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„Gefährliche Belastungsprobe“ Das droht der Wirtschaft, wenn die Babyboomer in Rente gehen

Quelle: dpa

Wenn in den nächsten Jahren die Babyboomer in Rente gehen, wirbelt ihr Ausscheiden den Arbeitsmarkt massiv durcheinander. Mit potenziell gravierenden Folgen für jeden Beschäftigten, wie mehrere Studien jetzt zeigen.

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Innerhalb einer Woche warnen gleich zwei ausführliche Studien davor, dass eine Bevölkerungsgruppe für die deutsche Wirtschaft zum Wohlstandsrisiko werden könnte: die Babyboomer. Menschen also, die in den geburtsstarken Jahrgängen Mitter der Fünfziger- und bis Ende der Sechzigerjahre auf die Welt kamen. Und Menschen, die in den kommenden Jahren in Rente gehen. Ende vergangener Woche legte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln vor: 326.000.000.000 Euro. So viel Geld steht laut Michael Hüther, dem Direktor des Instituts auf dem Spiel, wie er der „Bild“-Zeitung erzählte. „Besonders das Ausscheiden der Babyboomer aus dem Arbeitsmarkt wird hauptsächlich zwischen 2025 und 2035 die Entwicklung von Wachstum und Lebensstandard in Deutschland erheblich bremsen, wenn es nicht gelingt, die Arbeitsproduktivität sehr deutlich zu erhöhen“, heißt es in einer Studie von Hüthers IW.

Am Donnerstag legte nun die Bertelsmann-Stiftung mit einer Studie, die Martin Werding, Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen der Ruhr-Universität Bochum, in Auftrag der Stiftung erstellte, nach: „Die Alterung der Bevölkerung“, sagt Andreas Esche von der Bertelsmann-Stiftung, werde zu einer „gefährlichen Belastungsprobe für Staatsfinanzen und Sozialsysteme“. Die Veränderungen kämen schleichend und verschleierten den Zeitdruck für notwendige Reformen.

Die Studie zeigt, wie stark sich die Beiträge der Sozialversicherungen in den kommenden Jahren entwickeln dürften: „Derzeit machen die Beitragssätze der Sozialversicherungen 39,8 Prozent der beitragspflichten Einkommen aus.“ Bis zum Jahr 2035 könnten die Beiträge auf 47,9 Prozent steigen, wenn die Politik nicht gegensteuert. Immerhin steigt der Anteil der Rentner und Pensionäre in den nächsten Jahren deutlich. Noch stünden 100 Erwerbsfähigen etwa 35 Rentner gegenüber. Bis 2035 kämen bereits 48 Rentner auf 100 Erwerbsfähige. Das IW Köln schätzt in seiner Studie, dass im gleichen Zeitraum die Zahl der Erwerbsfähigen, die zwischen 18 und 67 Jahre alt sind, um fünf Millionen Menschen zurückgehen wird.

Welche Auswirkungen die Verschiebungen auf dem Arbeitsmarkt noch haben dürften, zeigt die Studie der Bertelsmann-Stiftung unter anderem anhand der Bruttolöhne. Diese würden aufgrund der höheren Beiträge „stark steigen“ – und trotz des Fachkräftemangels die Nachfrage nach vor allem ungelernten Arbeitskräften bremsen. „Die Arbeitslosigkeit würde deutlich zunehmen und schon innerhalb der kommenden 15 Jahre die Arbeitslosenquote auf bis zu acht Prozent steigen, mit der Folge sinkender Einnahmen für alle Zweige der Sozialversicherung“, warnen die Forscher. Die Schuldenlast des Staates steige bis 2035 voraussichtlich auf 71,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP), im vergangenen Jahr lag sie bei gut 65 Prozent.

