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Geldentwertung Die Inflation ist viel stärker als behauptet

Quelle: imago

Die Mittwoch veröffentlichten Inflationsraten vermitteln ein falsches Bild von den Folgen der EZB-Politik. Die Immobilienpreise steigen extrem – und führen zu einer sozialen Spaltung.

Die in Deutschland verbreitete Furcht vor Inflation scheint unbegründet: Um lediglich 1,6 Prozent sind die Verbraucherpreise im April 2018 gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch meldet. Das ist deutlich weniger als die von der EZB verkündete Zielmarke von zwei Prozent für die gesamte Eurozone.

In der Eurozone liegt die Inflationsrate sogar noch deutlich niedriger, wie das Statistikamt Eurostat mitteilt. Sie fiel auf 1,2 Prozent im April gegenüber 1,3 Prozent im März. Die EZB sieht sich dadurch in der Pflicht, die Inflation anzuheizen. Dabei hat die EZB über Wertpapierkäufe seit 2015 bereits weit mehr als zwei Billionen Euro in das Finanzsystem gepumpt. Und trotzdem ist der von den Währungshütern als ideal für die Konjunktur angestrebte Wert von knapp zwei Prozent noch immer nicht in Sichtweite. Die EU-Kommission geht in ihren jüngsten Vorhersagen davon aus, dass die Inflationsrate im laufenden und auch im nächsten Jahr mit 1,5 beziehungsweise 1,6 Prozent weiter unter dem EZB-Ziel bleiben wird.

Sind also alle Sorgen oder gar Ängste vor Preissteigerungen und damit Wertverlust von Geld und geldnahen Ersparnissen unbegründet? Ist das nur eine deutsche Marotte, die in der historischen Katastrophe der Hyperinflation von 1923 wurzelt? Sind die unvorstellbaren zwei Billionen Euro, die die EZB über Wertpapierkäufe aus dem Nichts in das Finanzsystem pumpte, also keine Bedrohung für Sparer und Gehaltsempfänger?

Wer beim Begriff „Inflation“ stets an Geldscheine mit vielen Nullen drauf denkt, für die man sich dann kaum eine Kleinigkeit kaufen kann, mag sich anhand der aktuellen Zahlen beruhigt fühlen. „Mama, wirf mir mal eine Million runter, ich will mir ein Abziehbildchen kaufen.“ Dieser sarkastische Witz der Zwanzigerjahre wird wohl tatsächlich nicht so bald wieder Wirklichkeit werden. Aber eine extrem starke und mittelfristig zu sozialen Verwerfungen führende Geldentwertung findet dennoch durchaus statt. Und zwar dort, wo das neue Geld eben in erster Linie landet: nicht im Konsum, sondern in der Vermögensanlage. Die Entwertung findet ihr Ventil bei den Vermögenspreisen, vor allem denen von Immobilien, die weder von der offiziellen deutschen noch der europäischen Statistikbehörde erhoben werden.

Zu erkennen ist dies jenseits der offiziellen Statistik am Vermögenspreisindex, den das Flossbach von Storch Research Institute in Köln sicher nicht zufällig zeitgleich mit den offiziellen Inflationszahlen veröffentlicht. Und der zeigt im Gegensatz zu den Verbraucherpreisindizes bedenkliche Steigerungen.

Quelle: Flossbach von Storch Research Institute

Die Vermögenswerte deutscher Haushalte haben sich, wie Autor Philipp Immenkötter schreibt, zum Ende des ersten Quartals 2018 um 8,3 Prozent im Jahresvergleich verteuert. Im letzten Quartal 2017 lag die Teuerungsrate der Vermögen bei rund 9,3 Prozent, was ein Rekordwert seit Beginn des Indizes 2005 war. Getragen wird der Preisanstieg von Sachwerten, vor allem Immobilien, während die Preise von Finanzwerten aufgrund der jüngsten Börsenturbulenzen sogar etwas rückläufig waren. Immobilien im Besitz deutscher Haushalte verteuern sich im Jahresvergleich um 9,1 Prozent – der höchste Preisanstieg seit Beginn des Index in 2005. Die Entwicklung am Immobilienmarkt ist also der maßgebliche Faktor für die hohe Vermögenspreisinflation.

Wohlhabende Haushalte (Nettovermögen von mehr als 470.000 Euro) sind, wie das Kölner Institut betont, die Profiteure dieser in der offiziellen Inflationsrate ausgeblendeten Geldentwertung. Die Preise ihrer Vermögensgüter steigen im Vergleich zum Vorjahresquartal um 9,7 Prozent an. Die untere Mittelschicht (Nettovermögen von rund 17.000 Euro) erfährt lediglich eine Preissteigerung von 2,6 Prozent. Der anteilsmäßig höhere Immobilienbesitz der Wohlhabenden und der hohe Anteil an Sparguthaben der Mittelschicht machen den Unterschied. Die wohlhabenden Haushalte profitieren auch nicht zuletzt durch die Preissteigerung ihres verhältnismäßig hohen Betriebsvermögens.

Fazit von Philipp Immenkötter: „Somit geht die Schere zwischen den wohlhabenden und ärmeren Haushalten weiter auseinander.“

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