Freytags-Frage

Wie stehen die Deutschen zur Bundeswehr?

Das G36 ist Teil einer Debatte um die Verteidigungsbereitschaft Deutschlands. Sie berührt nicht nur die Frage nach der Ausrüstungsqualität, sondern letztlich auch die Bedeutung, die wir der Bundeswehr zubilligen.

Bundeswehr-Soldaten in Kabul. Quelle: REUTERS

Es sah lange so aus, als wäre die Funktionsfähigkeit der Bundeswehr nachrangig geworden. Auf jeden Fall wurde sie so behandelt. Sowohl die Personalstärke als auch die Ausrüstung sind massiv heruntergefahren worden, Standorte sind aufgegeben worden. Strategische Überlegungen sind offenbar neu ausgerichtet worden. Gegner wurden (ausschließlich) außerhalb Europas identifiziert; der berühmte Verteidigungsfall am Hindukusch.

Zudem wurde die Wehrpflicht einfach ausgesetzt, formal abgeschafft wurde sie noch nicht. Die zunehmende Wehrungerechtigkeit, aber auch die offenbar fehlende Notwendigkeit eines großen stehenden Heeres (als Alternative zur flexiblen Eingreiftruppe) haben dazu beigetragen.

Nun sieht die strategische Lage in Europa anders aus als vor 10 Jahren. So ganz hat die russische Regierung sich dann doch nicht dazu entschließen können, Großmachtstreben aufzugeben und sich als ein gleichberechtigter Partner in Europa zu verstehen. Dadurch bedingt wird es wieder wichtiger, sich gegen Aggressionen von Osten her zu wappnen.

Kann man einfach den Status-Quo ante wieder herstellen? Also mehr Panzer, zurück zur Wehrpflicht für alle, Wiederöffnung alter Standorte? Das dürfte unmöglich sein. Denn die allgemeine Haltung zur Verteidigung scheint sich gewandelt zu haben. Weite Teile der Bevölkerung schätzen die Bundeswehr gering, sind gegen die Waffenindustrie eingestellt und lehnen verteidigungsbezogene Forschung ab. Diese Vorbehalte sind in gewisser Weise sachlich nachvollziehbar.

Die Debatte um das G36

Denn wenn erstens kaum noch ein junger Erwachsener bzw. seit einigen Jahren eine junge Erwachsene mit der Bundeswehr in Berührung kommt, wird diese mehr und mehr zum Fremdkörper im Land. Das war – durchaus gewollt – anders zur Zeiten der Wehrpflicht. Damals wurde aufgrund der Erfahrungen des Dritten Reichs mit einer sich unpolitisch gebenden, aber dabei umso stärker in die politischen Ziele der Diktatur eingebundenen Wehrmacht ein ständiger Austausch des Offizierkorps mit der Bevölkerung angestrebt; das Stichwort war Bürger in Uniform. Diese Strategie hat sich bewährt, die Zeit der deutschen Teilung wurde konfliktfrei durchlebt und überwunden; der Beitrag der Wehrpflicht (auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs) kann zwar nicht bemessen werden, sollte aber nicht ignoriert werden. Gelegentlich konnten auch die Wehrpflichtigen selber etwas für ihr Leben lernen, schon deshalb weil junge Männer aus unterschiedlichen Regionen und sozialen Gruppen zusammenleben mussten. Und wer aus Gewissensgründen den Dienst an der Waffe nicht verrichten konnte, hatte Alternativen.

Auch die Waffenindustrie kann durchaus kritisch betrachtet werden. Auf der einen Seite braucht ein Land zur Sicherung der eigenen Verteidigungsbereitschaft eigene Kapazitäten. Sich vollständig auf ausländische Anbieter zu verlassen, ist bei solch sensiblen Gütern nicht sinnvoll. Mit engen Verbündeten, zum Beispiel im Rahmen der Nato kann man natürlich die Rüstungsprojekte in Kooperation durchführen. Dieses Argument spricht stark für eine eigene Rüstungsindustrie.

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