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Gaia-X „Der Staat und Unternehmen machen sich erpressbar“

Quelle: imago images

Von der Cloud-Initiative Gaia-X hatten sich deutsche IT-Unternehmer einen Schub für die digitale Souveränität erwartet – und mehr Aufträge. Bequemlichkeit und mangelnde Fachkenntnis bei den Auftraggebern vermasseln den Start.

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Tobias Gerlinger ist Chef des nach der freien Software für das Speichern und den Austausch von Daten in der privaten Cloud benannten Nürnberger IT-Mittelständlers ownCloud.

WirtschaftsWoche: Herr Gerlinger, haben Sie eine Erklärung dafür, dass Privatunternehmen und Behörden noch immer im großen Stil bei US-Konzernen ordern, obwohl sich Europa aus der Abhängigkeit befreien soll?
Tobias Gerlinger: Das ist eine interessante Frage, die wir uns quasi tagtäglich stellen. Es ist noch mehr verbreitet in der öffentlichen Verwaltung als in den Konzernen.

Warum ärgert Sie das?
Die öffentliche Verwaltung sollte mit gutem Beispiel voran gehen. Die Anwendungen, mit denen wir heute den Büro-Alltag bestreiten, kamen zuerst aus den USA. Das hat natürlich einen Effekt: Sie sind jetzt seit zehn Jahren im Einsatz, und wenn neu ausgeschrieben oder neu bestellt wird, macht man sich nicht die Mühe, nach einer neuen, vielleicht besseren oder eben Datenschutz-konformen Lösung zu suchen.

Ist es bequemer, auf Bestehendes zu vertrauen?
Absolut.

Was würde es bedeuten, wenn man umstellen würde? Wäre das so einfach wie der Wechsel des Stromanbieters?
Sie müssen ein bisschen mehr tun. Sie müssen normalerweise Daten migrieren, also Daten von der einen Anwendung in die andere umziehen. Aber viele Anbieter bieten so einen Migrations-Service mit an. Teilweise auch kostenlos, um neue Kunden zu gewinnen. Der Aufwand hängt sehr stark von den Anwendungen ab. In manchen Bereichen ist es überhaupt kein Problem. In anderen Bereichen ist es vielleicht ein größeres Thema. Aber insgesamt ist das kein Grund, sich gar nicht nach anderen Lösungen umzusehen.

Wie viele Tage, Wochen oder Monate wäre man damit beschäftigt?
Das kann man so pauschal nicht sagen.



Können Sie ein Beispiel nennen?
ownCloud ist eine Datei-Ablage und -Austausch-Plattform, vergleichbar mit OneDrive von Microsoft. Bei OneDrive liegen Ihre Dateien bei Microsoft im Rechenzentrum, sprich: in der Microsoft-Cloud. Sie wissen in der Regel auch gar nicht, wo auf der Welt sie liegen. Bei uns, bei ownCloud, liegen die Daten dort, wo Sie ownCloud installieren. Also entweder in Ihrem eigenen Rechenzentrum oder in der privaten Cloud, die Sie beispielsweise in Amazon Web Services betreiben können. In einer beliebigen gehosteten Infrastruktur. Das ist dann aber immer noch Ihre private Cloud. Darauf hat niemand anderes Zugriff.

Wenn ich meine Daten bei Amazon habe, dann ist das doch auch ein US-amerikanischer Cloud-Anbieter...
Das ist absolut richtig. Aber unsere Anwendung ist keine Amazon-Anwendung. Wenn Sie als Firma kein eigenes Rechenzentrum haben, dann können Sie die Infrastruktur – sprich: die Rechnerkapazität und die Speicherkapazität – mieten, zum Beispiel bei Amazon.

Das würden Sie nicht als Problem bewerten?
Nein, das ist kein Problem, weil Amazon darauf nicht zugreifen kann und darf. Wir haben eine eigene gekapselte Anwendung, die läuft einfach nur auf der Infrastruktur von beispielsweise Amazon.

