Freytags-Frage

Wo steht Deutschland 25 Jahre nach der Wiedervereinigung?

Am Samstag feiert Deutschland den 25. Jahrestag der Wiedervereinigung – und noch immer ist der Prozess nicht vollendet. Zeit, mit einigen Klischees über arrogante Wessis und schmarotzende Ossis aufzuräumen.

Wo steht Deutschland 25 Jahre nach der Wiedervereinigung? Quelle: dpa

Im Vorfeld des Jubiläums der Wiedervereinigung am 3. Oktober feuern die Fernsehkanäle aus allen Rohren. Zeitzeugen kommen zu Wort, die alten Bilder wecken Erinnerungen, und aus verschiedenen Perspektiven wird Bilanz gezogen. Wie fällt diese Bilanz im Großen und Ganzen aus?

Natürlich sieht es jeder anders; deshalb muss eine solche Bilanz vor dem Hintergrund der realistisch bestehenden Möglichkeiten gezogen werden. In dieser Kolumne geht es dabei ausschließlich um das Verhältnis zwischen Ost und West und die daraus folgenden wirtschaftspolitischen Schlüsse. Allgemeine wirtschaftspolitische Befunde bleiben weitestgehend ausgeblendet; mit Blick auf Demographie, Sozial- und Europapolitik fiele das Urteil nämlich etwas nüchterner aus.

Also: Das Wort von den „blühenden Landschaften“ in bereits wenigen Jahren war natürlich zu optimistisch; dennoch überwiegt das Positive.

  • Zum Ersten haben sich all diejenigen geirrt, die fürchtet hatten, das wiedervereinigte Deutschland würde ein nationalistisches und größenwahnsinniges Deutschland werden. Es ist vielmehr in den vergangenen 25 Jahren gelungen, mit Verantwortungsbewusstsein und Augenmaß die relative Stärke (vor allem in Europa) einzusetzen. Wenn man etwas kritisieren kann, dann vielleicht die bisweilen zu zögerliche Haltung deutscher Regierungen bei der Unterstützung von Krisenregionen und der Lösung internationaler Konflikte. Hinzu kommt ein etwas verstörendes Verhältnis einiger Deutscher zur Demokratie und deren Institutionen (Stichworte sind etwa „Lügenpresse“ oder „Volksverräter“) sowie zur Sozialen Marktwirtschaft. Die rechtsstaatlichen Institutionen sind offenbar ein wenig vernachlässigt worden und bedürfen der Stärkung.
  • Zweitens kann die Stimmung nur als gut bezeichnet werden. Obwohl die Menschen in Ost und West durchaus unterschiedlich denken, weil sie in ganz unterschiedlichen Umfeldern aufgewachsen sind, haben sie vieles gemeinsam. Auf jeden Fall kann man als Westdeutscher gut im Osten leben, wie ich es seit nunmehr zwölf Jahren tue.

So verschieden sind Ost und West

  • Drittens haben die Reparaturarbeiten nach über 40 Jahren Sozialismus den neuen Ländern optisch sehr gut getan. Die Umweltqualität ist hoch, die Infrastruktur ist gut (zum Teil besser als im Westen), die Bauten sind zum Großteil renoviert. Äußerlich hat der Osten stark aufgeholt, an einigen Stellen den Westen sogar überholt (dieses Mal mit Einholen!).
  • Viertens hat der Osten auch einen Großteil der Produktivitätslücke zum Westen aufgeholt. Es war zwar nicht exakt zu berechnen, doch dürfte der Rückstand im Jahr 1990 riesig gewesen sein. Realistisch betrachtet dürfte die totale Faktorproduktivität damals in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) bei weniger als einem Drittel der alten Bundesrepublik gelegen haben. Heute sind es zwischen 75 und 80 Prozent.
  • Dieser noch bestehende Rückstand kann fünftens nicht mit der Arbeitsproduktivität der Menschen erklärt werden. Diese dürfte in Ost und West etwa gleich sein. Die Ausbildung in Betrieben und an Hochschulen aller Art ist von ähnlicher Qualität, was man daran erkennt, dass die Absolventen ostdeutscher Ausbildungsstätten ähnlich gute Chancen am (internationalen und nationalen) Arbeitsmarkt haben, wie diejenigen aus dem Westen. Die Gründe liegen vornehmlich in der Konzentration der Firmensitze und Forschungszentren in den alten Ländern; dies zu ändern wird dauern.
  • 1
  • 2
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%