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Freytags-Frage
Bernd Lucke und ein Student mit einem Anti-AfD-Pullover Quelle: dpa

Wie steht es um die Wissenschaft?

Die inhaltliche Auseinandersetzung trägt zur informierten Meinungsbildung bei. Die Wissenschaft und ihre Institutionen spielen dabei eine große Rolle. Krawall und Gewalt wie jüngst haben dagegen nichts an Unis zu suchen.

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Die Wissenschaft in Deutschland, aber nicht nur hier, ist ins Gerede gekommen. Ein niedergebrüllter Professor, der von einem studentischen Mob an der Arbeit gehindert wird, Plagiate in der Dissertation einer prominenten Politikerin, die dafür nur gerügt wird, und ein Politiker, dem das Diskutieren mit Studierenden an einer Universität verboten wird (während andere zugelassen werden), sind nur einige von vielen Beispielen für eine Krise der Wissenschaft.

Oder doch nicht? Denn dass Studenten ihre Professoren niederbrüllen oder mit anderen Methoden zum Schweigen bringen, ist in Deutschland nicht neu. Und es war schon mal schlimmer. Sowohl im dritten Reich als auch in der DDR gab es immer eilfertige Studenten, die ihre Professoren aggressiv bedrängt oder denunziert haben. Dies hatte durchgängig schwerwiegende Konsequenzen: Verlust der Professur, Haft, bis hin zum staatlich verordneten Mord.

Aber auch in der alten Bundesrepublik war der Ton gelegentlich recht harsch; die Achtundsechziger waren nicht durchgängig am gepflegten Diskurs zur Teestunde interessiert. Es ging auch dort „zur Sache“, allerdings nicht mit existenzbedrohlichen Konsequenzen für Professoren. Es ist auch nicht neu, dass abgeschrieben wird.

Wissenschaftliche Redlichkeit ist schon immer von einzelnen Wissenschaftlern vernachlässigt worden; Plagiate sind nicht neu und nicht auf Deutschland beschränkt. Wissenschaftliche Arbeiten wiesen immer schon eine große qualitative Bandbreite auf. Und dass Universitäten von politischen Akteuren beeinflusst werden sollen, ist auch nicht neu. Immer wieder versuchen einzelne Landespolitiker, die Besetzung einzelner Professuren zu steuern, die Forschungsfreiheit (Stichwort: Zivilklausel) oder eben die Redefreiheit einzuschränken. Nur selten allerdings bleiben solche Versuche unentdeckt; noch seltener werden sie durchgesetzt.

Wo also liegt das Problem? Nicht zuletzt durch die aggressiven Vorfälle einigen Professoren gegenüber scheint eine gewisse Unsicherheit zu bestehen. Das kann damit zusammenhängen, dass die Universitätsleitungen in einigen Hochschulen sich nicht sehr lautstark für die bedrohten Kollegen einsetzen. Das musste der Ökonom Bernd Lucke in Hamburg genauso wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler an der Humboldt-Universität erfahren. Herr Lucke wurde von militanten Studenten (der Begriff Studierende scheint hier unangemessen) an der Vorlesung gehindert, während studentische Aktivisten Herrn Münkler anonym beschimpften und seine Büroräume beschmierten.

Man hätte sich in beiden Fällen eine konsequente Reaktion der Universitätsleitungen gewünscht. Eine solche Reaktion hat die Präsidentin der Goethe-Universität in Frankfurt im Falle einer Konferenz zur Rolle des Kopftuches in der islamischen Welt gezeigt. Sie hat die Proteste als unwürdig bezeichnet und sich hinter die Institutsdirektorin gestellt, die die Tagung organisierte.

Es kann nicht sein, dass politische Meinungsverschiedenheiten innerhalb der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, die auch in der Wissenschaft omnipräsent sind – man erinnere sich, dass Herr Lucke seine politische Karriere mit einer völlig legitimen kritischen Position zur Währungspolitik begann –, zu verbaler oder körperlicher Gewalt führen. Auch die Forderung, bestimmte Auffassungen zu verbieten oder entsprechende Akademiker aus dem Amt zu entfernen, ist absurd.

An dieser Stelle sollten die Hochschulen auch in der Hochschulrektorenkonferenz zusammenarbeiten. Wenn die Hochschulen und ihre Leitungen in Sachen Freiheit der Wissenschaft eine gemeinsame Haltung entwickeln und nach außen transportieren, dürfte es den Krawallmachern zumindest erschwert werden, sich wie beobachtet daneben zu benehmen. Auch sollten die Universitäten ihr Hausrecht gegen solche Krawalle durchsetzen.

Damit ist nicht gemeint, dass die Studierenden ihre Auffassungen nicht vortragen sollen. Im Gegenteil, alle Studierenden sollten dazu ermuntert werden, die Aussagen der Lehrenden kritisch zu hinterfragen und in die Diskussion einzusteigen. Denn gerade in einer recht aufgeheizten politischen Stimmung können akademische Diskussionen eher beruhigend wirken. Universitäten sollten hier gesellschaftlich Vorreiter sein und relevante Fragen intelligent und mit Esprit diskutieren. Solche Diskussionen sollten in die Öffentlichkeit getragen werden. Themen gibt es genug: Wanderung, Zukunft Europas, Klimawandel, Strukturwandel und soziale Ungleichheit, um nur einige zu nennen.

Ein positives Beispiel ist die an einigen Universitäten in dieser Woche abgehaltene Public Climate School mit zahlreichen Diskussions- und Vortragsveranstaltungen, so auch in Jena, wo die Veranstaltungen gut besucht waren. Es ist richtig, dass Universitätsleitungen studentische Initiativen dieser Art unterstützen, weil sie zur Wissenserweiterung und informierten Meinungsbildung beitragen können. Sie sind im Übrigen auch ein Beleg dafür, dass die Wissenschaftsfreiheit hoch ist.

Als Fazit bleibt, dass die Freiheit der Wissenschaft ein kostbarer Wert ist, der immer in Gefahr ist und aufmerksam verteidigt werden muss. Allerdings sind hysterische Reaktionen auch nicht angesagt. Sachlichkeit, gebotene Härte gegen Krawallmacher und der Spaß an der inhaltlichen Auseinandersetzung sind eine gute Kombination zur Sicherung der akademischen Freiheit.

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