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Gesetzesreform von Andrea Nahles Der Zeitarbeit droht eine sinnlose Befristung

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Wegen der Befristung droht ein Reallohnverlust

Beides steht ungewollt allerdings im Widerspruch zueinander. Wird die Koalitionsabsprache Gesetz, dann arbeitet sich eine Zeitarbeitskraft ein Dreivierteljahr lang zur Gleichbezahlung hoch, nur um den Bonus dann nach weiteren neun Monaten wieder zu verlieren. Denn wenn nach 18 Monaten Schluss ist, beginnt im besten Fall der nächste Kundeneinsatz auf unterem Tarifniveau, um nach wiederum neun Monaten Gleichbezahlung zu erreichen. Was Nahles damit erreicht, wäre faktisch ein deutlicher Reallohnverlust.

Warum Unternehmen Zeitarbeit einsetzen

In der idealen Welt mancher Gewerkschafter und vermutlich der Arbeitsministerin passiert zwar etwas anderes. Bei einer Diskussion in der vergangenen Woche äußerte die Hamburger DGB-Vorsitzende Katja Karger wie selbstverständlich die Erwartung, nach dem Ende der Höchstüberlassungsdauer würden Zeitarbeitskräfte vom Einsatzbetrieb übernommen.

Doch wahrscheinlich ist das nicht. Zum einen warten Unternehmen, die bewährte Zeitarbeitskräfte in die eigene Belegschaft übernehmen wollen, nicht anderthalb Jahre damit. Angesichts des Fachkräftemangels greifen sie früher zu.

Diese Berufsgruppen arbeiten am meisten
Vollzeitbeschäftigte Arbeitnehmer arbeiteten 2015 durchschnittlich 1.657 Stunden Quelle: ZB
ArbeitstageWas sich dagegen viel stärker geändert hat, sind die Tage, an denen gearbeitet wird. Von "Samstags gehört Vati mir" ist in vielen Branchen nichts mehr zu spüren: Im Jahr 2015 arbeitete gut jeder Vierte (26,5 Prozent) ständig oder regelmäßig an Samstagen oder Sonntagen. 20 Jahre zuvor, im Jahr 1996, waren es noch 23,5 Prozent. Bis zum Jahr 2007 war der Anteil auf den bisherigen Höchststand von 27,8 Prozent angestiegen und bis 2015 wieder etwas zurückgegangen. Quelle: dpa
Wohnungsanzeige Quelle: dpa
Ein junger Mann liest kleinen Kindern etwas vor Quelle: dpa
Zwei Männer putzen Fenster Quelle: dpa/dpaweb
Zwei Frauen richten ein Bett in einem Hotel Quelle: dpa/dpaweb
Ein Mann arbeitet an einer Maschine Quelle: dpa

Vertretungen dauern oft länger als 18 Monate

Wer nach 18 Monaten noch als Zeitarbeitskraft in einem Einsatz beim Kunden ist, ist es aus anderen Gründen: beispielsweise weil ein technisches Entwicklungsprojekt in der Auto- oder Softwareindustrie oder eine Elternzeitvertretung oft schlicht länger dauert als anderthalb Jahre. Wenn ein Kundenunternehmen die Zeitarbeitskraft für den Rest dieser Zeit übernehmen würde, dann sicher befristet. Dafür müsste der Arbeitnehmer aber ein meist unbefristetes Arbeitsverhältnis mit dem Zeitarbeits-Arbeitgeber aufgeben. Kein guter Deal.

In Deutschland sind Zeitarbeitsunternehmen „vollwertige Arbeitgeber mit allen gesetzlichen Pflichten plus denen aus dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz“, erklärte Jaques van den Broek, Vorstandschef des in Deutschland führenden Zeitarbeitsunternehmens Randstad, kürzlich im WirtschaftsWoche-Interview: „Sie stellen die Mitarbeiter bei sich selber fest an – befristet oder unbefristet – und zahlen Lohn auch für einsatzfreie Zeiten.“

Was sich Fachkräfte von Zeitarbeit versprechen

In keinem anderen Land – ausgenommen in Österreich – seien Zeitarbeits-Jobs „so sicher sind wie in Deutschland“. Und seit Mindestlohn, politischer Intervention und tarifvertraglicher Aufwertung sind sie in der Regel auch nicht mehr prekär, sondern einfach eine Chance, Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder verschiedene Arbeitgeber quasi zu testen.

Noch schlimmer kommt es aber, wenn die Zeitarbeitsunternehmen für die von Nahles zurückgeschickten Mitarbeiter keinen neuen Einsatz finden. Dann steht das sichere Beschäftigungsverhältnis bald in Frage.

In Arbeit
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Bei den derzeit rund 800.000 Beschäftigten der Branche dauert immerhin mehr als ein Fünftel der Einsätze länger als 18 Monate. Diese per Gesetz vorzeitig zu beenden, „ist vor allem bei höher qualifizierter Projektarbeit nachteilig für Kunden und Mitarbeiter“, sagt der Randstad-Chef. „Weshalb also die 18 Monate?“, fragt van den Broek und will die Befristung notfalls per Klage verhindern.

Die Verhältnisse haben sich umgekehrt. War in der Vergangenheit politischer Druck notwendig, damit sich die Zeitarbeitsbranche von ihren Wildwestmethoden verabschiedete und etwa mit der IGZ-Schlichtungsstelle ihren Wandel unter Beweis stellte, so macht nun die Wirtschaft Druck auf die Politik. Um eine sinnlose Regulierung zu verhindern.

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