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Freytags-Frage
Beatmungsgeräte werden in Zeiten der Coronakrise knapp. Quelle: dpa

Wie stellt man die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern sicher?

Lebenswichtige medizinische Güter werden knapp und damit steigen deren Preise. Wie das in Zukunft vermieden werden kann.

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Im Zuge der Coronakrise wurden weltweit einige lebenswichtige medizinische Güter, darunter Geschichtsmasken und Beatmungsgeräte, knapp. Der Mangel übersetzte sich in steigende Preise und manch fragwürdige Aktion durch Käufer. Die Preissteigerungen bewogen zugleich zahlreiche Produzenten dazu, ihre Produktion auf die nachgefragten Güter umzustellen.

Das ist erst einmal positiv, denn je mehr neue Produzenten einsteigen, desto schneller fällt der Preis wieder. Trotzdem herrscht verbreitet Unbehagen darüber, dass lebensnotwendige Güter auf einmal soviel teurer geworden sind. Viele Beobachter und Kommentatoren sehen hier ein klares Marktversagen und fordern starke staatliche Eingriffe bis hin zur staatlichen Produktion solcher Güter mit umfassender Lagerbildung.

Ist es wirklich so einfach? Der Markt ist ein Instrument der Allokation von Gütern, Diensten und Ressourcen, das sich als das wirksamste Mittel dazu herausgestellt hat; er ist nicht per se moralisch oder unmoralisch. Es gibt immer Unternehmen, die die sich bietenden Vorteile einer Notlage für sich nutzen, aber viele tun es auch nicht. Es wäre in diesem Zusammenhang zudem überaus naiv, von chinesischen Produzenten, die eine enorm gestiegene Nachfrage aus der ganzen Welt (vor allem dem Westen) bedienen können, zu erwarten, dass sie die Situation nicht ausnutzen.

Wenn man sich die genauen Ursachen des Mangels ansieht, spricht viel dafür, das Problem als ein Staatsversagen aufzufassen. Es gab entweder keine guten Pandemiepläne, oder sie wurden nicht umgesetzt. Die Gefahr einer Pandemie war der Politik bekannt, entsprechende Hintergrundpapiere existieren. Bereits im Jahr 2012 hat der Bundestag eine Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-Sars“ unter Federführung des Robert-Koch-Instituts durchführen lassen. Das dort angesprochene Pandemie-Szenario war offenbar überhaupt nicht in den Köpfen der Akteure präsent.

Im Falle einfacher medizinischer Materialen wie der Gesichtsmasken ist die Bundesrepublik ein Importland. Es ist allerdings offenbar so, dass die Nachfrage nach diesen einfachen medizinischen Produkten auf wenige Anbieter vor allem aus China konzentriert ist. Dies ist nicht klug; es wäre viel klüger, die Bezugsquellen zu diversifizieren; dies gilt für Regierungen wie auch für Unternehmen Und es gilt für alle wichtigen Güter, ob Nahrungsmittel, fossile Brennstoffe, seltene Erden oder eben medizinische Produkte.

Diese beiden Faktoren, also die Unterschätzung des potentiellen Problems und die Konzentration auf wenige und regional gebündelte Anbieter, erklären die aktuellen Versorgungsengpässe recht gut. Was also ist zu tun, um eine solche Situation in Zukunft zu vermeiden?

Kommen wir zum Vorschlag der Autarkie, also der ausschließlichen Versorgung mit fraglichen Gütern aus heimischer Produktion. Bedenkt man, dass Mittel im Gesundheitswesen möglichst sparsam eingesetzt werden sollten (um möglichst vielen Menschen möglichst gut helfen zu können), spricht viel dafür, Produkte dort zu kaufen, wo sie am preisgünstigsten hergestellt werden. Das ist bei den genannten Gütern in Deutschland nicht der Fall. Kauft man sie hier, hat das Gesundheitswesen weniger Mittel für andere – möglicherweise genauso lebenswichtige – Güter und Dienste zur Verfügung. Somit spricht nichts dafür, als Reaktion auf die Krise mit künstlichen Maßnahmen wie Handelsbarrieren die Lieferketten auf Europa oder gar Deutschland zu beschränken. Wichtig ist der Wettbewerb und die Diversifizierung. Wenn es genügend Wettbewerb auf den (Welt)-Märkten gibt, spricht nichts dagegen, auch weiterhin auf globale Wertschöpfungsketten zu setzen. Es wäre zudem ein fatales Signal von einer Exportnation, in einigen Bereichen auf Autarkie zu setzen.

