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Freytags-Frage

Wie gefährlich ist Ihre Weihnachtsgans?

Jedes Jahr werden in Deutschlands Tiermastanlagen rund 1.700 Tonnen Antibiotika verfüttert. Die Gefahr für die Menschen steigt, von resistenten Keimen befallen zu werden. Der Markt versagt, die Politik muss eingreifen.

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Hühner in einem Legebetrieb. Über Pute, Gans und Schwein nehmen Konsumenten oft Antibiotika zu sich Quelle: dpa

Nun steht wieder Weihnachten vor der Tür, und viele freuen sich auf besinnliche Tage mit opulenten Mahlzeiten im Familienkreise. Der Duft der Weihnachtsgans steigt quasi von selbst in die Nase; eine große Vorfreude liegt in der Luft.

Es gibt allerdings auch einige Wermutstropfen, einer bezieht sich explizit auf das Essen: Denn das Weihnachtsessen muss nicht notwendigerweise ein Genuss ohne Reue sein. Vor allem die Tierhaltung gibt Anlass zum Nachdenken. Jedes Jahr werden in Deutschlands Tiermastanlagen rund 1.700 Tonnen Antibiotika verfüttert, um die Stallbewohner gesund zu halten. Wem das zu abstrakt ist, der sei auf den Vergleich mit der Medizin verwiesen: Jährlich verwenden die Menschen etwa 700 bis 800 Tonnen Antibiotika als Medizin, gerade mal knapp die Hälfte dessen, was in den Ställen verfüttert wird. In Deutschlands Mastbetrieben sollen auch wesentlich mehr Antibiotika eingesetzt werden als anderswo. In den Niederlanden ist der Einsatz in den vergangenen Jahren sogar halbiert worden, während bei uns kein Trend erkennbar ist.

Wie man Antibiotika richtig einsetzt

Immer mehr Antibiotika sind wirkungslos

Dieses Vorgehen wird von Fachleuten für sehr bedenklich gehalten, weil es die Resistenz von Keimen erhöht und damit dazu beiträgt, dass Antibiotika immer häufiger nicht mehr wirken und damit die Gefahr für die Menschen steigt, von resistenten Keimen befallen zu werden. Die Anzahl der in Europa im vergangenen Jahr an bakteriellen Infektionen verstorbenen Menschen liegt Schätzungen gemäß bei über 25.000; die Tendenz ist offenbar stark steigend. Die Sepsis-Forschung boomt.

Fairerweise muss betont werden, dass die Tierhaltung nicht der einzige Grund für die zunehmende Resistenz von Keimen gegen Antibiotika ist. Dennoch ist die Größenordnung atemberaubend. Es wird vielfach befürchtet, dass die Folgen in Zukunft noch erheblich dramatischer sein werden.

Diese Lebensmittel sind Bazillen-Killer
Die kanadische Bevölkerung setzt Ahornsirup schon seit jeher gegen Infektionen ein. Quelle: Creative Commons Zero (CC0)
Pilze enthalten Stoffe, die Bakterien bekämpfen können. Quelle: Fotolia
Kohl ist in der Naturheilkunde für seine antibakteriellen und antientzündlichen Eigenschaften bekannt Quelle: AP
Honig enthält natürliche Stoffe, von denen man annimmt, dass sie gegen Bakterien wirken. Quelle: dpa
Viele Küchenkräuter entfalten antibakterielle Wirkung Quelle: Fotolia
 Gewürze können Bakterien abtöten oder in ihrem Wachstum hemmen Quelle: AP
Knoblauch wurde im Zweiten Weltkrieg auch "russisches Penicillin" genannt Quelle: REUTERS

