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Gesprächsprotokolle von Helmut Kohl Eine formidable Lesertäuschung

Heribert Schwan ist mit den Kohl-Protokollen ein Vermächtnis gelungen. Es sagt allerdings mehr über den Autor aus als über den Ex-Kanzler. Eine Rezension.

Wer in den Kohl-Protokollen völlig neue Einblicke in das Seelenleben des Machtmenschen Helmut Kohl erwartet, wird enttäuscht. Quelle: REUTERS

Was wurde nicht schon alles über Helmut Kohl geschrieben: abwägende Biographien, devote Huldigungen und schonungslose Portraits. Interessierten steht bereits eine umfassende Palette an einschlägiger Literatur rund um den Ex-Kanzler zur Verfügung. Das heute erscheinende Buch „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“ verspricht wieder einmal völlig neue Einblicke in das Seelenleben des Machtmenschen Helmut Kohl. Das ist freilich eine formidable Lesertäuschung.

Anders als der Titel vermuten lässt, ist das Buch keineswegs eine reine Abschrift jener Gespräche, die der ehemalige WDR-Journalist und Ghostwriter der Kohl-Memoiren, Heribert Schwan, mit dem Ex-Kanzler vor mehr als zwölf Jahren geführt hat. Es ist vielmehr nur eine bescheidene „Essenz“ jener mehr als 600 Stunden langen Tonbandaufzeichnungen. Die Zitate sind aus rechtlichen Gründen sehr knapp bemessen. Schlimmer noch: Im Kern geht es in dem Buch gar nicht um Kohl, sondern um den Autor selbst.

"Merkel konnte ja nicht mit Messer und Gabel essen"
Altkanzler Helmut Kohl darf die Tonbänder mit seinen Lebenserinnerungen behalten. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden. Damit scheiterte der Publizist Heribert Schwan mit seiner Revision in Karlsruhe. Der Journalist hatte mit Kohl darum gestritten, wem die Bänder gehören. Ihnen wird ein erheblicher historischer Wert zugestanden. Kohl habe einen Herausgabeanspruch gegen den Publizisten, sagte die Vorsitzende Richter Christina Stresemann in Karlsruhe. Die Bänder befinden sich bereits im Besitz von Kohls Anwalt. Der Journalist Schwan hatte in den Jahren 2001 und 2002 lange Gespräche mit Kohl aufgezeichnet. Auf der Grundlage dieser Gespräche verfasste Schwan drei Memoirenbände, in denen jedoch nur Kohl als Autor genannt wird. Während der Arbeiten zum vierten und letzten Band kam es zum Zerwürfnis und Kohl beendete die Zusammenarbeit. Der ehemalige Bundeskanzler klagte auf Herausgabe der Bänder und bekam in den Vorinstanzen recht, zuletzt beim Oberlandesgericht Köln. Schwan legte Revision ein. „Die Revision wird zurückgewiesen“, entschied der BGH nun. Nachfolgend einige Zitate im Überblick: Quelle: AP
Die damalige Umweltministerin Angela Merkel mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl im April 1995: „Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte bei den Staatsessen herum, sodass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musst“, zitiert der „Spiegel“ den Ex-Kanzler. Quelle: REUTERS
Diese und weitere Zitate hat Heribert Schwan an die Öffentlichkeit gegeben. Kohls Ghostwriter verfasste die Memoiren des Altbundeskanzler, die unter dem Titel „Kanzler der Einheit“ erschienen sind. Von 2001 bis 2002 zeichnete der WDR-Journalist die Gespräche mit Kohl auf – in 105 Sitzungen kam er auf über 600 Stunden Material. In den Gesprächsprotokollen soll Kohl deutliche Worte für seine Parteifreunde gefunden haben, Schwan veröffentlicht einen Teil der Gesprächsprotokolle in seinem Band „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“. Das Nachrichtenmagazin der „Spiegel“ zitiert daraus vorab in seiner aktuellen Ausgabe. Quelle: dpa
Friedrich Merz und Angela Merkel im Bundestag 2000: Über die beiden soll Kohl gesagt haben „Die Merkel hat keine Ahnung, und der Fraktionsvorsitzende ist ein politisches Kleinkind.“ Quelle: AP
Christian Wulff mit Helmut Kohl 1998: „Das ist ein ganz großer Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null.“ Das soll Kohl in den Gesprächen mit dem WDR-Journalisten Schwan über den Ex-Bundespräsidenten gesagt haben. Quelle: AP
Kohl soll seinen damaligen CDU-Generalsekretär Heiner Geißler als „hinterfotzig“ bezeichnet haben – ebenso wie Arbeitsminister Norbert Blüm und Finanzminister Gerhard Stoltenberg. Die Partei habe Kohl in Freunde und Feinde eingeteilt, schwarz und weiß, etwas dazwischen habe es kaum gegeben. Quelle: imago
So harmonisch wie in diesem Foto 1997 war das Verhältnis von Altbundeskanzler Kohl und dem damaligen Sozialminister Norbert Blüm offenbar nicht. „Da muss bei Blüm das Wort rein: Verräter. In irgendeiner Form“, so Kohl. In den Memoiren hieß es schließlich, es sei falsch gewesen, bis zum Ende an Blüm als Minister festzuhalten. Und: „Im Lichte der Ereignisse frage ich mich heute, wie ich mich so in seinem Charakter täuschen konnte.“ Quelle: AP

