Gesprächsprotolle von Helmut Kohl Tribunal statt Tribüne

Die Präsentation der stark verkürzten Gesprächsprotolle von Helmut Kohls Lebenserinnerungen befasst sich nicht mit dem Altkanzler - sondern der zweifelhaften Entstehung des Buches.

"Merkel konnte ja nicht mit Messer und Gabel essen"
Altkanzler Helmut Kohl darf die Tonbänder mit seinen Lebenserinnerungen behalten. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden. Damit scheiterte der Publizist Heribert Schwan mit seiner Revision in Karlsruhe. Der Journalist hatte mit Kohl darum gestritten, wem die Bänder gehören. Ihnen wird ein erheblicher historischer Wert zugestanden. Kohl habe einen Herausgabeanspruch gegen den Publizisten, sagte die Vorsitzende Richter Christina Stresemann in Karlsruhe. Die Bänder befinden sich bereits im Besitz von Kohls Anwalt. Der Journalist Schwan hatte in den Jahren 2001 und 2002 lange Gespräche mit Kohl aufgezeichnet. Auf der Grundlage dieser Gespräche verfasste Schwan drei Memoirenbände, in denen jedoch nur Kohl als Autor genannt wird. Während der Arbeiten zum vierten und letzten Band kam es zum Zerwürfnis und Kohl beendete die Zusammenarbeit. Der ehemalige Bundeskanzler klagte auf Herausgabe der Bänder und bekam in den Vorinstanzen recht, zuletzt beim Oberlandesgericht Köln. Schwan legte Revision ein. „Die Revision wird zurückgewiesen“, entschied der BGH nun. Nachfolgend einige Zitate im Überblick: Quelle: AP
Die damalige Umweltministerin Angela Merkel mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl im April 1995: „Frau Merkel konnte ja nicht richtig mit Messer und Gabel essen. Sie lungerte bei den Staatsessen herum, sodass ich sie mehrfach zur Ordnung rufen musst“, zitiert der „Spiegel“ den Ex-Kanzler. Quelle: REUTERS
Diese und weitere Zitate hat Heribert Schwan an die Öffentlichkeit gegeben. Kohls Ghostwriter verfasste die Memoiren des Altbundeskanzler, die unter dem Titel „Kanzler der Einheit“ erschienen sind. Von 2001 bis 2002 zeichnete der WDR-Journalist die Gespräche mit Kohl auf – in 105 Sitzungen kam er auf über 600 Stunden Material. In den Gesprächsprotokollen soll Kohl deutliche Worte für seine Parteifreunde gefunden haben, Schwan veröffentlicht einen Teil der Gesprächsprotokolle in seinem Band „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“. Das Nachrichtenmagazin der „Spiegel“ zitiert daraus vorab in seiner aktuellen Ausgabe. Quelle: dpa
Friedrich Merz und Angela Merkel im Bundestag 2000: Über die beiden soll Kohl gesagt haben „Die Merkel hat keine Ahnung, und der Fraktionsvorsitzende ist ein politisches Kleinkind.“ Quelle: AP
Christian Wulff mit Helmut Kohl 1998: „Das ist ein ganz großer Verräter. Gleichzeitig ist er auch eine Null.“ Das soll Kohl in den Gesprächen mit dem WDR-Journalisten Schwan über den Ex-Bundespräsidenten gesagt haben. Quelle: AP
Kohl soll seinen damaligen CDU-Generalsekretär Heiner Geißler als „hinterfotzig“ bezeichnet haben – ebenso wie Arbeitsminister Norbert Blüm und Finanzminister Gerhard Stoltenberg. Die Partei habe Kohl in Freunde und Feinde eingeteilt, schwarz und weiß, etwas dazwischen habe es kaum gegeben. Quelle: imago
So harmonisch wie in diesem Foto 1997 war das Verhältnis von Altbundeskanzler Kohl und dem damaligen Sozialminister Norbert Blüm offenbar nicht. „Da muss bei Blüm das Wort rein: Verräter. In irgendeiner Form“, so Kohl. In den Memoiren hieß es schließlich, es sei falsch gewesen, bis zum Ende an Blüm als Minister festzuhalten. Und: „Im Lichte der Ereignisse frage ich mich heute, wie ich mich so in seinem Charakter täuschen konnte.“ Quelle: AP

 

Es sollte eine richtig schöne Tribüne werden, und der Ort hätte kaum zentraler sein können: Ins noble Westin Grand Hotel Unter den Linden/Ecke Friedrichstraße hatte der Heyne Verlag gebeten, um die „Kohl-Protokolle“ zu präsentieren. Die rummeltaugliche Essenz von hunderten Stunden mitgeschnittenen Gesprächen des Journalisten Heribert Schwan mit Altkanzler Helmut Kohl, gepresst zwischen zwei Buchdeckel.

