Freytags-Frage

Wie gravierend sind die Folgen von Altersarmut?

Die Aussicht auf Altersarmut in Deutschland in großem Ausmaß ist real. Was das für dramatischen Folgen hat, zeigt ein Blick nach Südafrika oder in die USA.

Wer bietet was?
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Viel ist im Moment von drohender Altersarmut mit steigender Tendenz für die Generation der Babyboomer die Rede, vermutlich zurecht. Wenig hört man hingegen davon, wie sich Altersarmut konkret ausdrückt und wer davon wie betroffen sein könnte. Zunächst einmal sollte geklärt werden, wie Altersarmut entstehen könnte und was man politisch dagegen tun könnte und sollte. Der wesentliche Grund für Altersarmut ist natürlich darin zu sehen, dass die Betroffenen in jüngeren Jahren zu wenig Einkommen erzielt haben, um eine angemessene Altersversorgung aufzubauen. Von Langzeitarbeitslosigkeit Betroffene können wenig in die Rentenkasse einzahlen, gleiches gilt für Geringverdiener.

Als wäre das Problem nicht schon schlimm genug für die Betroffenen und gesellschaftlich überaus drängend, kommt nun eine weitere bedrohte Gruppe hinzu, nämlich der Mittelstand. Anders gewendet: Es droht immer mehr Menschen die Altersarmut. Darunter dürften viele sein, die überhaupt nicht damit rechnen, weil sie einen attraktiven und gut bezahlten Arbeitsplatz haben und weil sie – auch eingedenk des demographischen Wandels – privat zusätzlich vorsorgen. Sie machen sozusagen alles richtig und haben ihre Lektion gelernt.

Die Rezepte der Parteien gegen Altersarmut

Allerdings könnte es sein, dass sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. In diesem Fall ist der Wirt eine fatale Mischung aus exzessiver Staatsverschuldung und einer diese akkomodierende Geldpolitik. Ergebnis dieser Kombination ist die sog. “financial depression“, d.h. eine dauerhaft negative Realverzinsung. Ein Beispiel: Wer heute 10.000 Euro für 10 Jahre zu einem Zins von 1,5 Prozent (aktueller Satz für 10-jährige Bundesanleihen) anlegt, erhält 11.605 Euro mit Zinseszinsen (ohne wären es nur 11.500) zurück.

Bei 2 Prozent Inflation kostet der Warenkorb, der heute für 10.000 Euro zu haben ist, 12.190 Euro. Der Verlust liegt also bei 585 Euro. Unter denselben Bedingungen und bei 20 Jahren Laufzeit liegt der Verlust schon 1.390 Euro. Rechnet man mit 2,5 Prozent Inflation, liegt der Verlust nach 10 Jahren bei 1295 Euro, nach 20 Jahren bei 2.899 Euro. In dreißig Jahren hat man sogar im zweiten Szenario sogar mehr als die Hälfte an Kaufkraft, nämlich 5.345 Euro, verloren.

So viel Rente bekommen Sie
DurchschnittsrentenLaut den aktuellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung bezogen Männer Ende 2014 eine Durchschnittsrente von 1013 Euro. Frauen müssen inklusive Hinterbliebenenrente mit durchschnittlich 762 Euro pro Monat auskommen. Quellen: Deutsche Rentenversicherung; dbb, Stand: April 2016 Quelle: dpa
Ost-Berlin mit den höchsten, West-Berlin mit den niedrigsten RentenDie Höhe der Rente schwankt zwischen den Bundesländern. Männer in Ostberlin können sich mit 1147 Euro Euro über die höchste Durchschnittsrente freuen. In Westberlin liegt sie dagegen mit 980 Euro am niedrigsten. Aktuell bekommen männliche Rentner: in Baden-Württemberg durchschnittlich 1107 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 1031 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 980 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1147 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 1078 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 1040 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 1071 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 1084 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 1027 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 1127 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 1115 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 1069 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 1098 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 1061 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 1064 Euro pro Monat Quelle: AP
Frauen mit deutlich weniger RenteFrauen im Ruhestand bekommen gut ein Drittel weniger als Männer. Auch sie bekommen in Ostberlin mit durchschnittlich 1051 Euro die höchsten Bezüge. Am wenigsten bekommen sie mit 696 Euro in Rheinland-Pfalz. Laut Deutscher Rentenversicherungen beziehen Frauen inklusive Hinterbliebenenrente: in Baden-Württemberg durchschnittlich 772 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 736 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 861 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 975 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 771 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 848 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 760 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 950 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 727 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 749 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 699 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 964 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 983 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 744 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 968 Euro pro Monat Quelle: dpa
Beamtenpensionen deutlich höherStaatsdienern geht es im Alter deutlich besser. Sie erhalten in Deutschland aktuell eine Pension von durchschnittlich 2730 Euro brutto. Im Vergleich zum Jahr 2000 ist das ein Zuwachs von knapp 27 Prozent. Zwischen den Bundesländern schwankt die Pensionshöhe allerdings. Während 2015 ein hessischer Staatsdiener im Ruhestand im Durchschnitt 3150 Euro ausgezahlt bekam, waren es in Sachsen-Anhalt lediglich 1940 Euro. Im Vergleich zu Bundesbeamten geht es den Landesdienern dennoch gut. Im Durchschnitt kommen sie aktuell auf eine Pension von 2970 Euro. Im Bund sind es nur 2340 Euro. Quelle: dpa
RentenerhöhungIm Vergleich zu den Pensionen stiegen die normalen Renten zwischen 2000 und 2014 deutlich geringer an. Sie wuchsen lediglich um 15,3 Prozent. Quelle: dpa
Reserven der RentenkasseDabei verfügt die deutsche Rentenversicherung über ein sattes Finanzpolster. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung betrug die sogenannte Nachhaltigkeitsrücklage Ende 2014 genau 35 Milliarden Euro. Das sind rund drei Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Rechnerisch reicht das Finanzpolster aus, um fast zwei Monatsausgaben zu bezahlen. Nachfolgend ein Überblick, mit welcher Rente die Deutschen im aktuell im Durchschnitt rechnen können: Quelle: dpa
Abweichungen vom StandardrentnerWer 45 Jahre in den alten Bundesländern gearbeitet hat und dabei den Durchschnittslohn verdiente, bekommt pro Monat 1314 Euro ausgezahlt. Bei 40 Arbeitsjahren verringert sich die monatliche Auszahlung auf 1168 Euro. Wer nur 35 Jahre im Job war, bekommt 1022 Euro. Quelle: Fotolia

Nun ist es noch nicht soweit, dass wir zwanzig oder mehr Jahre in der „financial repression“ leben, aber über zwei Jahre haben wir schon hinter uns, und die letzten Zinsbeschlüsse der EZB lassen keine Wende erwarten. Zumal die Erfahrungen in Japan lehren, dass ein immer stärker von niedrigen Zinsen abhängiger Staat hohe Zinsen um jeden Preis vermeiden muss. Zehn Jahre sind dann schnell ins Land gezogen.

Für viele Bürger könnte sich am Ende dieser Zeit der Sparplan oder die Lebensversicherung als unzureichend herausstellen, obwohl individuelle Pläne vorausschauend warten und die Lebensversicherungen oder andere Kapitalsammelstellen nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt haben.

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