So schreibt Heribert Schwan auf den ersten 60 Seiten des knapp 250-Seiten langen Werks über Heribert Schwan. Das klingt dann so: „Als Kohl 1982 den sozialdemokratischen Bundeskanzler Schmidt stürzte, habe ich, damals Hörfunkredakteur beim Deutschlandfunk, im Studio mit den Tränen gekämpft und dachte, das darf doch nicht wahr sein, dass dieser Mann jetzt an die Macht kommt.“

Aber: „Irgendwie mochte ich diesen Kerl […]. Ich empfand das Bedürfnis, den unsanft aus der Macht Gefallenen beim Abfassen seiner Verteidigungsrede in einem öffentlich nicht immer fair geführten Prozess zu unterstützen.“

Und diese Unterstützung funktionierte ganz wunderbar. Die ersten drei Bände von Kohls autobiographischen „Lebenserinnerungen“ erschienen 2004, 2005 und 2007. Beide Seiten waren äußerst zufrieden, die Bücher Bestseller.

Doch im Februar 2008 – die ersten 350 Seiten des abschließenden vierten Bandes hatte Schwan schon fertig geschrieben – kam es zu jenem „fatalen Unfall, der Kohls weiteres Leben so dramatisch verändern sollte. War es ein Sturz auf den Hinterkopf? War es ein Infarkt? Er kann jedenfalls kaum noch sprechen […]. Er ist nicht mehr Herr seiner selbst“.

Seitdem ist alles anders. Helmut Kohls zweite Frau, Maike Kohl-Richter, wolle sich „die alleinige Deutungshoheit“ über das Vermächtnis des Ex-Kanzlers sichern. „Diesem Ansinnen gilt es sich zu widersetzen. Auf juristischem, aber eben auch auf publizistischem Wege“, schreibt Schwan. „Nun wird nichts mehr gefiltert. Helmut Kohl darf Klartext reden.“

Bahnbrechende Erkenntnisse bleiben dabei freilich aus. Kohl lästert, wie er es immer getan hat. Fällt schonungslose Urteile, ist gnadenlos, teils einfach nur bitterböse. Eine Kostprobe:

  • Angela Merkel: „Diese Dame ist ja wenig vom Charakter heimgesucht.“ Da könne „man sich nur bekreuzigen“. 1999 forderte Angela Merkel in der FAZ eine Trennung von Kohl.
  • Christian Wulff: „Das ist ein ganz großer Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null.“ Wulff hatte sich nach Ansicht von Kohl viel zu despektierlich über den Ex-Kanzler geäußert.
  • Rita Süssmuth: „Die Schreckschraube, die sich wegen günstiger Todesfälle in der Frauenunion hochhievte ins Kabinett.“ Kohl nahm Süssmuth besonders übel, dass sie ihn immer wieder daran erinnerte, dass Macht in einer Demokratie teilbar sein sollte.
  • Lothar Späth: „Er ist natürlich einer der Dreckigsten.“ Späth hat mit anderen „Verrätern“ versucht, Kohl am Parteitag 1976 zu stürzen.
  • Christian Ströbele: „ein Subjekt.“ Ströbele hat es gewagt, Kohl im CDU-Spendenausschuss mit präzisen Fragen zu traktieren.
  • Otto von Lambsdorff: „Ein Büttel des Großkapitals.“ Kohl nahm Lamdsdorff vor allem seine Indiskretionen übel.
  • Hildegard Hamm-Brücher: „Diese Spezialziege, eines der bösesten Weiber in der Geschichte der Republik.“ Hamm-Brücher hat von Kohl immer wieder gefordert, die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen und Kohl damit zur Weißglut gebracht.
Inhalt
  • Eine formidable Lesertäuschung
  • Kohl pur
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