Wie zu einem Starauftritt zog Schwan mit seinem Co-Autoren Tilman Jens zwischen Kameras hindurch in den Saal ein. Doch statt einer Tribüne für den erhofften Umsatzrenner „Vermächtnis“ wurde aus der Pressekonferenz ein Tribunal.

Die meisten Fragen rankten sich nämlich nicht um den Inhalt, sondern um die zweifelhaften Umstände, unter denen das gut 250 Seiten starke Werk entstanden ist. In den Jahren 2001 und 2002 trafen sich Kohl und Schwan zu 105 Sitzungen im Oggersheimer Bungalow Kohls, um dessen Lebensgeschichte aufzuarbeiten. Kohl selbst hatte den damaligen WDR-Mitarbeiter Schwan darum gebeten, seine Erfahrungen und Hunderte Dokumente aufzuarbeiten.

Drei Bände Lebenserinnerungen

Daraus entstanden bislang drei dicke Bände „Lebenserinnerungen“, die in den Jahren 2004, 2005 und 2007 erschienen. Der vierte Band wurde nicht fertiggestellt – wohl vor allem, weil es zu einem Zerwürfnis zwischen Schwan und Kohls neuer Ehefrau Maike Kohl-Richter kam.

Dieser Streit, der unlängst in einer Gerichtsentscheidung über die Herausgabe der Tonbandmitschnitte jener 105 Gespräche gipfelte, scheint auch einer der Gründe zu sein, weshalb Schwan jetzt sein eigenes Buch vorstellte.

Darin verwendet er unter anderem jene Aussagen von Kohl, die dieser für seine Memoiren ausdrücklich nicht freigegeben hatte. Werbewirksam ließ der Verlag vorab schon mal allerlei Schmähungen politischer Gegner und vor allem natürlich eigener Parteifreunde Kohls durchsickern.

Gleich mehrmals begründete Schwan in der Pressekonferenz, Kohl habe oft gesagt: „Schwan, das kannst Du später mal schreiben, wenn ich tot bin.“ Nur: Helmut Kohl ist nicht tot, er ist jedoch sprachlich jeweils nur für kurze Zeit artikulationsfähig.

Helmut Kohl – von blühenden Landschaften zur Selbstdemontage
Im Schatten des Alten: Das Bild aus dem Jahr 1967 zeigt Helmut Kohl, damals gerade Landesvorsitzender der rheinland-pfälzischen CDU, wie er seinem politischen Vorbild Konrad Adenauer folgt. Der junge Kohl hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine steile Parteikarriere hinter sich: Mit 17 Jahren war er 1947 in die CDU eingetreten, seit 1955 hatte er einen Sitz im Landesvorstand inne. 1959 war er in den Landtag von Rheinland-Pfalz gewählt worden, vier Jahre später hatte er den Vorsitz der CDU-Landtagsfraktion übernommen. 1964 war Kohl in den Bundesvorstand der CDU eingezogen. Quelle: dpa
Am 19. Mai 1969 übernimmt Kohl von Peter Altmeier das Amt des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten. Ein Sonderparteitag der CDU wählt ihn am 12. Juni 1973 in Bonn zum Bundesvorsitzenden der Partei. Zwei Jahre zuvor hatte er sich noch Rainer Barzel geschlagen geben müssen. Das Foto zeigt Kohl mit seiner Ehefrau Hannelore und den Söhnen Peter (r.) und Walter im Sommerurlaub im österreichischen St. Gilgen. Quelle: dpa
Im Juni 1975 tragen die Präsidien von CDU und CSU Helmut Kohl die Kanzlerkandidatur an. Kohl nimmt an - und verliert. Bei der Wahl am 3. Oktober 1976 kann der Kanzlerkandidat zwar mit 48,6 Prozent das bis dahin zweitbeste Ergebnis aller Zeiten für die Unionsparteien einfahren, erreicht aber nicht die Ablösung der Regierung Schmidt. Nach der Wahl gibt Kohl das Ministerpräsidentenamt in Rheinland-Pfalz an Bernhard Vogel ab und geht als Oppositionsführer nach Bonn. Quelle: rtr
Nachdem die FDP 1982 die Koalition mit der SPD verlassen hat, gelingt es Helmut Kohl, sich in einem konstruktiven Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Helmut Schmidt durchzusetzen. Der Bundestag wählt ihn am 1. Oktober 1982 zum Kanzler. Bereits vor der Verkündung des Abstimmungsergebnisses nimmt Kohl die Glückwünsche seiner Parteifreunde entgegen. Quelle: dpa
Nach dem gewonnen Misstrauensvotum macht Kohl im Dezember 1982 den Weg für Neuwahlen frei. Er stellt die Vertrauensfrage und bekommt wie vorher abgesprochen keine Mehrheit. Bei der Bundestagswahl am 6. März 1983 erreicht die Union 48,8 Prozent der Wählerstimmen und bildet eine Koalition mit der FDP. Der Bundestag wählt Kohl am 29. März erneut zum Kanzler. Das Foto zeigt ihn, wie er nach der Wahl auf seine Vereidigung wartet. Kohl ist am Ziel - und am Anfang. Quelle: dpa
Zu einer historischen Geste kommt es am 22. September 1984: Der französische Staatspräsident Francois Mitterrand und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl reichen sich über den Gräbern von Verdun auf dem Soldatenfriedhof Douaumont die Hand. Ähnlich wie der Kniefall von Willy Brandt in Warschau wird der Handschlag von Verdun zu einem Symbol, das es in die Geschichtsbücher schafft - er steht sinnbildlich für die deutsch-französische Aussöhnung. Quelle: dpa
Am 7. September 1987 empfängt Helmut Kohl den DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker mit militärischen Ehren in Bonn. Für Honecker ist das der Höhepunkt seiner Karriere - er wird behandelt wie die Regierungschefs aus Washington, London oder Paris. Honecker und die DDR werden jetzt auch von der Bundesrepublik anerkannt, an eine baldige Wiedervereinigung glaubt kaum noch jemand. Zwei Jahre später fällt die Mauer. Quelle: dpa

