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Friedrich Merz und sein Vermögen Kann ein Millionär Kanzler werden?

Friedrich Merz reagiert verdruckst, wenn‘s um sein Vermögen geht – offenbar, weil er die deutsche Neidgesellschaft fürchtet. Zu Recht? Neidforscher Rolf Haubl über den richtigen Umgang mit Millionen in der Politik.

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Rolf Haubl ist Professor für Sozialpsychologie, er forscht unter anderem zu Emotionen wie Neid und Angst. Er war Geschäftsführender Direktor des Sigmund-Freud-Instituts und Professor an der Goethe-Universität Frankfurt, seit 2014 ist er emeritiert.

WirtschaftsWoche: Herr Haubl, mit Friedrich Merz bewirbt sich ein Millionär für den CDU-Vorsitz. Ist sein Reichtum eher ein Nachteil- oder ein Vorteil für die Kandidatur – oder spielt Geld keine Rolle? 
Rolf Haubl: Sicher spielt das Geld eine Rolle, wenn der Kandidat so vermögend ist, positiv wie negativ: Manche Leute werden damit kein Problem haben, sich vor dem Kapital sogar verneigen. Andere Menschen fragen dagegen skeptisch, ob ein Millionär auch Politik machen wird für diejenigen, die kaum über die Runden kommen. Um die Neiddebatte kommt Friedrich Merz nicht herum.

Merz würde sie offenbar gerne vermeiden. Angesprochen auf sein Vermögen hat er sich mal als „gehobene Mittelschicht“ bezeichnet. Eine gute Strategie?
Solchen Fragen zu seinem Vermögen muss er sich stellen. Denn es ist ja eher ungewöhnlich, dass ein Millionär Kanzler werden will. Sonst ist der Weg eher andersherum: Erst ist jemand Spitzenpolitiker, dann wird er Millionär über Aufsichtsratsmandate, Lobbyarbeit oder lukrative Auftritte als Redner.

Wobei auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück als Honorarmillionär kritisch befragt wurde, eine Debatte über den angemessenen Preis für eine Flasche Pino Grigio inklusive.
Als Bundestagsabgeordneter musste Steinbrück seine Nebeneinkünfte offenlegen. Merz aber war jetzt 20 Jahre raus aus der Politik, er hat sein Geld verdient mit Aufsichtsratsmandaten und bei der Firma Blackrock. Und jetzt will er Politiker werden, ohne als Politiker qualifiziert zu sein.

Moment, er war Mitglied des Europäischen Parlaments, des Bundestags und Fraktionsvorsitzender der Union. Und seine langjährige Erfahrung in der Wirtschaft sehen Unterstützer ja gerade als großen Pluspunkt.
Aber auch Merz wird im Falle einer Wahl noch transparenter mit seinen Einkommen aus der Zeit vorher umgehen müssen. Er muss sich fragen lassen, wo das Geld herkommt und was damit passiert, wenn er Kanzler wird.

Für Blackrock ist Merz seit rund einem Jahr nicht mehr tätig, auch andere Aufsichtsratsmandate ruhen. Sollte er mit seinem Vermögen dennoch offensiver umgehen - oder fürchtet er die deutsche Neidgesellschaft zu Recht?
Ach, die neidischen Deutschen, das ist so ein Klischee, das gerne bedient wird. Aber ich mahne zur Vorsicht mit dem Begriff, denn dazu mangelt es an Daten und Forschung, ob das überhaupt stimmt.

Auch andere Politiker sorgen sich offenbar vor den Reaktionen zu ihrem Einkommen: Steinbrück nannte sich damals einen „ehrbaren Kaufmann“, Finanzminister Olaf Scholz wollte sich neulich nicht als reich bezeichnen, sondern meinte, mit seinem Gehalt von 16.000 Euro „gut“ zu verdienen. Woher kommt der verdruckste Umgang mit dem Geld – nicht nur bei Politikern?
Hinter der Neiddebatte steht die Gerechtigkeitsfrage. Der eine Mensch ist Millionär, der andere kommt gerade so über die Runden. Ist das gerecht? Wie kommt es zu solchen Differenzen? Das reizt aber nicht nur diejenigen, die vielleicht weniger Geld haben, sondern es zieht sich durch alle Schichten. Das ist in der Geldpsychologie ganz spannend: Was ist viel Geld? Und wann ist es zu viel Geld?

