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Freytags-Frage
Aimee Harper säubert einen riesigen Ball, während die letzten Vorbereitungen für die UEFA EURO 2020 Fan Zone in Glasgow Green getroffen werden. Quelle: dpa

Wer profitiert von der Fußball-Europameisterschaft?

Heute beginnt die Fußball-EM. Doch überschattet durch die Coronakrise ist das öffentliche Interesse gering. Man hätte das Turnier wohl ruhigen Gewissens absagen können – wenn da nicht die mächtige UEFA wäre.

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Heute beginnt ein höchst ungewöhnliches Sportereignis, nämlich die Fußball-Europameisterschaft 2020, die wegen der Coronakrise um ein Jahr in dieses Jahr verschoben wurde. In insgesamt 11 Ländern (mit jeweils einem Stadion) wird ab heute Abend Fußball gespielt. Insgesamt 24 Fußballmannschaften reisen kreuz und quer durch ganz Europa, um in der größten Europameisterschaft aller Zeiten den Europameister zu ermitteln. Damit sind mehr als die Hälfte der Länder Europas mit ihrer Nationalmannschaft vertreten.

Im Gegensatz zu diesem aufgeblasenen Konzept steht das erkennbare öffentliche Desinteresse. Dies hat vermutlich mit der Coronakrise zu tun, aber auch mit dem eher durchschnittlichen Auftreten der deutschen Nationalmannschaft. Hinzu kommt vermutlich, dass viele Menschen, darunter auch Fußball-Fans, der vielen Skandale und der ständig steigenden Gier im Weltfußball immer mehr leid sind. Auch wird ein dezentral durchgeführtes Turnier wenig Identifikation erzeugen – den meisten Deutschen ist es vermutlich egal, dass vier Spiele in München stattfinden. Ein europäisches Sommermärchen ist nicht zu erwarten.

Hätte es den Deutschen vielleicht sogar wenig ausgemacht, wenn das Turnier dieses Mal abgesagt worden wäre? Doch kam das wahrscheinlich nie infrage – es läge nicht im Interesse des europäischen Fußballverbands, der UEFA.

Natürlich geht es bei der Fußball-EM um sehr viel Geld – trotz reduzierter Zuschauerzahlen. Aber ohne Zuschauer würde das Turnier vermutlich noch weniger Aufmerksamkeit und weniger Sponsorengelder (wenigstens für die Zukunft) erzeugen.
Konsequenterweise wurden von der UEFA die eingeplanten Städte, die eine Öffnung der Stadien nicht garantieren konnten, im Vorfeld des Turniers ausgeschlossen; dies waren Dublin und Bilbao, das durch Sevilla ersetzt wurde. Diese Maßnahme war Drohung genug, dass man in München vor einigen Wochen doch noch die Öffnung für Zuschauer zugesagt hat. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat vor wenigen Tagen 14.000 Zuschauer in München zugelassen – das ist derselbe Ministerpräsident, der in der Hochphase der Pandemie bundesweite Ausgangssperren forderte. Ebenso überraschend hat der Bundesinnenminister bereits im Vorhinein die Quarantäne-Regeln für die Mannschaften, die nach München müssen, aufgehoben. Die Politik steht stramm, wenn der Fußball-Funktionär spricht!

Es zeigt sich hier wieder einmal, dass allgemeine Regeln – selbst zum Gesundheitsschutz – nur solange gelten, wie die politischen Kosten der Durchsetzung kleiner erscheinen als diejenigen des Regelbruchs. Im Umgang mit dem Fußball – von der FIFA als Organisation des Weltfußball über die UEFA bis hin zum Deutschen Fußballbund – sind Regierungen immer wieder erstaunlich sehr nachsichtig. Die gerade im Weltfußball weitverbreitete Korruption wird nur von den Ländern verfolgt, in denen Fußball keine überragende Rolle spielt, zum Beispiel die Vereinigten Staaten (USA).



In Europa ist es genau umgekehrt. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit, also bei jedem wichtigen Turnierspiel, sieht man Regierungschefinnen und -chefs im Stadion neben dem FIFA-Präsidenten Gianni Infantino sitzen. Wäre er ein Manager der Stahlindustrie, würde sicherlich mehr Distanz gewahrt. Seit den Tagen der Saturnalien hat sich nicht viel geändert: Mit Brot und Spielen glaubt man, sich im politischen Alltag Vorteile zu verschaffen.

Das kann in der Regel auch gut funktionieren. Denn seien wir ehrlich. Wenn die Bundeskanzlerin beim Endspiel neben den Fußball-Oligarchen jubelt, stört das wenig; würde sie wegen Korruptionsverdachts verlangen, dass die deutsche Nationalmannschaft auf diese Chance verzichtet, wäre der Protest vermutlich groß. Insofern kann die Politik mit Hilfe des Fußballs unabhängig von der moralischen Haltung der dortigen Akteure gewinnen.

Das könnte dieses Mal anders sein. Das politische Risiko, sich den Anforderungen der UEFA so einfach zu beugen, ist für alle Regierungen in Europa sehr hoch. Man stelle sich einen beim Spiel in München oder Bilbao verursachten Corona-Ausbruch einige Tag nach einem Spiel vor. Danach würde wieder ein Lockdown thematisiert, der dann eindeutig mit der Europameisterschaft im Zusammenhang steht. Dann wäre der politische Nettonutzen eher negativ. Der Ärger der Bevölkerung über erneut abgesagte Urlaube und wieder verschobene Treffen mit Freunden wäre extrem hoch, von weiteren wirtschaftlichen Einbußen oder verhinderten Schulstunden ganz zu schweigen.

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Vor dem Hintergrund der im September anstehenden Bundestagswahl geht der bayerische Ministerpräsident ein hohes Risiko ein. Diese Risikoeinschätzung war vorher anders – eher waren die Politiker in Deutschland zu risikoscheu. Sie haben das Risiko durch Corona weit höher eingeschätzt als die Risiken für das Bildungswesen, die Wirtschaft und die psychologischen Folgen der Bevölkerung.

Man kann deshalb nur hoffen, dass nichts passieren wird, sondern die Spiele ohne eine gesteigerte Inzidenz an Corona-Fällen ablaufen werden. Dann hätte man den Beleg, dass die Risikofreude sich als richtig erwiesen hätte; das könnte dann für die nächste Welle vielleicht lehrreich sein. Und dann hätten außer der UEFA und der politischen Amtsinhaber auch die Bürger von der Europameisterschaft profitiert.

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