Die Mastbetriebe schaden den Patienten

Also besteht Handlungsbedarf. Und tatsächlich sieht man, dass hier so etwas wie Marktversagen besteht. Denn die Tierhaltung erzeugt eine negative Externalität, die es zu beseitigen gilt. Durch die Verwendung von Antibiotika im Tierfutter schädigen die Geflügelfarmen und Schweinmastbetrieben die Patienten, ohne die Kosten dafür in Rechnung gestellt zu bekommen. In einem solchen Fall des Marktversagens ist es gerechtfertigt, dass der Staat eingreift. Dies kann durch eine Steuer geschehen, die auf den Einsatz von Antibiotika erhoben wird. Man spricht von einer Lenkungssteuer, denn die Steuer dient nicht in erster Linie zusätzlichen Steuereinnahmen; vielmehr soll der Einsatz der Antibiotika reduziert werden. Trotzdem anfallende Steuereinnahmen könnten dann in die Sepsis-Forschung oder die Erforschung neuer Antibiotika fließen.

Alternativ kann man die Verwendung von Antibiotika in der Tierzucht auch schlicht verbieten bzw. eine Reduktion vorschreiben; das muss natürlich kontrolliert werden (Kontrolle scheint in dem Sektor ohnehin nötig, also wären die Zusatzkosten gering). Die Gefahrenlage scheint es ja zu rechtfertigen.

Belohnung statt Strafe

Als dritte Option bleibt der Dialog. Dieser wurde offenbar mit Erfolg in den Niederlanden geführt. Geplant ist zudem ein System mit Belohnungen statt Strafen. Landwirte, die freiwillig den Antibiotika-Einsatz reduzieren, würden dann eine Zahlung erhalten.

Da die aus der übermäßigen Verwendung von Antibiotika resultierenden Probleme der resistenten Keime keineswegs an den nationalen Grenzen Halt machen, bietet sich überdies eine europäische Koordinierung an. Die Europäische Union (EU) sollte aktiv werden. Denkbar ist eine Richtlinie zur Reduzierung der pro Tier verfütterten Menge an Antibiotika. Die Form der Umsetzung (Steuer, Verbot, positive Anreize) wäre den Mitgliedsländern dann selbst zu überlassen.

Man fragt sich natürlich, warum nicht längst gehandelt wurde. Der wesentliche Grund dafür liegt vermutlich darin, dass die Preise für Fleisch bei einer Veränderung der Füttermethoden, die vermutlich auch automatisch die Intensität der Tierhaltung verringern würde, deutlich steigen müssten. Die Konsumenten spüren dies direkt. Möglicherweise verlieren auch einige der hiesigen Tiermastbetriebe an Wettbewerbsfähigkeit. Dann wären Arbeitsplätze in ansonsten eher strukturschwachen Regionen, z.B. dem Westen Niedersachsens, gefährdet. Dieses Argument sorgt selbst bei vielen Grünen für Schweigen.

Es geht um mehr als nur billige Putenschnitzel

Aus gesellschaftlicher Sicht ist diese Konsequenz der gestiegenen Preise und des Verlusts einiger Arbeitsplätze aber akzeptabel. Es geht um mehr als ein billiges Putenschnitzel zum Mittagessen. Die Zunahme von Resistenzen ist lebensbedrohlich für weite Teile der Bevölkerung und kann vermutlich jeden treffen, der an einer schweren antibiotisch zu behandelnden bakteriellen Infektion leidet.  Vorbeugung an dieser Stelle sollte der Gesellschaft einen Preis wert sein.

Deutschland



Man könnte sogar an dieser Stelle einen weiteren Diskussionsstrang öffnen, der mit dem Einsatz von Antibiotika indirekt zu tun hat. Fleisch ist bei uns generell nicht teuer, entsprechend hoch (und bisweilen ungesund) ist der Konsum. Preissteigerungen könnten zur Nachfragesenkung beitragen. Ein etwas geringerer Fleischkonsum würde nicht nur zur Gesundheit beitragen, sondern auch den zur Fütterung benötigten Getreideanbau reduzieren und zu weniger Ausstoß von klimaschädlichen Gasen führen. Geringerer Einsatz von Antibiotika wäre ein erster Schritt.

Das soll an dieser Stelle reichen. Genießen Sie trotzdem Ihren Weihnachtsbraten; ich werde es tun. Das heißt aber nicht, dass nicht schnell gehandelt werden sollte.

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