Rolf Haubl Quelle: Goethe-Universität Frankfurt/Uwe Dettmar

Haben Sie die Antwort?
Reich ist sicher derjenige, der nicht mehr arbeiten muss und jeden Monat seinen monatlichen Scheck bekommt, von dem er gut leben kann. Aber wenn sie nun jemanden fragen, der 200 Millionen Euro hat, dann sagte er vielleicht auch, dass er nicht so viel Geld hat, wenn sein Nachbar mit 400 Millionen Euro winkt.  

Macht es bei der Gerechtigkeitsfrage einen Unterschied, ob jemand sein Vermögen geerbt, als mittelständischer Unternehmer verdient oder durch seine Tätigkeit für einen Vermögensverwalter bekommen hat?
Bedingt. Die Nachkriegszeit in Deutschland war geprägt von einem hohen Arbeitsethos. Reichtum, der mit Blut, Schweiß und Tränen erarbeitet wurde, ist deshalb eher legitimiert. Das prägt unsere Gesellschaft ja bis heute, denn noch immer wird im Vergleich wenig Geld in Aktien gesteckt, wodurch man ja von der Arbeit anderer profitiert. Wobei sich diese Zurückhaltung und Risikoscheu mit der Generation Bitcoin jetzt sicher ändert.

Ist man denn weniger neidisch, wenn jemand auf die vermeintlich ehrlichere und gerechtere Art zu Reichtum gekommen ist?
Ein solches Gerechtigkeitsgefühl kann Neid zwar dämpfen, aber nicht verschwinden lassen. Ob der Nachbar lange Zeit für ein tolles Auto gespart hat oder es sich von einem Millionengewinn gekauft hat, macht am Ende keinen Unterschied. Man ist und bleibt neidisch auf dieses Auto, das man gerne hätte. Neid ist leider eine verflixte Sache, die sich nicht an die Argumente der Gerechtigkeitstheorie hält.

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In den USA wirkt der Umgang mit Geld weniger verkrampft. Präsidentschaftskandidaten müssen dort sogar Millionär sein oder zumindest Spenden in Millionenhöhe einsammeln, um ihren Wahlkampf überhaupt finanzieren zu können. Sind Amerikaner weniger neidisch?
Das ist auch so ein Klischee, dass Amerikaner angeblich keinen Neid kennen. Das kann ich aber nicht bestätigen von den wissenschaftlichen Daten. Risikoaffiner sind Amerikaner allerdings, wie beispielsweise Studien mit Investmentbankern zeigen, unter denen die Deutschen eher zur Zurückhaltung tendieren. Das hat aber auch historische Gründe, dieses Frontier-Verhalten, das in den Westernfilmen so gerne bedient wird: Der Amerikaner, der sich mit dem Gewehr in der Fellmütze in den Wald schlägt, immer auf der Suche nach dem nächsten Stück Land, das es zu erobern gibt. Ein Beamtentum wie in Deutschland gibt es in den USA dagegen nicht.

Aber dann ist doch ein Millionär als Kanzler vielleicht gerade die große Chance für Deutschland?
Das glaube ich nicht. Gerade nach der Coronakrise braucht es jemanden zur Restabilisierung, jemanden, der die damit verbundenen Gerechtigkeitsfragen auch glaubwürdig beantworten kann. Dafür muss man auch mal in Ruhe seine Gedanken entfalten können, ohne sofort beleidigt zu sein, wenn die Republik mal nicht gleich auf einen anspringt.

Was ist dann also Ihr Tipp für die CDU-Spitze?
Merz bekommt sicher seine Prozente, aber ich denke, dass am Ende Norbert Röttgen gewinnt.

Mehr zum Thema: Würden Sie sich als reich bezeichnen? Olaf Scholz verneinte die Frage im TV. Ist er denn reich? Und darf sich Merz zur „oberen Mittelschicht“ zählen?

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