Also ich miete mir nur den Schrank von Amazon, die Fächer und die Kleiderbügel sind von Ihnen.
Genau, wir schieben die da rein. Amazon hat mit den Inhalt nichts zu tun. Das macht einen Riesen-Unterschied. Das eine nennt man Public Cloud, und da sind eben die amerikanischen Public Cloud tatsächlich ein Riesen-Problem, wegen des Cloud-Act usw.

… das US-Gesetz, das den Behörden dort Zugriff auf im Internet gespeicherte Daten erlaubt.
Genau. Das Gesetz steht im Widerspruch zur europäischen Datenschutzgrundverordnung. Das andere nennt man Private Cloud. Darauf hat niemand Zugriff. In dem Fall sieht es mit der Migration so aus, dass wir einen Connector haben zu OneDrive. Das heißt, Sie können die Anwendung parallel nutzen und quasi on the Fly, im Betrieb, können Sie die Dateien nahtlos in die OwnCloud verschieben. Sie können auch die Dateien klassifizieren – also bestimmten Dateien die Klassifizierung „streng vertraulich“ geben. Alles, was streng vertraulich ist, wird automatisch in die OwnCloud verschoben. Wenn das passiert ist – das kann je nach Datenmenge über Nacht sein oder auch mal eine Woche dauern –, dann schalten sie OneDrive ab oder nutzen beide Dateianlagen parallel. Da ist das überhaupt kein Problem.

Braucht man dazu speziell einen Informatiker, oder würden Sie das alles im Hintergrund erledigen?
Die Einrichtung ist vergleichsweise einfach, und wir bieten das auch als Service an.

Also ein Mittelständler oder eine kleinere Behörde, die solche Spezialisten gar nicht im Haus haben, müssten sich deshalb nicht sorgen?
Nein. Wir bieten auch einen so genannten Managed Service an. Also wir betreiben die ownCloud für den Kunden in seiner Infrastruktur oder der Infrastruktur seiner Wahl. Das Ganze hat noch einen positiven Nebeneffekt: Sie müssen nicht entweder oder machen, also entweder OneDrive oder ownCloud. Sie können auch beides parallel betreiben. Was den Effekt hat, dass Sie zum Beispiel unsensible Daten, Daten ohne Personen-bezogene Informationen, weiterhin in OneDrive lagern können. Alles, was sensibel oder kritisch ist, das können Sie in der ownCloud verwalten. Für den Endnutzer macht es keinen Unterschied, wo die Daten liegen.

Was hätte ich denn als Endnutzer für ein Interesse daran, zwei verschiedene Anbieter zu haben?
Sie vermeiden Datenschutzverstöße und den sogenannten Lock-in Effekt. Das heißt, Sie bekommen Ihre Daten irgendwann nicht mehr zu vertretbaren Kosten raus und sind gefangen. Beides kann teuer werden!

Warum setzen dennoch so viele Anwender gerade auf Microsoft?
Microsoft hat das schlau gemacht: In ihrem Office365-Paket ist OneDrive mit drin, das kostet nichts extra. Und das kann man auch nicht rausschneiden. Sie können kein Office365 ohne OneDrive günstiger kaufen. Es ist schon bezahlt. Und Office365 ist der Industrie-Standard. Das heißt, Office365 ist in jeder Firma drin, in öffentlichen Verwaltungen leider auch. Da ist es natürlich für das Management sehr verführerisch zu sagen, wir gucken nicht so genau hin, das ist ja schon bezahlt.

Macht sich Microsoft Ihrer Meinung nach zum Handlanger der US-Behörden?
Microsoft ist nicht das Problem, sondern die amerikanischen Überwachungs-Gesetze, denen Microsoft und Co. unterliegen! Ich denke, Microsoft würde viel mehr für den Datenschutz tun, wenn sie nicht qua Gesetz zur Herausgabe von Kundendaten an die Regierung gezwungen würden.

Sind wir da in Deutschland oder Europa insgesamt unbedarft?
Auf jeden Fall. Man sieht es ja jetzt nach dem Urteil zum Privacy Shield.

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