WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Gesundheitsreform Pflegeversicherung wird zur tickenden Zeitbombe

Seite 2/2

Unterschätzte Wähler

Pflegebedürftige in Deutschland

Dann allerdings wären die Finanzprobleme umso größer. So prognostizierten die Sozialexperten der Bundesbank in ihrem Juni-Monatsbericht: „Spätestens ab dem kommenden Jahr ist mit Defiziten zu rechnen, weil die Ausgaben infolge steigender Leistungssätze deutlich schneller wachsen dürften als die Einnahmen.“

In der Versicherung tickt eine Zeitbombe: Nach offiziellen Prognosen wird die Zahl der Pflegebedürftigen von heute 2,38 Millionen bis 2050 auf 4,5 Millionen klettern (siehe Grafik). Der Pflegebeitragssatz könnte dann auf 4,5 Prozent hochschießen, fürchtet Bernd Raffelhüschen, Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge an der Universität Freiburg. Versicherungsexperten der Deutschen Bank rechnen gar mit einem Anstieg auf 7,0 Prozent. Ohne Reform stößt das Umlageverfahren an seine Grenzen.

Dabei unterschätzen die Politiker allerdings den Realitätssinn ihrer Wähler. Nach einer noch unveröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa haben die meisten Bürger kein Problem mit der privaten Vorsorge für die Pflege, im Gegenteil. 65 Prozent der 1003 Befragten halten es für besser, wenn jeder Bürger durch monatliche Bei-träge von 10 bis 20 Euro eine private Zusatzabsicherung aufbauen würde. Nur 27 Prozent plädieren für die Alternative, den allgemeinen Beitrag zur Pflegeversicherung immer weiter anzuheben.

Besonders hoch ist die Vorliebe für die Kapitaldeckung mit 73 Prozent bei den 30- bis 40-Jährigen und mit 74 Prozent bei den Haushalten mit einem Nettoeinkommen über 3000 Euro. Je geringer die Einkünfte, desto geringer allerdings auch die Akzeptanz der privaten Vorsorge: Von den Befragten mit einem Einkommen unter 1500 Euro hegen nur noch 57 Prozent Sympathien für die Zusatzvorsorge.

Die Umfrage hat die Ideal-Versicherung in Auftrag gegeben, die vor den Koalitions-verhandlungen nun selbst ein Modell für eine obligatorische private Zusatzvorsorge vorlegt. Um bei schwerster Pflegebedürftigkeit (Stufe drei) eine monatliche Pflegerente von 500 Euro zu erhalten, müsste danach ein 20-Jähriger einen Beitrag von 11,50 Euro zahlen. 40-Jährige müssten bei Vertragsabschluss mit 19,95 Euro rechnen, 50-Jährige mit 28,98 Euro.

Die Rechnung funktioniert auch anders herum: Koalitionspolitiker diskutieren intern einen möglichen Zusatzbeitrag von etwa zehn Euro. Pro zehn Euro Beitrag könnte ein 20-Jähriger, der heute einen Vertrag abschließt, im schweren Pflegefall mit einer monatlichen Rente von 434,88 Euro rechnen. Ein 40-Jähriger erhielte nach den Ideal-Berechnungen 250,65 Euro, ein 50-Jähriger 172,55 Euro. Die Experten des Kanzleramts haben die Vorlage bereits auf dem Schreibtisch.

Dabei hat sich die Koalition bei vielen Fragen noch gar nicht festgelegt. Soll ein Kapitalstock innerhalb der Sozialversicherung aufgebaut werden, oder soll man das Geschäft privaten Anbietern überlassen? Für welche Altersgruppen lohnt sich die Vorsorge? Und muss man nicht auch die Arbeitgeber beteiligen?

Über Details könne man immer reden, sagt CDU-Politiker Spahn. Entscheidend sei, dass es bald zu einer Reform käme. Alles andere wäre „zukunftsvergessen“, haben die jungen Unions-Abgeordneten in ihrem Brandbrief geschrieben.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%