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G7 in Oberbayern Polizisten sollen zu Touristen werden

Der Trubel des G7-Gipfels mag dem Tourismus in Garmisch-Partenkirchen schaden. Aber die Bürgermeisterin bemüht sich mit raffinierten Methoden, den Mega-Event fürs Image der Stadt zu nutzen.

Am Zug der Zugspitze herrscht seit Wochen der Ausnahmezustand. Quelle: REUTERS

Als damals durchsickerte, die Bundesregierung wolle das oberbayrische Schloss Elmau für den Gipfel der mächtigen Industriestaaten buchen, schoss Sigrid Meierhofer sofort in den Kopf: „Naja, dann kriegen wir ja doch noch unsere Olympiade.“ Das war im Januar 2014. Die Ärztin, die ein paar Monate später für die SPD ins Bürgermeisteramt einziehen sollte, wusste damals schon: Der Gipfel wird zur Belastungsprobe für den heilklimatischen Kurort und seine 26000 Einwohner.

Seit Wochen herrscht Ausnahmezustand am Fuße der Zugspitze: Rund 4000 Demonstranten campieren rund um das weiträumig abgesperrte G7-Gelände im benachbarten Nobelschloss Elmau. 17.000 Polizisten aus ganz Deutschland bewachen die Mächtigen. Touristen kommen schon seit Mai kaum mehr in die Ferienregion – stattdessen nisten in der Eissporthalle mehr als 3000 Journalisten, die vom Kurbeitrag befreit sind und kostenlos verpflegt werden.

Doch von der wahnsinnigen Aufmerksamkeit der Welt wollten sie im Rathaus von Anfang an maximal profitieren. „Wir möchten für jeden ein guter Gastgeber sein“, sagt Sigrid Meierhofer. Denn auch Journalisten und Polizisten seien potenzielle Touristen. Mit raffinierten Methoden verfolgt sie das Ziel, sie irgendwann wieder in die Stadt zu locken – als zahlende Touris. Darum haben Mitarbeiter des Tourismusverbands allen Polizisten Prospekte und historische Postkarten ins Zimmer legen lassen. Journalisten drücken sie einen USB-Stick mit Bildern in die Hand. Der Bergbahn-Betreiber hat das Catering im Pressezentrum übernommen, und es schmeckt dort wahrlich sehr gut.

Die Bürgermeisterin macht einen gelassenen Eindruck, als sie am frühen Nachmittag Zeit für eine Tasse Kaffee findet. „Ich glaube, der G7-Gipfel ist ein Gewinn für Garmisch-Partenkirchen“, sagt sie nun vorsichtig. Am Vormittag war sie mit dabei im Nachbardorf Krün, wo US-Präsident Barack Obama vor traumhafter Bergkulisse eine halbe Stunde Bier trank. Es sind Bilder entstanden, die die Mächtigen für ihre inhaltslose Selbstinszenierung nutzen wollen – ihr Trittbrettfahrer aber ist die Tourismusregion: „Natürlich tragen diese Bilder dazu bei, dass wir in der Welt ein bisschen bekannter werden“, freut sich Meierhofer.

Die größten Baustellen der G7

Entscheidender als schöne Bilder aus dem abgeschirmten Raum ist indes, dass die Proteste gegen G7 ruhig bleiben. Danach sieht es im Moment aus – allerdings erst seit der friedlich verlaufenden Kundgebung am Samstagnachmittag. Die Rathauschefin hatte das Schlimmste befürchtet. Die blutigen Proteste bei der EZB-Eröffnung in Frankfurt im Hinterkopf, hatte Meierhofer das Protest-Camp auf einer Wiese vor der Stadt verboten. Doch das bayrische Verwaltungsgericht nahm das Verbot zurück.

Die SPD-Politikerin musste sich plötzlich mit den Demonstranten arrangieren. Was in der Stadt gar nicht gut ankam. Viele Einzelhändler vernagelten ihre Geschäfte, kaum ein Laden blieb am Samstag während der Demo geöffnet, manche Einwohner flohen gar aus Angst vor Krawallen aus der Stadt – und die Touristen machten sowieso einen großen Bogen.

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Inzwischen erweist sich das alles als reichlich übertrieben. Klar, auf kurze Sicht drohen bei den Übernachtungszahlen Verluste; die Pfingstfeiertage, sonst höchste Hochsaison, hat G7 den Gastgebern von Garmisch verkorkst. Den Rekord von 411000 Übernachtungsgästen aus 2014 wird die Stadt womöglich dieses Jahr nicht überbieten können. Oder doch? „Wir können seriös noch nicht abschätzen, ob der G7-Gipfel positive oder negative Effekte auf die Tourismusentwicklung hat“, sagt Peter Ries, der stellvertretende Tourismusdirektor. Aber eines könne er jetzt schon sagen: „Garmisch-Partenkirchen ist nicht zu der abgeriegelten Geisterstadt geworden, wie viele im Vorfeld gemutmaßt hatten.“

 

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