einem fremden Land irgendwie nicht zuträglich, denn sowohl für Spieler als auch für dieses Mal ohnehin ausgeschlossene Schlachtenbummler stellt doch das Rahmenprogramm einer solchen Veranstaltung einen wesentlichen Reiz dar. Außerdem ist es keine einfache Aufgabe, die Spieler zu schützen; sie reisen ja nicht aus dem Vakuum nach Ägypten ein. Dies zeigt schon der Umstand, dass sich zu Beginn dieser Woche zahlreiche Spieler aus verschiedenen Ländern mit dem Virus infiziert haben. Die Vereinigten Staaten und die tschechische Mannschaft haben sich zurückgezogen; der zweite deutsche Gegner aus Kap Verde musste ins Quarantänehotel. Man sieht also schon vor Turnierbeginn eine Reihe von Akteuren ausscheiden.

Dies sorgt dann drittens dafür, dass der sportliche Wert des Turniers abnimmt. Gewinnen wird unter Umständen nicht mehr das beste Team, sondern die Nationalmannschaft, die am wenigsten hochkarätige Spieler durch Infektion oder Quarantäne verliert und gleichzeitig die Nerven behält.

Viertens haben bereits im Vorfeld einige Spieler abgesagt. Dies hat besonders die deutsche Nationalmannschaft getroffen, deren eingespielter Abwehrblock (unter anderem) nicht mitreist. Die interne, aber extern geäußerte Kritik daran ist nicht recht nachvollziehbar. Es ist eher erstaunlich, dass nur so wenige Spieler abgesagt haben.

Fünftens, und dies ist ebenfalls anders als in den Vorjahren, gefährdet dieses Turnier die Fortsetzung des Spielbetriebs der nationalen Ligen. Man stelle sich vor, dass sich im Verlaufe des Turniers immer mehr Spieler infizieren und danach erst einmal in Quarantäne müssen. Dann werden etliche Spiele in den nationalen Ligen und im Europapokal wohl ausfallen müssen. In der Bundesliga gibt es kaum Ersatztermine für ausgefallene Spiele. Im Extremfall kann wieder kein regulärer Meister in dem Sinne, dass jeder gegen jeden gespielt hätte, ermittelt werden. Eventuell gefährdet die WM sogar das ganze Geschäftsmodell des Handballs, wenn die Saison in Deutschland im März oder April abgebrochen werden müsste.

Dabei wäre es so einfach gewesen. Der IHF hätte das Turnier schlicht ausfallen lassen sollen. Das hätte wohl sehr wenig Widerstand bei Spielern, Vereinsfunktionären und Zuschauern erzeugt, wenn überhaupt. Ich kenne keinen Handball-Fan in meinem persönlichen Umfeld, der sich auf dieses Turnier freut. Der Verband hätte Ägypten dann in zwei Jahren zum Gastgeber bestimmt (und andere bereits feststehende Gastgeber um jeweils zwei Jahre vertröstet). Das ist angesichts der Dringlichkeit dieser Pandemie wohl nachvollziehbar; Regressforderungen wären wohl nicht zu erwarten gewesen.



Mit einer Verschiebung des Turniers hätte sich ein angenehmer Nebeneffekt ergeben. Der internationale Kalender im Handball ist ohnehin mit fünf Großereignissen in vier Jahren (Olympia, zweimal WM, zweimal Europameisterschaft (EM)) viel zu voll. Neben der Belastung der Spieler, die bis zu 75 Pflichtspiele pro Saison austragen, ist auch der Ermüdungseffekt bei den Zuschauern zu berücksichtigen. Vermutlich würde man nichts vermissen, wenn WM und EM nur noch jeweils alle vier Jahre stattfänden. Wenn gespielt wird, schaut man eben hin.

All dies konnte den Verband und seinen recht schillernden Präsidenten nicht überzeugen. So erwartet den Zuschauer wohl erstens eine sportliche Lotterie. Aber das ist ja nur ein Aspekt – und im Zweifel noch der unbedeutendere. Viel wichtiger ist zweitens das Signal, das der IHF aussendet. Boshaft formuliert, kann man sagen, dass es vor allem um die kommerzielle Verwertung des Turniers geht, koste es (eventuell), was es wolle. Damit reiht sich der IHF nahtlos in die anderen internationalen Sportverbände ein, die weniger durch Maß und Anstand als durch Geldgier und Korruption auffallen.

Der Sport ist in den vergangenen Jahren regelmäßig durch Doping, Korruption oder verkaufte Spiele in Verruf gekommen. Es ist darüber hinaus erstaunlich, dass die Politik hier sehr großzügig verfährt, während zum Beispiel die Schulkinder nicht gemeinsam lernen dürfen. Auch dies ist keine Ausnahme – der Sport kann sein dubioses Geschäft weitgehend unbehelligt von der Politik weiter betreiben.

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Bislang hatte sich der Handball seinen guten Ruf weitgehend bewahrt, wenigstens in Deutschland. Der IHF-Präsident gilt vielen hierzulande allerdings schon seit langem als suspekt, auch die Zulassung der russischen Nationalmannschaft trotz Dopingsperre für russische Athleten ist nicht in Ordnung. Man kann nur hoffen, dass diese vom IHF vorgelegte Fokussierung auf den kurzfristigen Ertrag unter dem Eingehen eines hohen Risikos dem Handball nicht langfristig schadet.

Mehr zum Thema: Das Engagement von Lars Windhorst bei Hertha BSC zeigt, wie schwer es ist, mit Fußballclubs Rendite zu machen.

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