Eine zweite oft angesprochene Strategie ist eine stark erhöhte Vorratshaltung mit dem Ziel, auf zukünftige Krisen vorbereitet zu sein. Auch dies ist nicht einfach möglich. Man bindet erhebliche Ressourcen, die anders möglicherweise sinnvoller eingesetzt sind. Zudem veralten viele Technologien recht schnell, so dass große Vorräte schnell wertlos werden könnten. Es nützt nichts, teure Geräte in großer Stückzahl zu erwerben, die in wenigen Jahren nicht mehr zur Anwendung kommen könnten. Außerdem ist es eine Eigenschaft von Krisen, unerwartet zu sein und die Menschen beziehungsweise die Politik unvorbereitet zu treffen. Es ist also keineswegs garantiert, dass wir uns mit gezielter Lagerhaltung auf die „richtige Krise“ vorbereiten.

Es wird also darum gehen, einen klugen Mix von nationaler Bevorratung, diversifizierten möglichst langfristigen Abnahmeverträgen für lebenswichtige Güter und internationalen Abkommen auf der Ebene der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu finden. Das kann sehr wohl eine europäische Aufgabe sein. Denkbar sind folgende Strategien:

  • Erstens können Regierungen Krankenhäuser bei Verhandlungen mit ausländischen Lieferanten unterstützen. Sie könnten sogar in Betracht ziehen, zentrale Einkaufsagenturen zu gründen. Im Idealfall konkurrieren mehrere – staatliche oder private – Agenturen pro Land um die Bestellungen der Krankenhäuser. Dies könnte helfen, Interessenkonflikte oder Korruption zu vermeiden.
  • Zweitens kann ein langfristiger Vertrag mit mehreren Lieferanten vor Abhängigkeiten schützen. Auch hier kann der Staat den medizinischen Sektor wie oben gezeigt unterstützen.
  • Drittens bleibt die Bevorratung eine gute Idee, wenn die Bestände regelmäßig genutzt und nachgefüllt werden. Die Regierung kann darüber Verträge mit Krankenhäusern schließen. Dadurch kann das Problem der Überalterung der Lagerbestände zumindest bis zu einem gewissen Grad gemildert werden.

Neben nationalen Strategien gibt es Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit, sei es auf regionaler oder globaler Ebene. Erfahrungen in der Europäischen Union können zur Organisation solcher Prozesse beitragen.

  • Erstens können Lagerbestände für eine Gruppe von Ländern aufgebaut werden, sodass der Umschlag der gelagerten Güter höher und das Risiko einer Überalterung geringer ist. Die Ländergruppen könnten aus einer Mischung von Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern bestehen, wodurch die Risiken für Entwicklungsländer gemindert und Entwicklungszusammenarbeit angeboten werden. In einer weltweit gleichzeitigen Krise wie der, die wir derzeit erleben, wird dies jedoch nicht helfen. Trotzdem werden die Kosten gesenkt und Vertrauen geschaffen.
  • Zweitens kann es möglich sein, dass Länder entweder in den oben genannten Gruppen oder in anderen Zusammensetzungen Koalitionen bilden und gemeinsame Forschungsprojekte finanzieren, wodurch die Belastung der einzelnen Länder erneut verringert wird. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann solche Initiativen unterstützen und koordinieren, ohne den nötigen Wettbewerb zwischen Forschungsteams zu beeinträchtigen.
  • Darüber hinaus kann die Welthandelsorganisation (WTO) helfen, indem sie genehmigte Subventionen für FuE-Ausgaben klar definiert. Auch hier können die Probleme der Entwicklungsländer berücksichtigt werden.

Dies sind einige Vorschläge, für deren Realisierung einige Entscheidungsträger über ihren Schatten springen müssten. Falsch wäre es aber, von deutscher oder europäischer Autarkie zu träumen – wir brauchen eine breite Streuung der Versorgungsquellen und schnelle Rektionsmöglichkeiten bei kurzfristigen Nachfragsteigerungen für einzelne Güter aufgrund einer Krise. Das erfordert internationale Kooperation und Vertrauen.

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