Die IW-Forscher veröffentlichten ihre Studie gemeinsam mit den Karriereplattformen Stepstone und der New Work SE sowie der Unternehmensberatung Kienbaum Consultants International. Dafür simulierten sie drei Szenarien: Im Basisszenario gehen die Forscher davon aus, dass das Arbeitsvolumen wie „demografisch vorgezeichnet“ stark sinken und damit auch das Wirtschaftswachstum verlangsamen dürfe. Der technische Fortschritt entwickle sich gleichmäßig weiter, „wenn auch in überschaubarem Ausmaß“. Doch weil Fachkräfte fehlten, geht das IW von weniger Innovationen aus. „Unter der Annahme eines solchen weitgehenden Weiter-So in der Politik steigt das reale Einkommen pro Kopf bis 2035 nur noch um durchschnittlich rund ein Prozent pro Jahr. Würde es in den kommenden Jahren genauso stark wachsen wie in den vergangenen drei Dekaden, dann läge der Lebensstandard im Jahr 2035 um gut 1600 Euro je Einwohner höher, so die Forscher.

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    Im positiven Szenario allerdings dürfte der Lebensstandard demnach schon um 3000 Euro höher liegen. Denn in diesem Szenario würde es gelingen, die Lücke der Baby-Boomer etwas auszugleichen. Mit mehr Fachkräften, mehr Kapital, mehr technischem Fortschritt. Das reale Einkommen pro Kopf wächst in diesem Szenario mit durchschnittlich 1,4 Prozent im Jahr. Dass es so kommen wird, ist keinesfalls ausgemacht: In einem Negativszenario gehen die Studienautoren von „investitionshemmenden Weichenstellungen“ aus, die die Wirtschaft bremsen würden und das reale Einkommen pro Kopf drücken: um bis zu 4000 Euro im Vergleich zum Basisszenario.



    Welche Maßnahmen bleiben der Politik?

    Wenig überraschend sind sich die Bertelsmann-Stiftung und das IW Köln in einer zentralen Forderung einig: Die Politik muss gegensteuern. „Die künftige Bundesregierung ist gefordert, auf die Schrumpfung der Bevölkerung zu reagieren, erst dann können auch die Unternehmen ihre Hausaufgaben erledigen.“ Ein „Weiter-So“ koste jeden Deutschen Wohlstand und könne nicht im Interesse der Politik sein, so Hüther. Auch bei den Hebeln, die eine neue Bundesregierung betätigen sollte, sind sich die Forscher auf einer Linie.

    Um die Beschäftigungslücke zu schließen, muss die Beschäftigung steigen. „Dafür müssten mehr Fachkräfte nach Deutschland kommen, zugleich müssten diese schneller integriert werden“, heißt es von der Bertelsmann-Stiftung. Auch laut dem IW helfe die Zuwanderung, um die „Fachkräftelücke“ zu schließen. Das Institut schlägt auch einen Ausbau von Kitas und Schulen vor, damit viele Eltern in Voll- statt in Teilzeit arbeiten. Das passt zu den Forderungen der Bertelsmann-Stiftung: „Auch müsste Frauen der Zugang zum Arbeitsmarkt weiter erleichtert werden. Derzeit stecken Mütter zu oft in der Zweitverdienerinnenfalle, weil die Betreuungsmöglichkeiten für Kinder noch immer nicht ausreichen“, so die Bertelsmann-Stiftung. Ruhr-Uni-Professor Werding fordert in seiner Studie auch eine Anhebung des Renteneintrittsalters, „indem zumindest ein Teil der gestiegenen Lebenserwartung in eine verlängerte Erwerbsphase übersetzt wird“.

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    „Lebenslanges Lernen und gezielte Weiterbildungen sind unverzichtbar, um ältere Beschäftigte langfristig am Arbeitsmarkt zu halten“, so das IW. Es brauche „optimale Bedingungen für private Investitionen, eine bessere öffentliche Infrastruktur und gute Marktzugangschancen für Unternehmen, die Innovationen anbieten“.

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