Die Journalisten wollten von Schwan denn auch vor allem wissen, wie sich sein Veröffentlichungsdrang mit der Vertraulichkeit der Gespräche im Bungalow vereinbaren lässt. Etwas spitzfindig rechtfertigte sich Schwan, dass nur in dem Vertrag für die Herausgabe der Kohl-Memoiren verabredet worden sei, dass der Altkanzler das letzte Wort darüber habe, welche Formulierungen freigegeben und gedruckt würden.

Keine Schweigepflicht unterschrieben

Für alles sonst Gesprochene gelte das nicht, zumal Kohl ihn ja – siehe oben – geradezu ermuntert habe, andere Sprüche später ebenfalls zu publizieren. „Ich hätte niemals eine Schweigepflicht unterschrieben“, beharrte Schwan – obwohl er genau dies mit Blick auf die Memoiren gemacht hatte. Und Kohls „später mal“, erklärt Schwan auf eine weitere Frage, „habe ich so verstanden, dass es nach dem Erscheinen des vierten Bandes gemeint war“. Erschienen ist der allerdings bisher auch nicht.

Angesichts des vorangegangenen Prozesses und der offensichtlich erwarteten Kritik hatte der Verlag denn auch gleich seinen Justiziar mit zum Termin im Westin Grand gebracht. Der erklärte, man habe den Autoren extra geraten, sie sollten immer „nur kurz zitieren“, damit es keinen Ärger wegen des Kohlschen Urheberrechts gebe.

Auch habe man vermieden, „Intimes“ zu veröffentlichen – es sei denn, Kohl habe es bereits selbst zuvor an anderer Stelle ausgeplaudert. Das alles passt allerdings nicht zur Behauptung, Kohl habe die Veröffentlichung seiner sonstigen Schmähungen über Parteifreunde zu Lebzeiten befürwortet.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Umgekehrt pocht Schwan auf sein enges Verhältnis zum Altkanzler: „Der Helmut Kohl hat mir vertraut.“ Schwierig sei es erst mit Kohls neuer Ehefrau geworden. Die habe die Deutungshoheit über das Geschichtsbild des Kanzlers in der Öffentlichkeit erringen wollen, obwohl doch er, Schwan, von Kohl für diese Rolle vorgesehen gewesen sei.

2009, als er gerade die erste Hälfte des vierten Memoiren-Bandes fertiggestellt hatte, habe ihn Maike Kohl-Richter quasi vor die Tür gesetzt; Kohls Anwälte teilten mit, er sei fortan unerwünscht. Damit sei dann die Zusammenarbeit beendet gewesen.

Das hat Schwan offensichtlich nicht verwunden. Fast sieht er sich nicht nur als Opfer Kohl-Richters, sondern auch der Gesellschaft, wenn er seufzt: „Helmut Kohl ist mein Lebensthema geworden, das habe ich mir ja nicht ausgesucht.“ Der Satz könnte von Kohl sein.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%