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Führungsstile „Meistens setzt sich in solchen Situationen der autoritäre Typ durch“

Es wird ernst in der K-Frage: Setzt sich Armin Laschet oder Markus Söder durch? Quelle: dpa

Armin Laschet und Markus Söder vereine der Machtwille, aber ihre Führungsstile unterscheiden sich erheblich, sagt Gerhard Roth. Im Interview erklärt der Neurobiologe, welche Stärken der Konsenssucher und der Autoritäre haben – und warum sich keiner von beiden mehr ändern wird.

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Gerhard Roth ist Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen und berät Unternehmen und Führungskräfte. 

WirtschaftsWoche: Herr Roth, wo sehen Sie die größten Unterschiede in den Führungsstilen von Armin Laschet und Markus Söder? 
Gerhard Roth: Ich sehe da zuerst eine große Gemeinsamkeit: Beide sind ganz offensichtlich machtorientiert, ihnen geht es um Einfluss und Status. Und keiner gibt in der aktuellen Situation nach. Wenn man diesen Aspekt weglässt, kann man bei ihnen aber sehr unterschiedliche Führungsstile beobachten. 

Die wären? 
Markus Söder hat eher einen autoritären Stil. Er macht eine Ansage und dann wird das so gemacht. Er steht dafür, keine Zeit zu verlieren und zu handeln. Armin Laschet sucht dagegen den Kompromiss, er lässt sich Zeit, um mit allen zu reden und einen Konsens zu bilden. 

Und welcher ist nun der bessere Stil? 
Ich befürchte, dass in der aktuellen Situation keiner von beiden viel durch seinen Führungsstil gewinnen kann. Einer Führungskraft vertraut man nur, wenn sie ihre Kompetenz bewiesen hat. Derzeit wird die Regierungsfähigkeit von Politikern vor allem danach beurteilt, wie gut sie die Corona-Lage in ihren Ländern beherrschen. Und da scheint mir das Bauchgefühl der Deutschen zu sein, dass weder Laschet noch Söder das optimal gelöst haben. Söders Entschiedenheit gerät dann eher zu Aktionismus. Und Laschets Konsensdenken macht ihn dann zum zu weichen Zauderer. Dabei können beide Führungsstile in unterschiedlichen Situationen sehr zielführend sein. 

Eine Kreuzung aus Laschet und Söder wäre also der ideale Kanzlerkandidat der Union?
Eigentlich schon. Herr Söder macht gerne Ansagen, ist aber vielleicht kein guter Vermittler. Herr Laschet ist konsensbedürftig, aber wenn er jetzt auf den Tisch haut, wirkt er unglaubwürdig. Doch das in derselben Brust vereint zu sehen, kommt sehr selten vor. Und ändern wird sich so schnell auch keiner der beiden mehr. Söder ist mit der Ansagetaktik immer gut gefahren. Der Konsenssucher Laschet auch. Beide haben ihr Etikett, das werden sie nicht ändern. 

Was wäre die Lösung?
Bei der Personalauswahl in Unternehmen wäre die erste Frage: Brennt die Hütte oder haben wir Zeit? Suchen wir einen Vorstandsvorsitzenden für eine Firma, in der unbedingt etwas verändert werden muss, kann man keine Person gebrauchen, der die nächsten drei Jahre Konsens sucht. Aber will man eine Organisation grundlegend umstrukturieren, dann geht das nicht per Anordnung, nur mit Konsens und Geduld. 

Und nun? 
Eigentlich müssten sich die beiden zusammenraufen, aber die Machtfrage verhindert das. Meistens setzt sich in solchen Situationen der autoritäre Typ durch. Aber wir sprechen hier ja auch nicht über normale Personalentscheidungen im Unternehmen, sondern über Politik. Im Fall von Markus Söder bleibt die Frage, ob das von den Bürgern akzeptiert wird. 

Der autoritäre Chef galt eigentlich als Auslaufmodell, zumindest in modernen Organisationen. Markus Söder genießt aber seit Ausbruch der Pandemie ein neu gewonnenes Ansehen, auch über Bayern hinaus. Wie passt das zusammen?
Die Wahrheit aus den Unternehmen scheint zu sein: Die mittlere Führungsschicht ist durchaus aufgeschlossen für neue und kooperative Formen der Führung. Aber ganz oben, da herrscht oft einfach der Machterhalt. Da will man nicht agil arbeiten, weil man damit Einfluss verliert.



Söder und Laschet unterscheiden sich auch im äußeren Auftreten. Was leiten Sie daraus ab?
Es kommt nicht nur darauf an, was die Leute sagen, sondern auch wie sie es sagen. Der Redestil, die nonverbale Kommunikation, also Mimik und Gestik steuern die rechte Gehirnhälfte und das limbische System der Zuhörer an und sie spielen eine große Rolle. Sie machen in etwa 70 Prozent der effektiven Kommunikation aus und davon hängt auch ihre Glaubwürdigkeit ab. 

Wie meinen Sie das?
Die Mimik lässt sich willentlich nur über wenige Minuten steuern. Danach verrät man sich zunehmend. Bei Laschet entsteht bei mir tatsächlich der Eindruck des Konsenssuchenden. Söder versucht dagegen, den großen Macher zu spielen. Ob er das wirklich ist, sei dahingestellt. 

Ist es ratsam, etwas vorzuspielen, was man nicht ist?
Nein, und das sollte jede Führungskraft wissen: Versuch nicht unaufrichtig zu sein, die Leute kommen dir sehr bald auf die Schliche. Nur große Schauspieler und Demagogen können das, aber normale Menschen sollten nicht die Rolle spielen, die sie möchten, sondern die, die anstrengungslos gelingt. Man kann nicht über längere Zeit authentisch wirken, ohne es zu sein. Das nehmen die Leute intuitiv wahr: Der spielt den großen Macker, aber ist es gar nicht. 

Markus Söder hatte in den vergangenen Jahren viele verschiedene Gesichter gezeigt. 
Mir sagte kürzlich jemand: Söder ist ein Avatar. Der immer so zusammengebaut wird, wie es den Leuten gerade passt. Und gerade gibt Söder den starken Entscheider und das scheint anzukommen. Ich selbst kann und will mir in diesem Punkt kein Urteil erlauben.

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Schimmert in Söders Beliebtheit auch eine Sehnsucht nach Komplexitätsreduktion durch? 
Komplexitätsreduktion ist in der Öffentlichkeit absolut notwendig. Sie können nicht in jeder Rede ihre ganze Philosophie ausbreiten. Nehmen wir Corona: Man kann einzelne Fakten vernünftig erklären, aber die ganze Komplexität kann man nicht darstellen und sie lässt sich auch nicht durch die Zuhörer überprüfen. Dann kommt es nur darauf an, ob man glaubwürdig ist. Und ob man in der Vergangenheit Dinge gesagt, die so eingetreten sind oder eben nicht.

Mehr zum Thema: Laschet will. Söder will. Aber wen will die Wirtschaft? Bei der Frage, wer Kanzlerkandidat der Union werden sollte, legen sich erste Unternehmer fest.

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