G7-Gipfel Merkels (fiktive) Mut-Rede

In Oberbayern gipfelt das Treffen der mächtigsten Politiker in einer Floskelschlacht – inhaltliche Ergebnisse bleiben bei G7 aus. Wir dokumentieren aber eine fiktive Bilanz der Bundeskanzlerin – wie sie hätte sein sollen.

G7-Gipfel 2015 Quelle: dpa

Selbst Gipfel-erprobte Journalisten haben solch einen gewaltigen Aufwand noch nie gesehen: Fast an jedem Tannenbaum auf dem Weg zum Schloss Elmau wacht ein Polizist. Die vielen tausend Polizeiautos auf dem Weg zum G7-Tagungsort könnte das menschliche Hirn kaum zählen, wenn es denn nötig wäre. Am Vortag haben sie die Medien gar per Bundeswehr-Helikopter in die Berge geflogen – aus Angst, Demonstranten könnten die Straße blockieren und die schöne PR-Show der Mächtigen gefährden.

Die größten Baustellen der G7

Indes beschleicht einen das Gefühl: Dieses Brimborium könnte in massivem Kontrast stehen zu den inhaltlichen Ergebnissen am Ende des Gipfels. Die Klassenfahrt von sieben mehr oder weniger mächtigen Staats- und Regierungschefs ist thematisch völlig überfrachtet. Hinzu kommen eklatante Meinungsverschiedenheiten – etwa Japan und Deutschland beim Thema Klimaschutz.

Die Erwartungen sind also überschaubar, als einige hundert Journalisten neben Schloss Elmau in einem eilig bemalten Wellblechcontainer-Fertigbau-Pressezentrum auf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warten. Doch dann geschieht das: Die Kanzlerin kommt, legt ihre Hände zur Raute – und redet Klartext! Hier dokumentieren wir die Worte, die die G7 aus der Bedeutungslosigkeit holen:

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Journalistinnen und Journalisten,

herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft, die schönen Bilder unseres pompös inszenierten G7-Gipfels auch dieses Jahr in die Welt zu senden. Ich weiß, Sie hegen inhaltlich keinerlei Erwartungen an diese Veranstaltung haben und wären vermutlich am liebsten schon längst wieder zuhause bei Ihren Familien.

Aber dieser Gipfel hier im wunderschönen Oberbayern soll ein ganz anderer werden, ich würde fast sagen, und ich sage das nicht oft: ein historischer Gipfel. Wir als Staats- und Regierungschefs führender westlicher Industriestaaten haben uns ehrlich ausgetauscht und beschlossen: Wenn wir als westliche Wertegemeinschaft weiterhin weder fähig noch bereit sind zu mutiger und  einheitlicher Politik – dann überholen uns die Chinesen, was Einfluss in der Welt anbelangt, eher morgen als übermorgen.

Es ist Zeit, zu handeln! Die Krisen in der Welt breiten sich ungebremst aus, die Schulden drohen uns zu erdrücken, die Spekulation an den Finanzmärkten nimmt Überhand, während dies und die Erderwärmung die ohnehin schon Armen in der Welt noch ärmer macht. Wir wissen, dass wir mit unserem einen Drittel der weltweiten Wirtschaftskraft nur noch in ausgewählten Nischen globalen Einfluss haben – aber dort wollen wir ihn nutzen. Und wenn wir wie in der Klimapolitik nicht mehr genug Kraft haben, was Regelsetzung weltweit anbelangt, dann wollen wir doch als Vorbild für den Rest der Welt vorangehen. Oder es wenigstens versuchen.

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